„Endstation Sehnsucht“ in Osnabrück
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Musikalisch unerquicklich spröde: „Endstation Sehnsucht“ in Osnabrück


Mit „Endstation Sehnsucht“ bringt das Theater Osnabrück ein Werk auf die Bühne, das den amerikanischen Traum längst als Ruinenlandschaft begreift. André Previns Oper nach Tennessee Williams’ berühmtem Drama ist kein Stück der großen Melodien und gefälligen Arien, sondern eine musikalische Zumutung im besten wie im unerquicklichsten Sinn. Die Osnabrücker Produktion unter der Regie von Ulrich Mokrusch begegnet dieser sperrigen Vorlage mit großer Konsequenz und beeindruckender Bildkraft – und macht gerade dadurch sichtbar, wie erschreckend gegenwärtig dieses Drama geblieben ist.

Mokrusch zeigt das Leben ohne jede Beschönigung. Seine Inszenierung siedelt die Handlung nicht in nostalgischer Südstaatenromantik an, sondern in einem Amerika, das bereits tief beschädigt wirkt. Politische Lager, soziale Klassen und kulturelle Milieus stehen sich unversöhnlich gegenüber. Jeder Dialog gerät zum Stellungskrieg. Tennessee Williams’ Figuren erscheinen hier als Menschen, die von gesellschaftlichen Umbrüchen regelrecht zerrieben werden. Der Regisseur Mokrusch arbeitet diese Konflikte mit einer bemerkenswert klaren Figurenzeichnung heraus: Stanley Kowalski bleibt brutal, Stella gefangen zwischen Abhängigkeit und Selbstverleugnung, Blanche eine Frau, die ihre eigene Lebenslüge längst nicht mehr kontrollieren kann.

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Dass diese Welt so eindringlich sichtbar wird, liegt wesentlich an Bühne und Kostümen von Timo Dentler und Okarina Peter. Im Zentrum steht ein silberner Caravan, wie man ihn aus amerikanischen Trailerparks kennt: heruntergekommen, stumpf glänzend, ein letzter Rest gescheiterter Mobilitätsversprechen. Daneben eine Straßenlaterne mit Telefon, ein Strommast, Campingstühle vor einem Kühlschrank, hinter einer Plastikplane der improvisierte WC-Bereich. Dieses Bühnenbild erzählt permanent vom sozialen Absturz. Alles wirkt verbraucht, provisorisch und trostlos. Auch die Kostüme fügen sich überzeugend in diese Atmosphäre ein – sie verorten die Figuren präzise in Zeit, Herkunft und Milieu.

Musikalisch allerdings verlangt „Endstation Sehnsucht“ dem Publikum einiges ab. André Previns Partitur verweigert sich über weite Strecken jedem Wohlklang. Sie lärmt, schichtet Dissonanzen übereinander, zerfasert rhythmisch und gönnt sich nur selten jene jazzigen Passagen, in denen plötzlich eine Ahnung amerikanischer Nachtclubkultur aufscheint. Gerade diese Momente besitzen Reiz, weil sie kurzzeitig Luft in das ansonsten dicht gedrängte Klangbild lassen. Der überwiegende Teil der Musik bleibt jedoch unerquicklich spröde. Melodien entstehen kaum, vielmehr scheint die Partitur die Figuren unablässig unter Druck zu setzen. Das ist kompositorisch konsequent gedacht, macht den Abend aber streckenweise zäh.

Umso bemerkenswerter ist die Leistung des Osnabrücker Symphonieorchesters unter der Leitung von Christopher Lichtenstein. Der Generalmusikdirektor des Hauses hält diese komplexe, hochgradig zerklüftete Partitur mit großer Souveränität zusammen. Die schwierigen rhythmischen Verschiebungen, die abrupten dynamischen Wechsel und die zahlreichen klanglichen Überlagerungen geraten erstaunlich transparent. Gerade weil die Musik so wenig Entgegenkommen zeigt, wird hörbar, wie konzentriert und differenziert hier musiziert wird. Das Orchester stemmt diese Herausforderung mit imponierender Präsenz.

Auch gesanglich überzeugt die Produktion durchweg. Susann Vent-Wunderlich gestaltet Blanche DuBois als Frau auf der Schwelle zwischen aristokratischer Pose und vollständigem Kontrollverlust. Ihr Sopran besitzt jene Mischung aus Schärfe und Fragilität, die diese Figur benötigt. Jan Friedrich Eggers gibt Stanley Kowalski mit bedrohlicher Körperlichkeit und vokaler Wucht. Seine Aggression dominiert jede Szene. Susanna Edelmann zeichnet Stella als zerrissene Figur, die ihre eigene Verwundbarkeit hinter pragmatischer Anpassung versteckt. Florian Wugk verleiht Mitch eine glaubwürdige Mischung aus Sehnsucht und Hilflosigkeit. Nadia Steinhardt setzt als Eunice Hubbell und Blumenfrau markante Akzente, während Mark Hamman als Steve Hubbell und Vincent Debus als Zeitungskassierer die Nebenrollen prägnant konturieren.

So entsteht insgesamt ein Opernabend, der szenisch und darstellerisch außerordentlich stark ist. Inszenierung, Ausstattung, Orchester und Ensemble greifen eindrucksvoll ineinander. Dass der Abend dennoch nicht restlos überzeugt, liegt letztlich an der Musik selbst. Previns Oper entfaltet musikalisch kaum Sogwirkung, sondern fordert fortwährende Konzentration gegen ihre Widerstände ein. Das Osnabrücker Team macht daraus das Bestmögliche – ein packendes Opernerlebnis wird „Endstation Sehnsucht“ dadurch allerdings nicht.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".