„Romeo & Julia“ (Foto: Dominic Ernst)
  by

Mit Stärken und Schwächen: „Romeo & Julia“ in Berlin

Das Theater des Westens in Berlin bleibt nach dem Erfolg des Musicals „Ku’damm 56“ weiter in der Hand des genialen Songschreiber-Duos Peter Plate und Ulf Leo Sommer. Ihr neues Musical „Romeo & Julia“ feierte dort jetzt Premiere und liefert eine Neuinterpretation des weltbekannten Shakespeare-Stoffs. Weil Plate und Sommer ihre musikalische DNA selbstverständlich nicht verstecken wollen, trägt das Musical mit „Liebe ist alles“ den gleichnamigen Rosenstolz-Hit als Untertitel.

Es bleibt allerdings der einzige recycelte Song, denn es handelt sich keineswegs um eine Jukebox-Show. Alle weiteren Songs wurden von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange eigens für die Produktion geschrieben. Dabei ist ein eingängiger Pop-Score entstanden, mit dem die Autoren die wohl bekannteste Liebesgeschichte der Welt neu interpretieren. Doch so modern die Musik und Songtexte auch klingen – wenn auf der Bühne gesprochen wird, erklingen die Texte von Shakespeare in der Originalübersetzung von August Wilhelm Schlegel.

Genau das stellt sich als Schwäche heraus: Die modernen Songtexte und die verstaubten Originalzeilen wollen einfach nicht zusammenpassen. Shakespeare klingt mal saukomisch und mal bitterböse, aber vor allem sehr schwulstig – weshalb selbst an Schauspielhäusern mittlerweile oft neue Bearbeitungen seiner Texte verwendet werden. Dass man beim Musical „Romeo & Julia“ nun ausgerechnet auf das Original zurückgreift, lässt das moderne Konzept des Stücks brechen – und wahrscheinlich ist genau das gewollt. Allerdings wirken die Dialoge dadurch zum Teil wie eine Parodie und fordern zusätzlich dem Publikum Konzentration ab. Denn auf einen federleicht-authentischen Liedtext folgt plötzlich wieder ein theatralisch-aufgesetzter Sprechtext.

Schnell wird auch deutlich, dass „Romeo & Julia“ eine fähige Buchautorin wie zuletzt Annette Hess bei „Ku’damm 56“ fehlt. Die ohnehin sehr langatmige Originalstory wirkt in der Musicalversion wie ein Stückwerk, in dem sich die Setlist eines Popkonzerts mit anstrengenden Dialogen abwechselt, ohne eine Einheit zu bilden. Immerhin: Mit Christoph Drewitz (Regie) und Jonathan Huor (Choreografie) wurde ein starkes Team verpflichtet, das aus dem schwachen Buch das Bestmögliche herausholt. Insbesondere die dynamischen und ausdrucksstarken Schrittfolgen und Bewegungen, die von Huor erdacht wurden, bringen Tempo und Brillanz in die Inszenierung. Drewitz hat aus der 17-köpfigen Cast eine homogene Einheit geformt, bleibt bei den Rollenprofilen allerdings im Buch, das mehr Tiefe nicht zulässt, verhaftet.

„Romeo & Julia“ (Foto: Stefan Gräfe)

Was bei der Produktion besonders positiv in Erinnerung bleibt, ist die Optik. Andrew D. Edwards hat nicht nur wunderschöne und der Epoche entsprechende Kostüme designt, sondern wie schon für die Musicals „Fack ju Göhte“ und „Ku’damm 56“ ein äußerst funktionelles Einheitsbühnenbild geschaffen, das bei „Romeo & Julia“ aus einem halbrunden Balustraden-Aufbau mit hübsch verzierten Türen darunter und einem Fadenvorhang besteht. In Verbindung mit einem genauso ausgeklügelten wie faszinierenden Lichtdesign von Tim Deiling entstehen – vor allem bei Zuhilfenahme der Drehbühne – herrliche Szenenbilder. Ein Highlight sind die vielen, in unterschiedlichen Höhen hängenden Glühlampen, die wie ein Glühwürmchen-Schwarm über der Bühne für eine zauberhafte Atmosphäre sorgen, wenn sie auf- und abfahren, blinken sowie die Farbe wechseln.

Eine weitere Stärke des Stücks ist seine leistungsfähige Cast, die von Yasmina Hempel als Julia und Paul Csitkovics als Romeo angeführt wird. Beide bringen eine schöne Frische und Unbeschwertheit in die Darstellung des Teenager-Liebespaars. Csitkovics überzeugt komödiantisch, wenn er zunächst seiner verflossenen Liebe Rosalinde hinterhertrauert, um kurz darauf wie ein Äffchen an Julias Balkon zu baumeln. Aber auch die Seite des Liebeskranken und Kämpfers gelingt ihm sehr gut. Hempel hingegen schafft es, nicht nur das verliebte Mädchen zu mimen, sondern eine starke und emanzipierte Frau, die sich gegen die Heiratspläne ihres Vaters (genial böse: Philipp Nowicki) auflehnt und deshalb vom Hof gejagt und enterbt wird. Zudem schöpfen beide gesanglich aus dem Vollen.

Lisa-Marie Sumner fesselt als gestrenge Lady Capulet, Anthony Curtis Kirby singt Pater Lorenzo mit warmer Stimme, Edwin Parzefall zeichnet ein authentisches Bild von Romeos Cousin Benvolio und Samuel Franco gefällt als Julias Cousin Tybalt. Doch eine der stärksten Leistungen bringt Nico Went als Mercutio, der unsterblich in Romeo verliebt ist. Went ist hierbei schauspielerisch glaubwürdig und schmettert seine Songs mit Inbrunst ins Auditorium. Die Show gestohlen wird im lediglich noch von Steffi Irmen, die als Amme keineswegs nur der heimliche, sondern der offensichtliche Star des Stücks ist. Mit komödiantischem Geschick sammelt Irmen Sympathiepunkte und reißt das Publikum aufgrund ihres Stimmvolumens mehrfach zu Begeisterungsstürmen hin. Mit dem Todesengel wurde außerdem eine Figur geschaffen, die immer wieder anwesend ist und über dem Geschehen schwebt. Zur Darstellung dieser Rolle passt auch der schwebend klare Gesang des Countertenors Nils Wanderer, der eine für ein Musical eher ungewöhnliche Barocknote einbringt und dafür von den Zuschauerinnen und Zuschauern gefeiert wird.

Musikalisch erinnert „Romeo & Julia“ aufgrund der Lautstärke immer wieder an ein Popkonzert. Die vierköpfige Band, die so genannte Capulet-Kapelle, unter der Leitung von Damian Omansen macht ihre Sache jedenfalls gut und trägt zu einem stimmigen Ergebnis bei. Ebenso stimmig ist Regisseur Christoph Drewitz das Ende gelungen: Nach dem Tod der Titelfiguren streifen sich alle Mitwirkenden ihre Kostüme des 16. Jahrhunderts ab, um sogleich in Alltagskleidung des 21. Jahrhunderts auf der Bühne zu stehen. Verstärkt wird diese Geste durch den emotionalen Schlusssong „Der Krieg ist aus“ – und wir erkennen wieder einmal, wie zeitlos dieser Stoff ist.

Text: Dominik Lapp

Avatar-Foto

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".