„Die Zauberflöte“ in Berlin (Foto: Dominik Lapp)
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Die Weltformel der Oper: Warum Mozarts „Zauberflöte“ überall funktioniert

„Die Zauberflöte“ ist kein Dauerbrenner aus Gewohnheit, sondern aus Notwendigkeit. Kaum ein anderes Opernwerk wird weltweit so häufig gespielt, kaum eines ist in Spielplänen so selbstverständlich präsent, und kaum eines hält dieser Dauerbeanspruchung so stand. Das Stück funktioniert im kleinen Stadttheater wie im großen Opernhaus, im Kinderformat ebenso wie im philosophisch aufgeladenen Regietheater. Es überlebt wechselnde ästhetische Moden, politische Umbrüche und gesellschaftliche Selbstverständnisse, ohne dass man es grundlegend umschreiben müsste. Genau diese Eigenschaft macht es zum meistgespielten Werk des Repertoires – und zugleich zu einem Prüfstein für jede Generation von Opernschaffenden.

Um diese Behauptung nicht abstrakt zu belassen, lässt sich die Oper an einer Reihe konkreter Aufführungen beobachten. Zwischen Dezember 2024 und Dezember 2025 waren in Deutschland sieben verschiedene Inszenierungen von „Die Zauberflöte“ in sieben Städten zu sehen. Was sich dabei zeigt, ist weniger ein Vergleich im Sinne von besser oder schlechter als ein Panorama dessen, was dieses Werk aushält und freisetzt.

Mozarts und Schikaneders Oper ist von Anfang an als Mischform angelegt. Sie verbindet Singspiel und Ritual, Jahrmarktsunterhaltung und philosophischen Entwurf, burleske Komik und ernsthafte Sinnsuche. Diese innere Uneindeutigkeit ist kein Makel, sondern das eigentliche Erfolgsrezept. Schon bei der Uraufführung 1791 am Theater auf der Wieden, dem heutigen Theater an der Wien, richtet sich „Die Zauberflöte“ an ein heterogenes Publikum. Man lacht über Papageno, man staunt über Bühnenzauber, man folgt Tamino durch Prüfungen, deren Bedeutung nicht restlos erklärt wird. Die Oper stellt Fragen, ohne sie abschließend zu beantworten. Sie fordert Teilhabe, nicht Zustimmung. Diese Offenheit spiegelt sich in den Inszenierungen des vergangenen Jahres in erstaunlicher Vielfalt.

Die Neuinszenierung in Essen im Dezember 2024 unter der Regie von Magdalena Fuchsberger stellt Mozarts Oper in ein ungewöhnliches, dystopisches Umfeld: Die Handlung ist stark verändert und gekürzt, die märchenhafte Leichtigkeit weicht einem kühlen, fast futuristischen Szenario. Tamino, Pamina und Papageno finden sich in einem laborähnlichen Setting wieder, in dem klonartige Paare und Überwachungsästhetik dominieren. Elemente wie die Königin der Nacht und Sarastro erscheinen als Führungsfiguren einer sektenartigen Gemeinschaft, deren Logik nicht immer klar bleibt. Bühnenbild und Kostüme mischen Futurismus mit Retro-Charme, die Feuer- und Wasserprobe nutzt virtuelle Realität. Musikalisch überzeugt die Produktion mit sensibler Leitung und starken Stimmen, auch wenn erzählerische Brüche und offene Fragen manche Szenen rätselhaft lassen.

Die Berliner Produktion an der Staatsoper Unter den Linden im Januar 2025 zeigt eine seit Jahrzehnten etablierte Inszenierung von August Everding, die längst Kultstatus besitzt und regelmäßig in ausverkauften Aufführungen zu erleben ist. Das Bühnenbild beruht auf den historischen Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel von 1816 und kombiniert mystische, ägyptisierende Räume mit detailreichen Kostümen, die Tradition und Fantasie vereinen. Raum für spektakuläre Effekte bietet vor allem die Feuer- und Wasserprobe, die visuell eindrucksvoll gestaltet ist. Musikalisch überzeugt die Aufführung unter der Leitung von Eva Ollikainen, und das Ensemble liefert starke sängerische wie darstellerische Leistungen, allen voran die Königin der Nacht und Papageno, bei dem auch humorvolle Momente das Publikum gewinnen. Insgesamt spricht diese Version sowohl Opernerfahrene als auch Einsteiger an und zeigt, wie klassisches Musiktheater große Erzählkraft mit atmosphärischer Bühnenkunst verbindet.

Die Hildesheimer Produktion am Theater für Niedersachsen präsentiert „Die Zauberflöte“ im April 2025 als fröhlich-freches, szenisch buntes Spektakel, das das Werk in eine Zirkuswelt verwandelt und bewusst traditionelle Lesarten hinterfragt. Regisseur Christian von Götz verschiebt den Fokus auf Pamina als zentrale Figur und blendet problematische Stellen im Libretto aus oder bricht sie ironisch, während fantasievolle Kostüme, visuelle Effekte und eine feministisch geprägte Perspektive das klassische Material spielerisch neu interpretieren.

„Die Zauberflöte“ in Dresden (Foto: Dominik Lapp)
„Die Zauberflöte“ an der Semperoper Dresden.

Die Aufführung im August 2025 im Konzerthaus Dortmund verzichtet auf traditionelles Bühnenbild und verwandelt den Saal in einen lebendigen Raum, in dem Licht, Blickachsen und Bewegung die Szene bestimmen. Unter der Leitung von Tarmo Peltokoski entfaltet die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Mozarts Partitur mit großer Präsenz, die Mitwirkenden wie Äneas Humm als Papageno, Elsa Dreisig als Pamina und Kathryn Lewek als Königin der Nacht liefern vokale Höhepunkte. Regisseur Romain Gilbert schafft mit halbszenischer Personenführung und musikalisch begründeten Gesten eine „Zauberflöte“, die ihre Magie aus Klang, Raum und der Präsenz der Künstlerinnen und Künstler schöpft, ohne auf opulente Ausstattung angewiesen zu sein.

An der Semperoper Dresden zeigt Josef E. Köpplinger im September 2025 „Die Zauberflöte“ als ein Abenteuermärchen aus der Perspektive eines Kindes: Tamino trägt Jeans und T-Shirt, die fantastische Welt erscheint zugleich vertraut und verspielt, mit großen Bildern von Sonne, Mond, Tempel, einem überdimensionalen Vogel und lebendigen Videoeffekten. Humor und ironische Leichtigkeit stehen neben der klar erkennbaren Symbolik des Originals, während Kostüme und Licht eine fantasievolle, farbige Bühne schaffen. Die musikalische Realisierung mit der Sächsischen Staatskapelle unter Killian Farrell ist lebendig und ausgewogen, und das Ensemble liefert eine starke vokale Leistung, die diesem Blick auf Mozarts Werk eine breite emotionale und klangliche Palette verleiht.

Die Produktion an der Staatsoper Hamburg im November 2025 unter Regie von Jette Steckel setzt „Die Zauberflöte“ als szenisch stark reduziertes, multimediagesättigtes Konzept um, in dem große Teile der Schikaneder-Dialoge gestrichen werden und ein Fokus auf visuelle Effekte und Rahmenszenen liegt, was der Erzählstruktur oft die narrative Substanz entzieht. Im Gegensatz dazu erweist sich die musikalische Seite mit dem Philharmonischen Staatsorchester unter Keren Kagarlitsky und einem homogenen Ensemble als lebendig und überzeugend, so dass der Abend musikalisch glänzt, während die szenische Umsetzung eher blass bleibt.

Die Produktion am Landestheater Detmold im Dezember 2025 unter Regie von Dirk Schmeding liest „Die Zauberflöte“ als Coming-of-Age-Geschichte, in der Tamino, Pamina und Papageno durch wiederkehrende Türen in eine Parallelwelt treten und sich selbst, ihre Rollen und überkommene Autoritäten neu entdecken müssen. Zentrale Elemente wie die Feuer- und Wasserprobe werden als körperliche Erfahrung inszeniert, problematische Passagen des Librettos behutsam bearbeitet, und das bewusst reduzierte Bühnenbild mit großen symbolischen Bildern sowie ein starkes Ensemble verbinden erzählerische Klarheit mit sängerischer Präsenz, so dass die Oper als klug erzählter Entwicklungsweg erscheint.

Aus der Summe dieser Beobachtungen lässt sich erklären, warum „Die Zauberflöte“ weltweit so präsent ist. Sie bietet keine geschlossene Weltanschauung, sondern eine Struktur, die immer neu gefüllt werden kann. Sie ist robust genug, um widersprochen zu werden, und offen genug, um sich immer wieder anzupassen. Dass auch in der aktuell laufenden Spielzeit neue Inszenierungen – beispielsweise in Bremen und Gelsenkirchen – entstehen, ist kein Zeichen von Repertoire-Trägheit, sondern Ausdruck dieser besonderen Qualität.

„Die Zauberflöte“ bleibt lebendig, weil sie sich nicht festlegen lässt. Sie gehört niemandem allein: weder der Tradition noch der Regie, weder dem Kinderpublikum noch dem philosophischen Diskurs. Ihre Beliebtheit speist sich aus genau dieser Beweglichkeit. Solange Theater Fragen stellt, wird dieses Stück Antworten provozieren – und genau deshalb immer wieder gespielt werden.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".