„Lord of the Dance“ auf Tour
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Relikt einer Erfolgsgeschichte: „Lord of the Dance“ auf Tour

Als 1994 beim Eurovision Song Contest in Dublin „Riverdance“ von Michael Flatley und Bill Whelan uraufgeführt wird, entsteht aus einem Pausenfüller ein globales Phänomen. Die Mischung aus irischem Stepptanz und keltischer Musik setzt Maßstäbe und prägt ein ganzes Genre bis in die Gegenwart. Zwei Jahre später folgt „Lord of the Dance“, stärker auf Flatley als charismatische Zentralfigur zugeschnitten, ein Spektakel, das nun, 30 Jahre später, im Rahmen einer Jubiläumstour wieder durch Deutschland reist.

Doch der Blick zurück fällt zwiespältig aus. Schon zu Beginn ist Flatley präsent – allerdings nur als Video auf einer der drei LED-Wände, die heute das Bühnenbild dominieren. In einem Zusammenschnitt historischer Aufnahmen wird er als überlebensgroßer Mythos eingeführt, und am Ende erscheint er erneut zur Zugabe, wiederum lediglich als Video. Seit rund zehn Jahren steht er nicht mehr selbst auf der Bühne, doch die Inszenierung kreist weiterhin auffällig stark um seine Person, was die aktuellen Tänzerinnen und Tänzer unnötig in den Schatten stellt.


Was gezeigt wird, ist im Kern die Ursprungsversion von „Lord of the Dance“ – reduziert allerdings um vieles, was frühere Weiterentwicklungen wie „Feet of Flames“, „Dangerous Games“ oder „Victory“ ausgezeichnet hat. Pyroeffekte fehlen komplett, die Bühne bleibt spartanisch: drei LED-Wände, eine Treppe, dazu Lichtstimmungen und neue Kostüme, die zwar sauber gearbeitet sind, aber nicht mehr jene Detailverliebtheit früherer Fassungen erreichen.

Auch ästhetisch wirkt manches aus der Zeit gefallen. Wenn Tänzerinnen und Tänzer sich die Hemden vom Leib reißen und mit freiem Oberkörper posieren, mag das vor drei Jahrzehnten als Ausdruck von Energie und Körperlichkeit gegolten haben – heute erscheint es eher als überholtes, unnötig sexualisiertes Stilmittel.

Die Handlung bleibt ohnehin bloße Staffage: eine schematische Gut-gegen-Böse-Erzählung mit klaren Fronten und klischeehaften Figuren wie dem titelgebenden Helden, dem Dark Lord oder der Morrighan. Dramaturgische Entwicklung ist kaum erkennbar, die Geschichte dient vor allem als lose Klammer für die Tanznummern.

„Lord of the Dance“ auf Tour (Foto: Dominik Lapp)

Und genau dort liegt weiterhin die Stärke des Abends. In der ausverkauften Stadthalle in Bielefeld trifft die Show auf ein enthusiastisches Publikum, das die Darbietung (Regie und Choreografie: Michael Flatley) mit Begeisterung aufnimmt. Die Synchronität der Ensembleszenen ist beeindruckend, die Steppeinlagen entfalten eine enorme Wucht. Die Männer setzen auf kraftvollen, rhythmisch akzentuierten Stepptanz, während die Frauen eine interessante Verbindung aus Ballettlinien und präzisem Fußwerk zeigen. Der Fokus liegt klar auf der Bewegung, nicht auf der Erzählung.

Musikalisch hingegen stellt sich schnell Monotonie ein. Die Kompositionen von Ronan Hardiman variieren wenig, treiben zwar konstant voran, bieten aber kaum Überraschungen. Die Gesangseinlagen – überzeugend von einer namentlich nicht bekannten Sängerin dargeboten – unterbrechen den Fluss eher, als dass sie ihn bereichern. Besonders ins Gewicht fällt der Verzicht auf echte Livemusik: Wo früher eine Liveband den Klangkörper bildete, kommt heute praktisch alles aus der Konserve, lediglich zwei Violinistinnen spielen live. Das Ergebnis ist vor allem laut, aber weniger lebendig.

Am Ende steht ein widersprüchlicher Eindruck. Tänzerisch bewegt sich die Produktion auf höchstem Niveau und liefert ein unterhaltsames, publikumswirksames Spektakel, das mit stehenden Ovationen gefeiert wird. Gleichzeitig wirkt die Show in ihrer heutigen Form überraschend statisch: ausgedünnte Ausstattung, fehlende Effekte, ein verkleinertes Ensemble und der weitgehende Verzicht auf Livemusik nehmen ihr Dynamik.

Hinzu kommt ein irritierender Umgang mit den Mitwirkenden. Die Produktion bleibt so stark auf Michael Flatley fixiert, dass die aktuellen Künstlerinnen und Künstler – zumindest namentlich – nahezu unsichtbar bleiben. Weder vor Ort noch auf der Website oder in den Presseunterlagen finden sich die Namen des Ensembles oder des Kreativteams. Selbst einfache Informationen darüber, wer an diesem Abend tanzt, sind nicht zugänglich. Lediglich ein Vergleich von Fotos legt nahe, dass in Bielefeld Macaulay Selwood die Titelrolle übernimmt – eine Gewissheit, die eigentlich selbstverständlich sein sollte. Wer die Geigerinnen sind, wer den Dark Lord, Little Spirit, Saoirse, Morrighan oder Erin verkörpert, bleibt im Dunkeln.

So präsentiert sich „Lord of the Dance“ als ein Relikt seiner eigenen Erfolgsgeschichte: tänzerisch eindrucksvoll, publikumsnah und doch in vieler Hinsicht stehen geblieben – ein Klassiker, der mehr von seiner Vergangenheit lebt als von seiner Gegenwart.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".