„Wicked“ (Foto: Dominik Lapp)
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In neuem Gewand: „Wicked“ in Hamburg

Keiner weint um Hexen. So heißt es im Musical „Wicked“. Und so viel steht fest: Um die fabelhafte Originalinszenierung dieser Show muss man ebenfalls nicht weinen, denn die Neuinszenierung, die Stage Entertainment jetzt in Hamburg zeigt, ist durchweg gelungen, frisch und modern. Fans der ersten Stunde werden zwar weiterhin die Originalinszenierung, die noch immer in London und New York zu sehen ist, in den Himmel loben. Doch wenn man es unvoreingenommen und differenziert betrachtet, ist die Hamburger Neuinszenierung keineswegs billig, sondern verfolgt einen anderen Ansatz – und der ist durchaus spannend.

Basierend auf dem Roman von Gregory Maguire, erzählen Stephen Schwartz (Musik und Songtexte) und Winnie Holzman (Buch) in „Wicked“ die Vorgeschichte des „Zauberers von Oz“. In Hamburg verfehlt die Story auch in der Inszenierung von Lindsay Posner ihre Wirkung nicht. Posner beleuchtet die Geschichte aus einem neuen, modernen und heutigen Blickwinkel. So haben in Oz nun Handys Einzug gehalten, vor denen gern für Selfies posiert wird, die örtliche Disco „Ozkothek“ wirkt wie ein aus Friedrichshain entsprungener Club, die Residenz des Zauberers erinnert vom Look her an den Falco Tower aus „Bat out of Hell“ und in der Glizz-Mensa gibt’s Lutscher des spanischen Süßwarenherstellers Chupa Chups. Sogar das viel diskutierte Gendersternchen findet Anwendung, wenn Glinda ihre „lieben Mitbürger*innen“ anspricht, was für Erheiterung im Publikum sorgt.

Das Bühnenbild von Jon Bausor hat mit dem Set der Originalinszenierung nicht mehr viel gemeinsam, kann sich jedoch genauso sehen lassen. Der große Drache und die zahlreichen Zahnräder rund um das Bühnenportal sind in Anlehnung an den „Zauberer von Oz“ einem Wirbelsturm gewichen, der allerhand Dinge mit sich gerissen hat – vom Fahrrad über eine Stehlampe bis hin zur Kuh, zieht sich das Portal bis weit ins Auditorium. Auf der Bühne selbst werden Bühnenteile durch passende Projektionen unterstützt.

Die Welt, die Jon Bausor geschaffen hat, ist voller Geschichte und Tradition. Es gibt Anlehnungen an Grimms Märchen und traditionelle MGM-Filmmusicals. Insbesondere wird aber mit den Perspektiven wie beim Film gearbeitet. So sieht man eine Szene wie ein Passant, die nächste Szene dann aber aus der Vogelperspektive wie bei Elphabas und Fiyeros Duett „Solang ich dich hab“.

„Wicked“ (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Ein gegenwärtiger Zeitgeist zeichnet sich auch in den Kostümen von Moritz Junge ab. Die Studierenden von Glizz wirken in ihren Schuluniformen ein wenig, als seien sie dem „Harry Potter“-Universum entsprungen. Glinda hingegen wird nicht mehr als plüschige Märchenfee dargestellt, sondern trägt in der Uni einen knappen Rock und darf im Ballkleid viel Bein zeigen sowie eine Corsage aus Plastik tragen. Der Kostümdesigner bleibt dabei einerseits der Fantasiewelt treu, unterstreicht aber auch einen heutigen Aspekt. Dazu nutzt er moderne Materialien wie das erwähnte Plastik und lässt sich von der Elektroclubkultur inspirieren.

Ein weiterer Pluspunkt der Inszenierung sind die von Chris Fisher geschaffenen Illusionen, die zum Beispiel Gegenstände fliegen lassen. Auch die große Flugszene zum Song „Frei und schwerelos“ wurde aufgewertet, indem Elphaba nun mit einem Besen über die Köpfe des Publikums hinweg durch den Saal schwebt. Weil dabei durch die unvorteilhafte Beleuchtung (Lichtdesign: Lucy Carter) zeitweise allerdings das Fluggeschirr zu sehen ist, verliert die anfangs starke Flugszene dann aber doch etwas von ihrer illusorischen Wirkung.

Gut gelungen ist dafür die Personenführung durch Regisseur Lindsay Posner, der allen Figuren eine gute Tiefenschärfe verleiht. So wurde neben der Beziehung von Elphaba und Glinda vor allem auch die Beziehung Elphabas zu ihrer Schwester Nessarose und dem Zauberer stärker herausgearbeitet. Zudem gibt es einige schöne Regieeinfälle, die Parallelen zu den Filmen „Der Zauberer von Oz“ und „The Wiz“ ziehen.

So wurde die kurz auftauchende Dorothy mit einer Schwarzen Darstellerin besetzt, was die Verbindung zum ausschließlich mit afroamerikanischen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzten Film „The Wiz“ schafft – genial! Ohnehin fällt das Colour-blind-Casting bei dieser „Wicked“-Produktion positiv auf und setzt auf deutschen Musicalbühnen ein längst überfälliges Zeichen für diverse Ensembles.

„Wicked“ (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Die Verbindung zum Film „Der Zauberer von Oz“ wird hergestellt, weil der Bühnenrand aus der berühmten gelben Ziegelsteinstraße besteht und Nessarose nicht von einem Haus, sondern von einem Fernseher, dem Dorothy entsteigt, erschlagen wird. Diese symbolhafte Bildsprache von Lindsay Posner zeichnet seine Neuinszenierung von „Wicked“ aus und macht sie sehr spannend.

Darüber hinaus stehen dem Regisseur sehr gute Darstellerinnen und Darsteller zur Verfügung, um seine Geschichte zu erzählen. Vajèn van den Bosch als Elphaba und Jeannine Michele Wacker als Glinda geben dabei zwei starke Leading-Ladys ab. Ihr Zusammenspiel ist authentisch und berührend, die Entwicklung der Freundschaft der beiden ungleichen Frauen gelingt ihnen mit Bravour. Auch gesanglich ist an beiden Darstellerinnen nichts auszusetzen. Ärgerlich ist aber, dass die Musik teilweise so laut abgemischt ist, dass insbesondere die Stimme von Vajèn van den Bosch immer wieder untergeht. Jeannine Michele Wacker hingegen verzaubert wie gewohnt mit ihrem kristallklaren Sopran.

Naidjim Severina mimt einen fast exzellenten Fiyero. So verleiht er seiner Rolle ein ausdrucksstarkes und mitunter extrem cooles Profil. Wenn Fiyero die Mensa in seiner nietenbehafteten Lederjacke betritt und „Tanz durch die Welt“ singt, verfehlt diese Szene ihre Wirkung nicht. Gesanglich überzeugt Severina mit klangschöner Stimme. Allerdings steht dem Niederländer dabei – auch in den Dialogen – seine Phonetik noch ein wenig im Weg, weshalb er nicht immer klar zu verstehen ist.

Auffällig ist, wie stark die Nebenrollen besetzt wurden. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt – nicht nur aufgrund seiner Physis und warmen Gesangsstimme – Andreas Lichtenberger als Zauberer von Oz. Ihm gelingt es, zwischen dem väterlichen Zauberer und gefährlichen Diktator exzellent zu balancieren und seiner Rolle so eine ungeahnte Tiefe zu verleihen. Susanne-Elisabeth Walbaum steht ihm dabei als Madame Akaber in nichts nach, während Gianni Meurer einen liebenswürdigen Dr. Dillamonth gibt und seine wenigen Szenen sehr gut füllt.

„Wicked“ (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Eine echte Entdeckung ist Pamina Lenn in der Rolle der im Rollstuhl sitzenden Nessarose. Die charakterliche Entwicklung vom Mädchen zur Gouverneurin vollzieht sie fulminant. Im Zusammenspiel mit Vajèn van den Bosch als Elphaba ist sie ebenfalls perfekt, so dass die besondere Schwesternbeziehung jederzeit ehrlich und echt wirkt. Ihr zur Seite steht mit Jan Rogler als Moq ein gleicherweise fähiger Darsteller, der es schafft, seine glühende Liebe für Glinda genauso natürlich auszudrücken wie seine Aufopferung für Nessarose.

Was sich neben Bühnenbild, Kostümen, Inszenierung und der recht unspektakulären neuen Choreografie von Fabian Aloise bei „Wicked“ außerdem etwas gewandelt hat, ist die fantastische Musik von Stephen Schwartz. So wurden die Songs von Will Stuart komplett neu orchestriert, die Gesänge von Alex Lacamoire und Stephen Oremus neu arrangiert. Aufgrund der Änderungen in der Inszenierung, hat Sebastian De Domenico zudem kleine neue Musikteilchen geschrieben.

Dadurch wurde der Score moderner und poppiger, was allerdings auch eine Reduzierung des Orchesters (Musikalische Leitung: Klaus Wilhelm) auf nur noch neun Musikerinnen und Musiker zur Folge hatte. Das Wuchtige, das Große und Dunkle, das „Wicked“ einmal ausgemacht hat, ist dadurch leider auf der Strecke geblieben. So klingen die Melodien zwar durchaus interessant, frisch und modern, aber eben auch sehr synthetisch und nach dem Popeinheitsbrei, mit dem wir tagtäglich aus dem Radio berieselt werden.

Nichtsdestotrotz wird in „Wicked“ nach wie vor eine packende Geschichte erzählt, bei der die Botschaft klar ist: Dass es nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf innere Werte ankommt und man sich nicht von falschen Versprechungen blenden lassen soll. Im Kern der Story blitzen so viel Sozialkritik und heutige Themen durch, dass die Neuinszenierung ihre Daseinsberechtigung hat und einen interessanten neuen Blickwinkel eröffnet. Definitiv sehenswert.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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