Ein ansteckender Spaß: „This is the greatest Show“ auf Tour
Nach dem Erfolg der Vorjahre mit rund 175.000 Besucherinnen und Besuchern ist das Musical-Konzertformat „This is the greatest Show“ erneut auf Tour. Und genau wie ihr titelgebender Film („The Greatest Showman“) hat sie nichts von ihrem Charme eingebüßt – im Gegenteil.
Die sechsköpfige Band ist rechts und links der Bühne, teilweise auf Podesten, platziert. Im Hintergrund befinden sich drei Rundbögen, in denen während der Songs immer wieder unterschiedliche Projektionen (Licht- und Videodesign: Florian Schmitt) gezeigt werden. Diese ziehen sich über die ganze Bühne und sind zum Teil an den Verkleidungen der Podeste zu sehen, so dass eine räumliche Tiefe entsteht. So bekommt man beispielsweise bei „Titanic“ wirklich das Gefühl, auf offener See zu sein, da das Wasser bis nach vorn projiziert wird.
Die Kostüme (Sonja Kühn) unterstreichen die Stimmung des jeweiligen Musicals und verweisen auf die Zeit, in der es spielt, ohne aufdringlich oder zu opulent zu sein. Bei Stücken, die in keiner historischen Zeit verankert sind, zum Beispiel „Die Eiskönigin“, tragen die Darstellenden häufig lediglich Abendkleidung, die farblich auf die Originalkostüme abgestimmt ist. Renate Albrechts Maske setzt auf Natürlichkeit, sodass die Darstellenden hinter der jeweils verkörperten Figur gut zu erkennen sind. Selten werden Perücken eingesetzt. Meist tragen die Darstellenden ihr natürliches Haar.
Die größte Stärke von „This is the greatest Show“ (Regie und Choreografie: Yara Hassan, Konzept: Andreas Luketa) ist jedoch die Musik. Die Musicaldarstellenden dürfen hier ohne große Ablenkung ihr wichtigstes Instrument – ihre Stimme – präsentieren, und das gelingt dieser Cast auf beeindruckende Art und Weise.
Filippo Strocchi übernimmt die musikalische Leaderrolle des P. T. Barnum. Während er als Graf von Krolock in „Totale Finsternis“ die Höhen etwas presst, läuft er als Barnum zur Höchstform auf. Seine enorme Bühnenpräsenz zeigt sich bereits bei seinem ersten Auftritt im Frack – und da hat er noch keinen Ton gesungen. Aber auch gesanglich überzeugt Strocchi als Barnum umfassend. Er scheint die Figur zu leben.
Verena Mackenberg sorgt mit ihrer Stimme immer wieder für absolute Showhighlights. Als Jenny Lind mit „Never enough“ aus „The Greatest Showman“ und im dreisprachigen Terzett mit Roberta Valentini und Froukje Zuidema mit „Let it go“ aus „Die Eiskönigin“ schafft sie einzigartige Momente mit klarer, sauberer Stimmführung. Durch zwei Stücke brennt sie sich jedoch besonders ins Gedächtnis. Mit „Das Lied der Spinnenfrau“ („Kuss der Spinnenfrau“) und mit „I will always love you“ („Bodyguard“). Insbesondere beim Whitney-Houston-Klassiker tritt sie in enorme Fußstapfen, die sie nicht nur souverän ausfüllt, sondern stellenweise überragt. Sie intoniert derart gefühlvoll, verziert gezielt, ohne sich darin zu verlieren, und beltet auch hohe Passagen sauber, klar und ohne zu schreien – ein echter Gänsehautmoment!

Michaela Schober drückt ihren Parts ihren ganz persönlichen Stempel auf. Im Terzett zu „Ich gehör’ nur mir“ („Elisabeth“) mit Roberta Valentini und Verena Mackenberg übernimmt sie eher die tiefen, ruhigen Parts, kann aber auch lauter, höher und spielerisch durchaus sehr komödiantisch sein, was sie in „Hormone“ („Romeo und Julia“) zeigt. Sie wirkt wie eine Allzweckwaffe, die jedem Stück, an dem sie beteiligt ist, noch ein wenig mehr Würze verleiht.
Roberta Valentini überzeugt in jedem ihrer Songs mit enormer Stimmgewalt und technischer Sauberkeit und ist stets sehr gut zu verstehen. Insbesondere im Duett mit Verena Mackenberg in „Frei und schwerelos“ („Wicked“) zeigt sie die Zerrissenheit und charakterliche Entwicklung der Elphaba.
Patrick Stanke ist ein alter Hase im Business – und das merkt man. Er betritt die Bühne mit einer Souveränität, die zu sagen scheint: „Hier bin ich zu Hause.“ Unabhängig davon, ob er sich in „Titanic“ sehnsüchtig nach seiner großen Liebe verzehrt und sich sicher ist „Wir seh’n uns wieder“ oder ob er sich aus tiefstem Glauben sagt „Selbst wenn“ („I can only imagine 2“). Stanke liefert beeindruckende, ruhige Performances in wunderschöner Stimmlage.
Als diesjähriger Special Guest gibt sich Prince Damien die Ehre. Wer nun „Ach, wieder einer, der irgendeine Staffel DSDS gewonnen hat“ denken mag, den belehrt Damien sehr schnell eines Besseren. Er tritt zunächst als niemand Geringerer als Michael Jackson auf, den er derzeit auch in Hamburg verkörpert. Und das gelingt. Es ist totenstill, wenn „MJ“ mit klackernden Absätzen langsam auf die Bühne schreitet, seinen glitzernden Handschuh überstreift und in Seelenruhe die Bühnenmitte betritt. Doch dann kommt die eigentliche Überraschung. Damiens „Billie Jean“ kommt sowohl in der Performance als auch gesanglich erstaunlich nah an das Original heran. Doch er überzeugt nicht nur in der Rolle des King of Pop. Einen zweiten großen Moment hat er mit „Hello“ von Adele in einem wunderbaren Arrangement (musikalische Leitung: Florian Bölker), bei dem er die Leadstimme singt. Unterstützt wird er dabei von einem perfekten A-cappella-Satzgesang der männlichen Darsteller.
Last but not least ist Friedrich Rau zu nennen, der nicht nur einer der Hauptdarsteller ist, sondern auch durch den Abend führt. Seine leidenschaftliche Bühnenpräsenz und enorme Ausstrahlung kommen ihm dabei zugute, witzige, charismatische und charmante Interaktionen mit dem Publikum inklusive. Wenngleich er in „We could have had it all“ mit den hohen Lagen kämpft, zeigt er in seinen übrigen Gesangsparts, dass er seit Langem zur ersten Liga im Musicalbereich gehört, und rührt direkt am Anfang mit seiner extrem gefühlvollen, weichen Version von „Wenn sie diesen Tango hört“ („Abenteuerland“) zu Tränen.
Schon P. T. Barnum soll gesagt haben: „Die erhabenste Kunst ist es, andere glücklich zu machen.“ Und das gelingt auch „This is the greatest Show“ in diesem Jahr erneut. Es ist einfach ein Genuss, so vielen professionellen Künstlerinnen und Künstlern dabei zuhören zu dürfen, wie sie ihre Stimmen präsentieren. Das liegt nicht zuletzt an der enormen Spielfreude, die sich durch die gesamte Cast zieht. Die Damen und Herren auf der Bühne haben Spaß – und das steckt an!
Text: Anna-Lena Ziebarth
