„Monster's Paradise“ in Hamburg
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Ein Monster im Oval Office: „Monster’s Paradise“ in Hamburg

Mit „Monster’s Paradise“ bringen Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek eine Grand-Guignol-Oper auf die Bühne der Staatsoper Hamburg, die Horrorgroteske und politische Satire ungeniert verschränkt. Die Uraufführung am 1. Februar 2026 gerät zum Ereignis: Nahezu alle sechs Vorstellungen im Februar sind ausverkauft, im März und April wandert die Produktion bereits weiter ans Opernhaus Zürich. Der Transfer in die Schweiz folgt unmittelbar auf die deutsche Premiere – ein seltener Doppelschlag, der die internationale Erwartungshaltung markiert.

Schon an der Fassade der Staatsoper, an der das Monster Gorgonzilla prangt, beginnt die Inszenierung von Intendant Tobias Kratzer, der gemeinsam mit Matthias Piro Regie führt. Auch im Foyer wickeln sie das Publikum weiter ein: Cheerleader im Look von Schneewittchen, Belle, Cinderella und Dornröschen posieren zwischen Garderobe und Sektbar, als habe Disney die Oper gekapert. In der Pause mischen sich dann Zombies unter die Besucherinnen und Besucher. Kratzers Zugriff ist demonstrativ jung, grell, überdreht. Er sucht die Reibung mit Popkultur und Tagespolitik. Das zieht sichtbar neues, auch jüngeres Publikum an. Gleichzeitig verliert sich der Abend immer wieder in Überladung und Überzeichnung, in einer Bilderflut, die nicht immer stringent zusammengehalten wird. Doch selbst dort, wo der rote Faden ausfranst, bleibt das Geschehen kurzweilig.

„Monster's Paradise“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Im Zentrum steht das Oval Office im Weißen Haus, das Rainer Sellmaier als wandelbares Machtzentrum auf die Bühne stellt – inklusive Cola-Kühlschrank. Hier thront der König-Präsident, eine Karikatur, die unverkennbar an Donald Trump angelehnt ist: ein viel zu großes Baby in Windeln, das hinter dem Schreibtisch tobt und mittels Buzzer über Top oder Flop entscheidet. Die infantile Allmachtsfantasie wird zur Farce. Georg Nigl spielt und singt diese Figur mit beißender Lust am Exzess. Sein Herrscher ist weniger Staatsmann als trotziges Kleinkind mit Atomknopf. Andrew Watts als Mickey und Eric Jurenas als Tuckey geben die hörigen Adlaten, geschniegelt, geschmeidig, stimmlich scharf konturiert.

Olga Neuwirths Klangsprache ist ebenso hybrid wie die Szenerie. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Titus Engel bewegt sich durch ein Geflecht aus Rock-Pop-Anspielungen, klassischem Material und elektronischen Verzerrungen. Ein Drumkit (Lucas Niggli), E-Gitarre (Seth Josel) und zwei Pianistinnen an absichtlich verstimmten Klavieren (Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina) erweitern den Orchesterapparat und verschieben die akustische Perspektive. Die Musik arbeitet mit Brüchen, Überblendungen, Reibungen. Sie kennt keinen klassischen Schöngesang, sondern setzt auf vokale Extreme und klangliche Verfremdung.

Die beiden Vampirinnen Vampi und Bampi als Avatare von Jelinek und Neuwirth durchreisen die Welt als kommentierende Beobachterinnen. Sarah Defrise (Vampi) und Kristina Stanek (Bampi) übernehmen die Gesangspartien, während Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld ihnen als Schauspielerinnen körperliche Präsenz verleihen. Dieses doppelte Rollenprinzip spaltet Stimme und Körper, Gedanke und Aktion. Die Vampirinnen saugen weniger Blut als Diskurse. Sie sezieren den Niedergang einer Menschheit, die sich einem tyrannischen Führer ausliefert. Ihre Partien verlangen Flexibilität zwischen Singen, Sprechen, Kreischen, Flüstern – ein vokales Labor, das die Grenzen traditioneller Opernästhetik demonstrativ sprengt.

„Monster's Paradise“ in Hamburg

Gorgonzilla, entstanden aus einem radioaktiven Unfall, betritt als monströse Gegenfigur die Szene. Anna Clementi verleiht dem Wesen mit elektronisch verfremdeter Stimme eine zugleich bedrohliche und fragile Aura. Das Monster kämpft gegen den Despoten um Macht. Es steht für die Möglichkeit einer anderen Ordnung, die jedoch selbst nicht frei von Zerstörung ist. Rainer Sellmaiers Kostüme – besonders jene der Cheerleader und die Erscheinung Gorgonzillas – setzen dabei visuelle Glanzpunkte zwischen Trash und Endzeitfantasie.

Jonas Dahl und Janic Bebi öffnen mit ihren Videos zusätzliche Räume und Vergrößerungen, schaffen Tiefenschichten, in denen Charlotte Rampling als Göttin erscheint. Michael Bauers Licht legt atmosphärische Schleier über das Geschehen, modelliert das Oval Office ebenso wie die apokalyptischen Tableaus. Der Chor unter Christian Günther, ergänzt durch Kinderchor und Statisterie, agiert als kollektive Stimme, als Verstärkungsraum dieser entgleisenden Welt, bei der am Ende alles überflutet ist, aus dem Meer nur noch die Elbphilharmonie herausragt und die Vampirinnen daran auf einer Tür (James Camerons „Titanic“ lässt grüßen) vorbeischippern, während sie Klavier spielen.

„Monster's Paradise“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

„Monster’s Paradise“ attackiert Macht und Populismus frontal, entlarvt Herrscherfiguren als monströse Karikaturen. Zugleich schwelgt das Werk in der Lust an der Überzeichnung. Die Mischung aus Dystopie, Satire und künstlerischer Radikalisierung ist stilistisch ambitioniert, bisweilen bewusst exzessiv. Nicht alles überzeugt gleichermaßen: So sind in der Pause durchaus skeptische Stimmen zu hören, die eine stärkere dramaturgische Fokussierung vermissen. Doch das Publikum folgt dem Abend aufmerksam, lässt sich auf die Zumutungen ein.

So entsteht ein Opernereignis, das weniger auf Geschlossenheit als auf Reibung setzt. „Monster’s Paradise“ ist Provokation und Spektakel, Kommentar zur Gegenwart und grelle Groteske zugleich. Die Staatsoper Hamburg zeigt damit, dass sie den Diskurs sucht und sich für ein neues Publikum öffnet. Der regieführende Intendant Tobias Kratzer ist auf dem richtigen Weg!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".