„Rudolf“ in Füssen
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Architekten der Tragödie: Wie Regie und Bühne das Musical „Rudolf“ in Füssen formen


Ein Kronprinz, gefangen zwischen den Erwartungen eines Imperiums und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Eine junge Frau, die ihm bedingungslos folgt. Und ein Rätsel, das Historiker bis heute beschäftigt. Mit „Rudolf – Der letzte Kuss“ hat das Festspielhaus Neuschwanstein nicht nur ein international erfolgreiches Musical erstmals nach Deutschland gebracht, sondern wagte damit zugleich seine bislang größte Produktion.

Gemeinsam mit den Vereinigten Bühnen Wien entstand eine komplett überarbeitete Neuinszenierung, die den Anspruch des Hauses unterstreicht, im europäischen Musiktheater ganz vorne mitzuspielen. Ein internationales Kreativteam, ein 23-köpfiges Orchester aus Prag und 30 Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne verleihen dem Werk eine große Dimension.

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Ein Kriminalfall der Geschichte

Im Mittelpunkt des Musicals steht das letzte Lebensjahr des österreichischen Kronprinzen Rudolf. Die Ereignisse von Mayerling im Jahr 1889, bei denen Rudolf und seine Geliebte Mary Vetsera unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kamen, gehören zu den großen Rätseln der europäischen Geschichte.

Gerade diese Ungewissheit macht den Stoff für Regisseur Alex Balga so reizvoll. „Vieles wurde damals verschwiegen oder bewusst ausgelöscht. Bis heute weiß man nicht genau, was wirklich geschah“, sagt er. Die historischen Leerstellen eröffneten Raum „für Interpretation, für Fantasie und für lebendiges Erzählen“.

Doch für Balga ist die Geschichte weit mehr als ein historisches Drama. „Im Kern geht es um ein zutiefst menschliches Thema: den Konflikt zwischen Freiheit und Pflicht.“ Rudolf stehe vor einer Entscheidung, „die viele kennen: Folge ich meinem eigenen Weg oder erfülle ich die Erwartungen anderer?“

Alex Balga ist der Regisseur von „Rudolf“ in Füssen
Regisseur Alex Balga hat das Musical im Film-noir-Stil inszeniert.

Film noir statt Historienkitsch

Wer eine klassische Kaiserhof-Romanze erwartet, dürfte überrascht werden. Der Regisseur hat die Geschichte bewusst neu gedacht und in eine düstere, filmische Bildsprache übersetzt. „Ich wollte das morbide Wien des späten 19 Jahrhunderts in einer Film-noir-Ästhetik auf die Bühne bringen.“

Statt musealer Historienbilder setzt die Inszenierung auf Tempo, Perspektivwechsel und starke visuelle Kontraste. „Vieles passiert parallel, ist sehr direkt, unmittelbar und ungefiltert“, beschreibt Balga seinen Ansatz. Große dramatische Momente entstünden dabei überraschend vor den Augen des Publikums.

Die Geschichte erhält dadurch eine moderne Dringlichkeit. Denn für Alex Balga ist Rudolfs Schicksal keineswegs Vergangenheit. Menschen, deren Freiheit eingeschränkt werde, könnten sich nicht entfalten. Die Erfahrung, „in seinem Denken und Handeln in die Enge getrieben“ zu werden, sei bis heute weltweit Realität.

Eine Bühne, die sich ständig verwandelt

Für die visuelle Welt der Produktion zeichnet Morgan Large verantwortlich, ein international gefragter Bühnenbildner. Seine Arbeiten waren bereits in Sydney, Dubai und am Londoner West End zu sehen. Die gewaltigen Dimensionen des Festspielhauses Neuschwanstein betrachtet er nicht als Herausforderung, sondern als Chance. Ziel sei es gewesen, „eine eher persönliche, beinahe häusliche Geschichte so zu inszenieren, dass sie groß und weit wirkt, ohne ihre Intimität zu verlieren“.

Morgan Large ist der Bühnenbildner von „Rudolf“ in Füssen
Für Bühnenbildner Morgan Large (rechts) war es wichtig, die Produktion so aussehen zu lassen, wie sie klingt.

Dafür entwickelte Large ein wandelbares Bühnenkonzept, dessen Herzstück ein monumentaler Turm auf einer Drehbühne bildet. „Mein erster Impuls war, eine Welt zu schaffen, die sich ständig verändern und verwandeln kann“, erklärt er. Mit jedem Schauplatz offenbare sich der Turm neu, mal als Innenraum, mal als Außenwelt.

Historische Genauigkeit war dabei nicht das oberste Ziel. Stattdessen setzt Large bewusst auf Andeutungen und offene Räume. „Wir erzählen die Geschichte also nicht streng naturalistisch.“ Das Publikum solle eingeladen werden, die Bilder mit der eigenen Vorstellungskraft zu vervollständigen.

Musik für die großen Gefühle

Obwohl viele Zuschauer den Ausgang der Geschichte bereits kennen, sieht der Bühnenbildner gerade darin keinen Nachteil. Entscheidend sei nicht allein das Was, sondern das Warum. „Die Stärke dieses Musicals liegt nicht nur darin zu zeigen, was geschieht, sondern auch zu erklären, warum es dazu kommt.“ Die Ereignisse von Mayerling hätten weitreichende Folgen gehabt. „Was diesen Menschen widerfahren ist, hat letztlich die Welt verändert.“

Diese historische Dimension wollten Regisseur und Bühnenbildner bewusst sichtbar machen. Die privaten Konflikte der Figuren stehen deshalb immer im Spannungsfeld politischer und gesellschaftlicher Umbrüche.

Getragen wird die Produktion von der Musik des amerikanischen Komponisten Frank Wildhorn. Für Morgan Large war die Partitur der Ausgangspunkt jeder gestalterischen Entscheidung. „Ich versuche, meine Produktionen so aussehen zu lassen, wie sie klingen“, sagt er. Die Musik vereine große Balladen mit energiegeladenen Ensemblenummern. Entsprechend müsse auch das Bühnenbild sowohl monumentale Bilder als auch intime Momente ermöglichen.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.