„Zurück in die Zukunft“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)
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Vom Kultfilm zum Musical: „Zurück in die Zukunft“ in Hamburg


Jetzt also landet der DeLorean im Operettenhaus Hamburg: „Zurück in die Zukunft“ ist dort zu sehen, produziert von Stage Entertainment, und schon beim Betreten des Hauses wird klar, dass dieser Abend mehr sein will als die bloße Musicaladaption eines Kultfilms.

Das Erlebnis beginnt bereits vor dem Theater, das in das Rathaus von Hill Valley umgestaltet wurde, und zieht sich weiter ins Foyer, wo der einst verspiegelte Treppenaufgang zum Rang zur begehbaren Reminiszenz transformiert ist, komplett mit dem ikonischen Wagen und flammenden Reifenspuren. Fotopoints laden dazu ein, sich selbst ins Bild zu setzen: im DeLorean oder vor der Rathausuhr von Hill Valley. An der Bar leuchten die Neonschriftzüge „Hill Valley Bar“, es läuft ein fiktiver Radiosender aus den Fünfzigern – und als kurioses Detail steht ein Hoverboard aus dem zweiten „Zurück in die Zukunft“-Film als Leihgabe des Streamers Knossi in einer Vitrine. Dass der erste Film 2025 sein 40-jähriges Jubiläum feierte und noch einmal in die Kinos zurückkehrte, bildet den passenden Resonanzraum für diese Inszenierung, die das kollektive Gedächtnis nicht nur bedient, sondern regelrecht inszeniert.

„Zurück in die Zukunft“ erzählt die bekannte Filmstory ohne Umwege. Bob Gales Buch hält sich eng an die Filmvorlage, die Dialoge sind weitgehend übernommen – ein Umstand, der vom Publikum hörbar goutiert wird. Heiko Wohlgemuths Übersetzung bewahrt den Tonfall der Vorlage und findet für die Songs eine geschmeidige, singbare Sprache, die weder anbiedert noch sperrig wirkt. Die Musik von Alan Silvestri und Glen Ballard setzt auf eine Mischung aus cineastischem Pathos und popmusikalischer Direktheit. Sie trägt die Handlung zuverlässig, auch wenn nur wenige Nummern für sich allein bestehen wollen. Es ist ein Soundtrack im besten Sinne: funktional, eingängig, dramaturgisch klug gesetzt – und selbstverständlich fehlen weder das musikalische Hauptthema aus dem Film noch die daraus bekannten Songs.

„Zurück in die Zukunft“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

John Randos Regie vertraut auf Tempo und klare Linien. Szenenwechsel erfolgen in rascher Abfolge, oft nahtlos ineinander verschränkt. Chris Baileys Choreografie greift die Energie der Fünfzigerjahre auf, zitiert Rock’n’Roll und Highschool-Ästhetik, ohne sich im Retro-Gestus zu verlieren. Tim Hatleys Bühnenbild arbeitet mit beweglichen Elementen und Projektionsflächen, aber auch mit sehr detaillierten Szenenbildern wie dem Haus von Doc Brown, worin sich – wie es sich für einen exzentrischen Wissenschaftler und Erfinder gehört – allerlei Kram findet.

Das Set wird erweitert durch Videoarbeiten von Fin Ross, die allerdings zeitweise wenig realistisch, sondern eher wie einfachere Animationen aus einem Computerspiel wirken. Dennoch entstehen so immer wieder fließende Räume, die zwischen Zeiten und Orten changieren. Die Kostüme setzen dabei deutliche Zeitmarken und sind am Kostümbild des Films angelehnt.

Der eigentliche Star des Abends ist jedoch die Technik. Chris Fishers Illusionen, Gareth Owens Sounddesign sowie das Licht von Tim Lutkin und Hugh Vanstone greifen präzise ineinander. Wenn der DeLorean Fahrt aufnimmt, wenn Zeitlinien sich verschieben, wenn Realität und Möglichkeit ineinander kippen, dann entsteht ein Sog, der das Publikum unmittelbar erfasst. Diese Effekte sind nicht bloß Schauwerte, sondern integraler Bestandteil der Erzählung – sie machen das zentrale Motiv der Zeitreise sinnlich erfahrbar.

„Zurück in die Zukunft“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Ein kleines Highlight ist dabei selbstverständlich das Finale, wenn der DeLorean wie von Zauberhand fliegt. Um sich davon begeistern zu lassen, muss man aber nicht die teuren Plätze in der so genannten McFly-Zone buchen, sondern kann den Effekt – der letztendlich sogar weniger spektakulär wirkt als erwartet – genauso gut von den günstigeren Plätzen weiter hinten genießen.

Am Dirigentenpult hält Philipp Gras das neunköpfige Orchester straff zusammen. Der Klang ist kompakt, rhythmisch pointiert und jederzeit auf die Bühne abgestimmt. Die Balance zwischen Band und Ensemble gelingt, ohne dass Stimmen zugedeckt werden oder der Sound an Druck verliert.

Raphael Groß gibt Marty McFly als sympathischen Draufgänger mit klar geführter Stimme und jugendlicher Präsenz. Er trifft den Ton zwischen Übermut und Verunsicherung, ohne in bloße Imitation zu verfallen. Jan Kersjes stattet Doc Brown mit exzentrischer Energie aus, die zwischen genialer Zerstreutheit und manischem Antrieb pendelt – seine Szenen besitzen Witz und Drive.

„Zurück in die Zukunft“ in Hamburg (Foto: Dominik Lapp)

Sandra Leitner als Lorraine Baines findet eine überzeugende Mischung aus mädchenhafter Schwärmerei und entschlossener Selbstbehauptung. Terence van der Loo zeichnet George McFly als liebenswerten Außenseiter, dessen Entwicklung nachvollziehbar bleibt.

Florian Sigmund gibt Biff Tannen die nötige physische Präsenz und eine Portion Grobheit, ohne ihn eindimensional wirken zu lassen. Hope Maine überzeugt in den Doppelrollen als Goldie Wilson und Marvin Berry mit stimmlicher Flexibilität und Spielfreude. Siegmar Tonk setzt als Strickland markante Akzente und Sonya Lachmann als Jennifer Parker nutzt ihre kurzen Auftritte mit strahlender Stimme.

Diese Hamburger Produktion von „Zurück in die Zukunft“ setzt weniger auf interpretatorische Vertiefung als auf das Zusammenspiel von Erinnerung, Technik und Unterhaltung. Sie nimmt den Kultstatus der Vorlage ernst, ohne sich ihm zu unterwerfen, und baut daraus ein Bühnenerlebnis, das seine Wirkung aus der Verbindung von Wiedererkennen und unmittelbarer Gegenwärtigkeit bezieht. Diese Show kann man sich gut ansehen und wird Fans des Films ganz sicher mehrfach ein Lächelns ins Gesicht zaubern.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".