„Die Schatzinsel“ in Haltern am See (Foto: Dominik Lapp)
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Frei zur Uraufführung: So denkt das Familienmusical „Die Schatzinsel“ Rollen und Story neu

Sie haben es wieder getan: Nach dem Musical „1648 – Macht. Liebe. Intrige.“ wenden sich der Autor Michael Przewodnik und der Komponist Florian Albers erneut einem großen Stoff zu und nehmen mit „Die Schatzinsel“ einen der bekanntesten Abenteuerromane der Weltliteratur in den Blick. Was sie im Lea-Drüppel-Theater in Haltern am See nun erstmals in einem Reading vor Fachpublikum vorstellen, ist kein nostalgischer Rückgriff auf Piratenfolklore, sondern der Entwurf eines neuen zeitgemäßen Familienmusicals, das bewusst auf Anschlussfähigkeit setzt – ästhetisch, erzählerisch und strukturell. Dass die Präsentation ausgerechnet in Haltern stattfindet, ist dabei kein Zufall: Hier lebt der Komponist, hier wird das Werk, das ab sofort zur Uraufführung frei ist, erstmals öffentlich erprobt, bevor nun Theater gesucht werden, die es auf die Bühne bringen wollen.

Im Zentrum der Adaption steht ein Motiv, das Florian Albers als eigentlichen Motor des Projekts beschreibt: Abenteuerlust. Der Wunsch, aufzubrechen, Neues zu entdecken, Risiken einzugehen und Erfahrungen zu sammeln, wird zum Leitgedanken der musikalischen und dramaturgischen Konzeption. Albers liest diesen Impuls sowohl aus Stevensons Roman als auch aus eigenen Gesprächen heraus und übersetzt ihn musikalisch gezielt für ein junges Publikum. „Neues erleben, sich etwas trauen, hinaus in die Welt gehen“, beschreibt der Komponist die Bewegung nach außen, die nicht nur Thema, sondern Strukturprinzip des Stücks ist.

„Die Schatzinsel“ in Haltern am See (Foto: Dominik Lapp)
Michael Przewodnik und Florian Albers führen in ihre Arbeit ein.

Entschärfte und erweiterte Geschichte

Michael Przewodnik nimmt dafür deutliche Eingriffe in die Vorlage vor. Der Roman, 1883 erschienen, kennt eine Härte und moralische Ambivalenz, die für ein heutiges Familienpublikum nur bedingt anschlussfähig ist. „Wir haben die Vorlage gezielt für Familien adaptiert. Das Buch selbst ist ein alter Roman, wo es inhaltlich stellenweise recht hart zur Sache geht“, erklärt der Autor.

Die Bearbeitung entschärft, ohne zu banalisieren, und ersetzt Brutalität durch erzählerische Verschiebungen. „Ein wichtiger Teil dieser Entschärfung ist eine Erweiterung der Geschichte durch eine kleine Zeitreise. Wir beginnen also nicht wie im Buch direkt im Jahr 1758 in England, sondern zunächst in der Gegenwart, am selben Ort“, so Przewodnik.

Die Hauptfigur Mia findet auf dem Dachboden ihrer Großeltern eine geheimnisvolle Schatzkiste, die sich als magischer Übergang erweist. Sie steigt hinein und gelangt auf diese Weise zurück ins 18. Jahrhundert, an Bord des Schiffs und mitten in die bekannte Abenteuerhandlung. Am Ende kehrt sie auf demselben Weg wieder zurück. Die Schatzkiste wird so zum dramaturgischen Scharnier zwischen Zeiten, Erfahrungsräumen und Generationen.

„Die Schatzinsel“ in Haltern am See (Foto: Dominik Lapp)
Nicolai Schwab, Sophia Riedl, Susann Ketley und Lukas Witzel erwecken die Rollen zum Leben.

Aus dem Piraten wird eine Piratin

Diese Rahmung erlaubt es dem Stück, Identifikationsangebote neu zu setzen. Mit Mia steht eine junge weibliche Figur im Zentrum, die den klassischen Abenteuerkanon aus heutiger Perspektive betritt. Überhaupt ist die Rollenanlage auffällig offen gedacht. Das Musical ist zunächst für acht Personen konzipiert, zwei Rollen sind ausdrücklich genderflexibel angelegt. Aus Long John Silver wurde außerdem Long Joan Silver, bewusst weiblich besetzt. Ein beiläufiger, aber deutlicher Kommentar zur nach wie vor geringen Zahl tragender Frauenrollen im Musiktheater.

Darüber hinaus ist „Die Schatzinsel“ modular erweiterbar. Ein Kinder- und Jugendensemble kann die Piratencrew ebenso vergrößern wie die Welt der Insel selbst. Piraten bestehen hier nicht nur aus zwei Figuren und einer anführenden Person, sondern aus einer Gruppe, die von Kindern und Jugendlichen belebt werden kann. Hinzu kommen Tiere und andere Lebewesen im Dschungel der Schatzinsel. Das Stück öffnet sich damit für kollektive Spielweisen und eignet sich ausdrücklich für Ensembles, die miteinander interagieren und unterschiedliche Erfahrungsniveaus zusammenführen wollen.

„Die Schatzinsel“ in Haltern am See (Foto: Dominik Lapp)
Sophia Riedl, Nicolai Schwab, Femke Soetenga und Dustin Smailes beim Reading.

Reading-Cast zeigt, wie das Stück funktioniert

Beim Reading übernehmen Sophia Riedl als Mia Miller und Nicolai Schwab als Jim Hawkins die zentralen Perspektiven. Dustin Smailes wechselt zwischen Kapitän Smollett und Ben Gunn, Femke Soetenga gibt Long Joan Silver. Susann Ketley ist als Großmutter und als Trelawney zu sehen, Lukas Witzel als Großvater und Dr. Livesey. Die Piraten Lou und Leigh werden von Patrik Cieslik und Tamara Peters verkörpert. Da ein Reading naturgemäß ohne szenische Umsetzung auskommt, liest Michael Baute die Szenenbeschreibungen und schafft damit die notwendigen Übergänge zwischen Dialog und Musik.

In dieser reduzierten Form zeigen die Mitwirkenden, wie gut das Stück funktioniert. Die Musik ist eingängig, ohne simpel zu sein. Große Balladen stehen neben Ensemble-Nummern und Rap-Passagen, wechseln Tempo, Stil und Perspektive. Die Bandbreite ist hörbar, die Qualität ebenso. Man erkennt ein klares Gespür für Dramaturgie, für Abwechslung und für die unterschiedlichen Hörgewohnheiten eines generationenübergreifenden Publikums. „Die Schatzinsel“ zielt nicht exklusiv auf Kinder, sondern denkt Eltern und Großeltern mit. Das macht das Stück kurzweilig und deutet an, welches Potenzial in diesem Entwurf für ein neues Familienmusical steckt.

Noch ist das Musical nicht uraufgeführt, noch existiert es im Raum des Möglichen. Doch das Reading macht deutlich, dass hier kein beliebiger Stoff bedient wird, sondern ein Angebot entsteht, das Abenteuer als Erfahrung ernst nimmt und das Musiktheater als gemeinsamen Raum für Jung und Alt versteht. Jetzt liegt es an den Theatern, diesen Schatz zu heben.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".