Ein Abend, der lange nachwirkt: „Macbeth“ in Osnabrück
Mit Giuseppe Verdis „Macbeth“ zeigt das Theater Osnabrück einen Opernabend, der weder auf Distanz noch auf Behaglichkeit aus ist. Diese Aufführung drängt sich auf, sie umstellt ihr Publikum, sie lässt keinen Zweifel daran, dass Macht hier als kollektiver Zustand verhandelt wird. Als ein System, das viele Körper braucht und viele verschlingt.
Regisseur Hendrik Müller nutzt dafür die Bühne mit großer Entschlossenheit: Fast immer ist sie bevölkert, fast immer herrscht Bewegung, Unruhe, Bedrohung. Das ist markerschütternd, gelegentlich überwältigend, und doch erstaunlich kontrolliert, gerade in den intimen Szenen zwischen Macbeth und Lady Macbeth, in denen Müller den Blick verengt und die Brutalität psychologisch zuspitzt. Dass diese Welt blutrünstig ist, wird nicht behauptet, sondern gezeigt – unmissverständlich, ohne dekorativen Abstand.
Marc Weegers Bühnenbild trägt diese Wucht mit Lust an der Überfülle. Die große, dreidimensionale Konstruktion wirkt wie ein begehbares Machtgefüge, ein Raum, der sich nicht beruhigt, sondern ständig neue Perspektiven öffnet. In Kombination mit den Videoprojektionen entstehen Tableaus von fast barocker Opulenz. Die Kostüme, ebenfalls von Weeger, fügen sich nahtlos ein: hochwertig, detailreich, historisch grundiert und zugleich durch moderne Boots bewusst gebrochen. Diese Mischung erdet die Figuren im Heute, ohne ihnen den archaischen Ernst zu nehmen.

Das musikalische Fundament dieses Abends legt Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein mit einer Souveränität, die beeindruckt. Er nimmt Verdis Partitur ernst in ihrer Unruhe, in ihren schroffen Kontrasten, in ihrem manchmal fast unbequemen Drängen. Das Osnabrücker Symphonieorchester folgt ihm mit spürbarer Hingabe: Die Streicher zeichnen die nervöse Grundspannung scharf nach, die Bläser setzen Akzente von dunkler Schwere, und immer wieder öffnet sich der Klang nach oben, ohne sich zu verflüchtigen. Lichtenstein hält die Balance zwischen dramatischem Zugriff und struktureller Klarheit, er lässt der Musik Raum zum Atmen und treibt sie zugleich unerbittlich voran. Auch die Auftritte des Chores (Einstudierung: Sierd Quarré) besitzen Gewicht und Präsenz, wirken als geschlossener Körper und zugleich als bedrohlich anonyme Masse. So wird dieser „Macbeth“ musikalisch zu einem Abend, der nicht schmeichelt, sondern fordert.
Im Zentrum des Abends stehen Theo Magongoma und Susann Vent-Wunderlich als Macbeth und Lady Macbeth. Magongoma gestaltet den schottischen Feldherrn nicht als geborenen Tyrannen, sondern als einen Mann, der sich Schritt für Schritt in eine Logik verstrickt, die er irgendwann nicht mehr beherrscht. Sein Bariton besitzt Kraft und Beweglichkeit, aber vor allem eine erzählerische Qualität: Man hört den inneren Widerstand ebenso wie das Nachgeben, die aufkeimende Paranoia ebenso wie den Rest von Selbstbehauptung.
Vent-Wunderlichs Lady Macbeth ist von Beginn an eine Erscheinung, stimmlich wie darstellerisch. Sie setzt nicht auf grelle Dämonie, sondern auf eine gefährliche Klarheit des Willens. Ihre Stimme bleibt auch in den exponierten Höhen fokussiert, durchdringend, und gewinnt gerade in den leisen Momenten eine beklemmende Intensität. Im Zusammenspiel der beiden entsteht ein Beziehungsgeflecht, das von Macht, Abhängigkeit und wachsender Entfremdung erzählt, ohne je schematisch zu wirken.

Dominic Barberi verleiht Banquo eine noble Grundierung, die seine spätere Bedrohung umso schärfer konturiert. Sein Auftritt bleibt präsent, seine Stimme trägt Autorität, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Jihoon Park als Macduff überzeugt mit klarer Linienführung und einer Direktheit, die seiner Figur moralische Schärfe verleiht, ohne sie zu idealisieren.
In den weiteren Partien fügt sich das Ensemble geschlossen ins Gesamtbild: Florian Wugk gibt Malcolm mit unaufdringlicher Klarheit, Jan Friedrich Eggers zeichnet Seyton als funktionalen, fast gesichtslosen Teil der Machtmaschinerie, und Susanna Edelmann gestaltet die Kammerfrau der Lady mit eindringlicher Aufmerksamkeit.
Dieser Osnabrücker „Macbeth“ ist ein Abend, der lange nachwirkt, weil er konsequent bleibt – in der musikalischen Gestaltung, in der Bildsprache und in der Ernsthaftigkeit, mit der er seine Figuren behandelt. Er zeigt eine Welt, in der Gewalt kein Ausnahmezustand ist, sondern Methode. Und er zeigt das mit einer künstlerischen Entschiedenheit, die man so schnell nicht vergisst.
Text: Dominik Lapp