„Titanic“ in Hildesheim
  by

Koffer voller Geschichten: „Titanic“ in Hildesheim

Am Theater für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim erzählt das Musical „Titanic“ nicht vom Untergang als Spektakel, sondern vom Schiff als sozialem Mikrokosmos, dessen fragile Ordnung schon lange vor der Kollision Risse zeigt. Regisseur Matthias von Stegmann wählt dafür einen eigenständigen Zugriff, der spürbar durchdacht ist und sich eng an historischen Fakten orientiert, diese aber dort verdichtet, wo Theater Zuspitzung braucht. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die weniger auf Pathos setzt als auf präzise Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen in Extremsituationen – und die gerade dadurch eindringlich wirkt.

Schon der Beginn markiert diese Haltung. Die Eröffnungsnummer „Zu allen Zeiten“, in anderen Produktionen – darunter Tecklenburg und Erfurt – zum breit ausformulierten Ensembleauftakt aufgeblasen, gehört hier wieder allein dem Schiffskonstrukteur Thomas Andrews, der an den Fortschritt glaubt und ihn zugleich befragt. Diese Konzentration auf individuelle Perspektiven zieht sich durch den Abend.

Matthias von Stegmann erzählt Geschichten, statt Effekte aneinanderzureihen, und setzt neue Akzente: Eine in vielen Fassungen gestrichene Szene des Zweite-Klasse-Paares Caroline Neville und Charles Clarke wird wieder eingefügt und mit einem Duett ausgestattet. Annemarie Purkert und Stephan Freiberger gewinnen darin scharfe Konturen, die Biografien ihrer Figuren werden nicht behauptet, sondern erfahrbar. Später ist es nicht Charlotte Drake Cardoza, die Zutritt zum Rauchsalon der Ersten Klasse begehrt, sondern Alice Beane. Und beim Dinner schwadroniert nicht der Major, sondern Ida Straus – eine Verschiebung, die den Blick von männlicher Selbstgewissheit hin zu weiblicher Ironie lenkt.

„Titanic“ in Hildesheim

Getragen wird diese Erzählweise von einem Bühnenbild, das lange im Gedächtnis bleibt. Simon Lima Holdsworth stilisiert das gesamte Schiff aus Gepäckstücken – eine Idee von verblüffender Einfachheit und großer Suggestivkraft. So beginnt das Stück auf dem Meeresgrund mit einem von Muscheln überzogenen Koffer, dem Thomas Andrews die Schiffspläne entnimmt. Gelb-schwarze Hutschachteln wachsen zu Schornsteinen, aus Koffern werden Treppen, Gänge und Decks.

Aufgeklappte Gepäckstücke öffnen den Funkraum oder den Rauchsalon, lassen Glaswände des Erste-Klasse-Speisesaals aufscheinen oder einen Sternenhimmel funkeln. Wenn am Ende des ersten Akts bei der Kollision Eisbergstücke aus einem Koffer auf das Deck fallen, ist das ebenso schlicht wie wirkungsvoll. Große weiße Koffer mit Bullaugen strukturieren Räume, ohne sie festzuschreiben. Die Kostüme fügen sich nahtlos ein: zeit- und stilgerecht, mit Liebe zum Detail und Sinn für soziale Codes, sind sie eine stille, aber wirkungsvolle Ergänzung der Erzählung.

Die Choreografie von Gesine Sand hält sich bewusst zurück und vertraut auf kleine, prägnante Bilder. Besonders in Erinnerung bleibt „Barretts Lied“ mit den Heizern, in dem Schaufeln und Körperbewegungen zu einem Rhythmus verschmelzen, der die physische Arbeit unter Deck sichtbar macht.

Musikalisch ist der Abend fest verankert. Achim Falkenhausen führt Orchester und Chor mit sicherer Hand und hörbarer Neugier auf die Partitur. Die Musik erklingt kraftvoll, Falkenhausen geht hörbar in die Tiefe der Partitur, ohne zu überladen. Die Verbindung von Musical- und Opernensemble erweist sich dabei als Glücksfall: Stimmfarben und Spielweisen ergänzen sich, statt miteinander zu konkurrieren.

„Titanic“ in Hildesheim (Foto: Dominik Lapp)

Im Ensemble überzeugt Tobias Hieronimi als Kapitän E. J. Smith mit volltönender Stimme und einer Darstellung, die Autorität und Zweifel zugleich zulässt. Guido Kleineidam gibt William Murdoch mit beeindruckender Intensität, sein Spiel wird dabei zu einem inneren Kampf, der sich körperlich einschreibt. Jack Lukas verleiht Frederick Barrett eine wunderbar warme Stimme, Jonas Heinle ist als Harold Bride sympathisch und gesanglich verlässlich. Christopher Wernecke gestaltet Henry Etches mit großer Präsenz, Lorin Goltermann setzt als Thomas Andrews einen starken musikalischen und darstellerischen Akzent.

Daniel Wernecke überzeugt schauspielerisch als Bruce Ismay, ohne ihn zu karikieren. Marion Wulf sorgt als Alice Beane für pointierten Witz, während Annemarie Purkert und Stephan Freiberger als Caroline Neville und Charles Clarke leise, aber nachhaltig berühren. Eddie Mofokeng gefällt als Jim Farrell besonders im Duett „Drei Tage“, dem er mit seiner dunkel legierten Stimme eine neue Färbung gibt. Auch die irischen Frauenfiguren sind prägnant besetzt: Neele Kramer als Kate McGowan, Natalie Patricia Friedrich als Kate Murphy und Gabrielé Jocaité als Kate Mullins fügen sich zu einem lebendigen Gruppenporträt.

So entsteht am TfN mit dem Musical „Titanic“ eine Inszenierung, die nicht vom Mythos lebt, sondern von klugen Entscheidungen im Detail. Der Untergang ist hier weniger Endpunkt als Folie, vor der Menschen mit ihren Hoffnungen, Irrtümern und sozialen Rollen sichtbar werden – erzählt mit Fantasie, musikalischer Substanz und einem Bühnenbild, das aus Koffern mehr macht als Requisiten: nämlich Träger von Erinnerung.

Text: Dominik Lapp

Avatar-Foto

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".