Goldrausch im Western-Freizeitpark: „La Fanciulla del West“ in Essen
Am Aalto-Musiktheater Essen verwandelt Dirk Schmeding „La Fanciulla del West“ von Giacomo Puccini (Musik), Guelfo Civinini und Carlo Zangarini (Libretto) in ein schillerndes Spiel zwischen Westernmythos und Theaterillusion. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Hier geht es nicht um naturalistische Abbildung, sondern um die Lust am Zitat, an der Überhöhung, am bewusst künstlichen Raum.
Schmeding, der nach gefeierten Arbeiten wie seiner „Zauberflöte“ in Detmold oder dem „Bajazzo“ in Hannover erneut seine Handschrift behauptet, entfaltet eine Inszenierung, die große Tableaus ebenso beherrscht wie pointierte Szenenwechsel. Immer wieder blitzen humorvolle Momente auf – etwa wenn nach einem Schuss ein Transparent mit der Aufschrift „Lucky Strike“ erscheint. Solche Einfälle wirken nicht als Fremdkörper, sondern fügen sich in ein Konzept, das den Wilden Westen als kulturelle Projektionsfläche begreift.
Die Bühne von Ralf Käselau liefert dazu ein ebenso opulentes wie vielschichtiges Spielfeld. Ein Saloon bildet das Zentrum, flankiert vom Eingang zur Goldmine. Darüber hinaus windet sich eine Art Achterbahnkonstruktion um einen Berg – ein Bild, das weniger an historische Wirklichkeit als an einen Western-Freizeitpark erinnert.
Diese bewusste Künstlichkeit wird durch die Videosequenzen von Johannes Kulz noch gesteigert, die das Geschehen in die Ästhetik eines Schwarzweißfilms tauchen. Dank der Drehbühne öffnet sich der Raum immer wieder neu, erlaubt Perspektivwechsel und überraschende Blickachsen. Man schaut diesem Geschehen mit der Neugier eines Kindes zu, das einen überdimensionalen Abenteuerspielplatz erkundet. Auch die gelungenen Kostüme von Julia Rösler verorten die Figuren klar im Western-Genre.

Am Pult sorgt Andrea Sanguineti für eine Lesart, die Puccinis Partitur als fein gewobenes Netz aus Farben und Motiven freilegt. Er hält die Essener Philharmoniker beweglich, lässt die Partitur atmen und vermeidet jede sentimentale Überdehnung. Der von Bernhard Schneider einstudierte Chor überzeugt mit Geschlossenheit und Präsenz, so dass sich jene kollektive Energie entfaltet, die dieses Werk trägt.
Im Zentrum steht Minnie, gesungen von Ilaria Alida Quilico, die dieser Figur eine beeindruckende Kontur verleiht. Ihr Sopran verbindet Strahlkraft mit Beweglichkeit, sie gestaltet die großen Bögen souverän und findet zugleich zu einer differenzierten Zeichnung der Figur. Quilico dominiert die Bühne nicht durch bloße Lautstärke, sondern durch eine klug aufgebaute Präsenz.
An ihrer Seite überzeugt Massimo Cavalletti als Jack Rance. Sein Bariton besitzt die nötige Autorität, ohne in eindimensionale Härte zu kippen. Cavalletti zeichnet einen Sheriff, dessen Machtanspruch immer wieder Risse bekommt, und nutzt die musikalischen Linien, um diese Ambivalenzen hörbar zu machen. Jorge Puerta gestaltet Dick Johnson mit leuchtendem Tenor und sicherer Höhe. Er verbindet lyrische Qualitäten mit dramatischem Zugriff und findet eine glaubhafte Balance zwischen dem romantischen Liebhaber und dem gehetzten Banditen.
In den kleineren Partien fügt sich ein homogenes Ensemble zusammen: Ido Beit Halachmi als Nick, Almas Svilpa als Ashby, Tobias Greenhalgh als Sonora, Rainer Maria Röhr als Trin und Sono Yu als Sid setzen allesamt prägnante Akzente.
So entsteht ein herausragender Abend, der Puccinis selten gespieltes Werk als lebendiges Musiktheater zeigt – verspielt, bildreich und einprägsam.
Text: Dominik Lapp

