Konzentriert auf das Wesentliche: „Candide“ in Essen
Es ist ein Abend, der mit einer leisen Verschiebung der Erwartungen beginnt. Wer im Aalto-Musiktheater Essen Platz nimmt, begegnet keiner szenisch ausgebauten Operettenwelt, sondern einer konzertanten Anordnung: Das Orchester sitzt auf der Bühne, dahinter erhebt sich der Chor, davor stehen die Solistinnen und Solisten an ihren Notenpulten. Rechts ein Sofa, Requisite und Rückzugsort zugleich, auf dem gelegentlich kleine Spielszenen aufflackern oder auf dem Götz Alsmann Platz nimmt. Schon vor Beginn und in der Pause wird deutlich, dass ein Teil des Publikums vor allem seinetwegen gekommen ist. Am Ende aber verschiebt sich der Fokus entschieden: Der eigentliche Star dieses Abends ist die Musik – und mit ihr das glänzend disponierte Ensemble aus Orchester, Chor und Solistinnen und Solisten.
„Candide“ gehört nicht zu jenen Werken Leonard Bernsteins, die sich dauerhaft im Repertoire festgesetzt haben. Während die „West Side Story“ allgegenwärtig ist, fristet dieses Stück ebenso wie „Mass“ ein Dasein als gelegentlich hervorgeholte Besonderheit, häufig in konzertanter Form. Das hat Gründe. Die Handlung, basierend auf Voltaires Satire, wirkt episodisch, zuweilen sprunghaft, kaum geeignet, eine stringente dramatische Entwicklung zu tragen. Der Abend in Essen macht daraus keinen Hehl – im Gegenteil: Er setzt ganz auf die musikalische Seite dieses schillernden Werks, das sich ohnehin jeder eindeutigen Gattungszuordnung entzieht. Musical, Operette, Oper – die Begriffe kreisen um „Candide“, ohne es festzulegen. Bernstein selbst nannte es eine komische Operette, doch die Partitur greift weit darüber hinaus, nimmt Anleihen bei der Oper ebenso wie beim Musical und entfaltet daraus eine stilistische Vielfalt, die in Essen mit sichtlicher Lust ausgekostet wird.
Per-Otto Johansson steht am Pult der Essener Philharmoniker und formt aus dieser Vielgestaltigkeit einen durchgehend spannungsvollen musikalischen Fluss. Er kostet die rhythmische Schärfe ebenso aus wie die lyrischen Passagen, lässt die jazzigen Einsprengsel federnd aufblitzen und führt die großen Ensembleszenen mit sicherem Gespür für Balance. Das Orchester spielt mit bemerkenswerter Präsenz, transparent im Klang und zugleich von sattem Volumen, wo es gefordert ist. Johansson hält die unterschiedlichen Stile nicht nur zusammen, sondern macht sie gerade in ihrer Unterschiedlichkeit erfahrbar. Der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) fügt sich homogen und klangkräftig in dieses Klangbild ein.
Die konzertante Form verlangt den Solistinnen und Solisten besondere Konzentration ab, da sie mit minimalen szenischen Mitteln auskommen müssen. Paul Curievici gestaltet die Titelrolle als beweglichen, hell timbrierten Tenorpart, der die Naivität und Wandlungsfähigkeit Candides überzeugend trägt. Seine Stimme bleibt auch in den anspruchsvollen Passagen geschmeidig und präsent. Natalia Labourdette als Cunegonde setzt einen Höhepunkt des Abends: Virtuos meistert sie die Koloraturen, verbindet technische Brillanz mit spielerischer Leichtigkeit und zeigt dabei auch Sinn für Ironie.

Mercy Malieloa gibt Paquette mit warmem, gut geführtem Sopran Profil, während Tobias Greenhalgh in den Doppelrollen Maximilian und Kapitän mit kernigem Bariton und klarer Linienführung überzeugt. Aljoscha Lennert erweist sich als gesanglich verlässliche Stütze in seinen nun erweiterten Partien: Gouverneur, Vanderdendur, Ragotski und Sultan Achmet erhalten durch ihn jeweils eigene Kontur, ohne ins bloß Typenhafte abzugleiten. Almerija Delic schließlich stattet die Old Lady mit markanter Bühnenpräsenz und klanglicher Substanz aus, die der Figur Gewicht verleiht.
Die weiteren Partien sind solide besetzt: Mykhailo Kushlyk, Karel Martin Ludvik, Miha Brkinjač, Andrei Nicoara und Baurzhan Anderzhanov erfüllen ihre vielfältigen Aufgaben zuverlässig und tragen zum geschlossenen Gesamtbild bei.
Eine besondere Rolle kommt Götz Alsmann zu, der als Erzähler durch den Abend führt. Der von Loriot nach der Satire Voltaires und dem Buch von Hugh Wheeler adaptierte Text – gesprochen auf Deutsch, während die musikalischen Nummern im englischen Original von Richard Wilbur, Stephen Sondheim, John Latouche, Lillian Hellman, Dorothy Parker und Leonard Bernstein erklingen –, schafft eine eigenwillige, aber funktionierende Zweisprachigkeit. Alsmann präsentiert sich als launiger Conférencier, der mit feinem Timing und augenzwinkernder Distanz durch die Handlung geleitet. Seine Präsenz strukturiert den Abend, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und bietet gerade dort Orientierung, wo die episodische Anlage des Stücks leicht ins Zerfasern geraten könnte.
Die szenische Einrichtung von Marijke Malitius bleibt bewusst zurückhaltend. Das Sofa als einziges markantes Element genügt, um punktuell kleine Spielsituationen anzudeuten, ohne den konzertanten Charakter zu unterlaufen. So konzentriert sich alles auf das Wesentliche: die Musik und ihre Ausführung.
Am Ende steht ein Abend, der die Schwächen der Vorlage nicht kaschiert, sondern umgeht, indem er ihre Stärken in den Mittelpunkt rückt. „Candide“ erweist sich in Essen als ein Werk, das weniger durch seine Geschichte als durch seine musikalische Fantasie trägt. In der konzentrierten Form dieser Aufführung tritt genau das klar hervor – und lässt das Publikum mit dem Eindruck zurück, einer ebenso ungewöhnlichen wie lohnenden Begegnung beigewohnt zu haben.
Text: Dominik Lapp
