Pia Douwes - Up close and personal (Foto: Katharina Karsunke)
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Hommage ans Leben: „Pia – Up close and personal“ in den Niederlanden


Pia Douwes – seit beinahe vier Jahrzehnten ist ihr Name aus der Musicalwelt nicht mehr wegzudenken. Was in den 1980er Jahren mit einem Musicalkurs in Salzburg klein und bescheiden begann, mündete dank ihrer Leidenschaft für die Bühne und ihres unermüdlichen Strebens nach künstlerischer Weiterentwicklung in eine außergewöhnliche Karriere. Sie prägte die deutschsprachige Musicalszene wie kaum eine andere, gilt stets als große Inspiration für nachfolgende junge Talente und begeistert und berührt bis heute ganze Generationen. Was ist da naheliegender, als den vergangenen 60. Geburtstag und das anstehende 40-jährige Bühnenjubiläum groß zu feiern? Gesagt, getan – und somit geht „Pia – Up close and personal“ (nach einer Idee von Marc Schultheis, Script: Allard Blom, Pia Douwes, Marleen van der Loo, Liedtexte: Allard Blom, musikalische Leitung: Bernd van den Bos) unter der Regie von Marleen van der Loo in den kommenden zwei Monaten auf Tour durch die Niederlande.

„Wenn Sie ein Best-of-Konzert erwartet haben, können Sie jetzt gehen“, lacht Pia Douwes, nachdem die Show mit einem kurzen Musicalmedley als Querschnitt durch ihre größten Bühnenerfolge beginnt. Schnell wird klar: Der Anlass ist ein Grund zu feiern – ja, aber nicht als hundertste Best-of-Show. Sondern als Hommage an das Leben und seine Geschichten.

Pia Douwes - Up close and personal (Foto: Katharina Karsunke)

Das Bühnendekor (Quinten De Smedt – MAQERIJ) ist liebevoll gestaltet; der Hintergrund ist mit einem großen, hellen Vorhang abgehängt. In Anspielung auf über 40 Umzüge und ein Leben aus Koffern stapeln sich Umzugskartons voller Erinnerungen. Auch ein verhängter Notenständer, eine eingepackte Kleiderpuppe – später behutsam als „Elisabeth“ verwendet – und ein Regal voller Videoaufnahmen, das lediglich andeutet, wie groß das Archiv der Künstlerin wirklich sein muss, finden hier ihren Platz. Eingerahmt wird die Szenerie durch drei Musiker, die unter der Leitung von Bernd van den Bos (der zunächst sympathisch aus einem der Kartons hüpft) den Abend musikalisch untermalen und passgenau einrahmen.

Doch auch wenn es ihr eigenes Programm ist, das sie zudem erstmalig selbst produziert, steht Douwes nicht allein auf der Bühne: Ivo Chundro und Liesanne van Dongen begleiten sie stets – zwischen all den Kartons voller Erinnerungen – und werden zu ihren Weggefährten, zu Rückblicken, Gedanken und Träumen. Auf das, was war, auf das, was kommt und vor allem: auf das, was ist.

Pia Douwes - Up close and personal (Foto: Katharina Karsunke)

Zunächst hat man ein wenig Mühe, den roten Faden zu finden, bewegt man sich als Publikum in einem Wechsel aus Rückblicken, Zukunftsgedanken, Tagebucheinträgen und Anekdoten von früher. Doch eines wird sofort deutlich und verfestigt sich gekonnt: Es ist Pia Douwes hier und heute nicht wichtig, als die allseits bekannte Künstlerin – die Grande Dame des Musicals – wahrgenommen zu werden. Sie möchte den Menschen, die Frau und auch das innere Kind hinter alldem zeigen und ja, vielleicht auch wiederfinden. Eine zerbrechliche Fassade, die sich öffnet und Dinge zum Vorschein kommen lässt, die bis dato kein Interview von ihr verraten hat. Es geht um Familienkonstellationen, Nachlässe und unerfüllten Kinderwunsch. Um ihre große Unsicherheit als ständige Begleitung im Leben und die Frage: Bin ich eigentlich gut genug? Aber auch um die tragende Unterstützung und tiefgehende Liebe ihrer Eltern – in Künstlerkreisen stets bekannt als Papapia und Mamapia. Und um das Loslassen – nicht zuletzt von ihrem Vater, der als ihr größter Fan „ihre Stimme mitnahm“.

Manches wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Was macht das mit einem, wenn man nicht mehr in der Mitte des eigenen, blühenden Lebens steht? Wenn die jungen Generationen übernehmen? Wenn logischerweise mehr hinter als vor einem liegt? Ist man stets den richtigen Weg gegangen? Was bedeutet es, sich von Träumen zu verabschieden, verpasste Chancen zu akzeptieren und Veränderungen auch liebevoll zu umarmen?

Und am Ende die große Frage: Was existiert von mir, wenn ich einmal gehe? Erinnert man sich auch an mich als Mensch oder bleibt da nur die Künstlerin im Kopf, die über eintausend Mal „Ich gehör‘ nur mir“ gesungen hat? „Bin ich mehr wert als dieser eine hohe Ton?“

Pia Douwes - Up close and personal (Foto: Katharina Karsunke)

Doch es wird nicht nur emotional. Wer Pia Douwes kennt, weiß, dass sie mit einer großen Prise Humor und Selbstironie durch das Leben geht. Authentisch lacht sie über Patzer oder zieht sich selbst auf, wie oft sie eigentlich im Laufe ihrer Karriere den Bühnentod erlitten hat. Ivo Chundro und Liesanne van Dongen komplettieren in einer wunderbaren Harmonie mit der Protagonistin das Trio, untermalen gekonnt, übernehmen solo oder mit Douwes zusammen gesangliche Parts und lassen sich nicht nur einmal von der Grande Dame coachen, damit bei „Mijn Leven is van mij“ auch ja jede Textzeile richtig interpretiert wird. Denn eines ist für Douwes auch nach so vielen Jahren essentiell: Man lernt nie aus – es ist nie zu spät, um zu wachsen.

Van Dongen überzeugt mit Sympathie und ihrer authentischen, natürlichen Art und begeistert zudem mit enormem Ausdruck und kraftvoller Stimme. Chundro hat das Talent ebenfalls auf seiner Seite und entwickelte zudem für „Pia – Up close and personal“ die Choreografien, die sich nahtlos in den Ablauf schmiegen. Besonderer Hingucker: Bob Fosses unverwechselbare Linienführung! Äußerst gelungen ist hier auch das Lichtkonzept (Licht und Ton: Tim van Tooren – Lightworx), das die Bühne in ein warmes, charmantes Licht taucht. Der besondere Clou: der Vorhang im Hintergrund, der sich hervorragend für Schattenspiele eignet.

Die kleine Band unter der Leitung von Bernd van den Bos, bestehend aus Piano, Gitarre, Keyboard und zeitweise auch Saxophon, untermalt die Show schwungvoll und präzise, mal mit leichten, berührenden Tönen, mal kraftvoll und durchdringend. Als gelungen kann auch der Mix aus bekannten Musicalmelodien und neuen Arrangements bezeichnet werden, wenn auch deutlich ist, dass der Hauptfokus hier auf den Geschichten der Protagonistin liegt. Marleen van der Loo‘s Regieführung lässt in diesen knapp 90 Minuten ohne Pause keine Langeweile aufkommen – vielmehr ist es fast schon zu kurz, möchte man noch tiefer eintauchen, um das Gesehene verarbeiten und reflektieren zu können.

Pia Douwes - Up close and personal (Foto: Katharina Karsunke)

Wer auf eine typische Musicalgala und ein Best-of aus Pia Douwes‘ Repertoire hofft, ist sicher etwas fehl am Platz. Doch wer neugierig wurde auf den Menschen hinter all den Hauptrollen und bereit ist, sich Teile dieser Geschichte erzählen zu lassen (die komplette Geschichte würde vermutlich den Rahmen sprengen), wird einen Abend zu einer Künstlerin erleben, den man so niemals erwartet hätte.

Apropos erwarten: Nach Ende der Premiere wird Pia Douwes noch auf ganz besondere Art und Weise überrascht: Der Bürgermeister ihres Wohnortes verleiht ihr den „Ridder in de Orde van de Nederlandse Leeuw“ – eine Auszeichnung, vergleichbar mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz. Er würdigt damit ihre große Bedeutung und ihr langjähriges Engagement im Kulturbereich, aber auch ihren leidenschaftlichen und so wichtigen, nachhaltigen Einsatz im Ehrenamtssektor durch verschiedene Stiftungen und Organisationen, die ihr am Herzen liegen. Das Ganze wird unterstrichen von Worten, die Pia Douwes persönlich nahegehen dürften; kristallisierte sich doch dies als ihr größter Wunsch heraus: nicht nur als Künstlerin in Erinnerung behalten zu werden, sondern vor allem als Pia. Als Mensch.

Douwes lächelt. „40 Jahre Karriere – 40 Jahre Erwartungen, Durchhalten, Festhalten an so vielen Dingen. Ich möchte etwas Neues – ich möchte zurück, ins Innerste, zum Kern. Wenn ich daran denke, wer diese Frau wirklich ist – dann ist es dieses kleine Mädchen aus dem Video meines Vaters, das im Alter von sechs Jahren völlig frei und losgelöst über den Rasen tanzt. Wenn irgendetwas von mir übrig bleibt, dann dieses Mädchen – het leven is van mij.“

Text: Katharina Karsunke

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Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.