Alex Melcher und Vera Bolten
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Wie Vera Bolten und Alex Melcher mit ihrem Musical „Die Weiße Rose“ Geschichte aus den Schulbüchern holen

Es gibt Stoffe, die scheinen sich jeder Bühnenform zu entziehen. Die Geschichte der Widerstandsgruppe um Sophie und Hans Scholl gehört dazu. Zu groß die historische Last, zu schmerzhaft das Ende, zu präsent die Frage, wie man von Menschen erzählen kann, die längst zu Symbolfiguren geworden sind. Und doch ist daraus nach „Scholl – Die Knospe der Weißen Rose“ mit „Die Weiße Rose“ noch ein zweites Musical entstanden.

„Die Weiße Rose“, im Sommer 2025 in Füssen uraufgeführt, erzählt nicht zuerst von Helden. Es erzählt von jungen Menschen. Von Orientierungssuche, Freundschaft, Zweifel, Begeisterung, Irrtum und schließlich von der Entscheidung, nicht länger zu schweigen.

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Die Autoren Vera Bolten und Alex Melcher wollten die Mitglieder der „Weißen Rose“ bewusst aus der historischen Distanz herausholen. „Den Zuschauern Identifikationsmöglichkeiten zu bieten, die eben nicht im Kopf sind, sondern aus dem Bauch kommen“, beschreibt Bolten den Anspruch ihrer Arbeit. Das Musical erzählt deshalb weniger ein Denkmal als einen Entwicklungsprozess: den Weg junger Menschen, die zunächst Teil eines Systems sind und erst Schritt für Schritt erkennen, dass Anpassung und Gewissen nicht miteinander vereinbar sind.

Geschichte reicht weit zurück

Dabei reicht die Geschichte des Projekts weit zurück. Die erste Idee entstand bei Melcher bereits in den 1990er-Jahren. Inspiriert von Konzeptalben wie „The Wall“ fragte er sich, „wie man interessante oder wichtige Geschichten musikalisch umsetzen“ könne. Doch der Gedanke blieb lange liegen. Erst viele Jahre später fand er in Vera Bolten die Partnerin, die daraus ein Bühnenwerk entwickeln konnte.

Dass ausgerechnet die Corona-Pandemie zum Katalysator wurde, erscheint rückblickend fast folgerichtig. Während die Theater geschlossen waren und Künstlerinnen und Künstler zum Stillstand gezwungen wurden, begannen die beiden, ihre Ideen zu bündeln. Aus Recherchen, musikalischen Skizzen und historischen Quellen entstand allmählich ein Werk, das Erinnerungskultur und zeitgenössisches Musiktheater zusammenführen sollte.

Der Einwand, ob sich eine Geschichte wie die der „Weißen Rose“ überhaupt als Musical erzählen lasse, begleitete das Projekt von Anfang an. Für Melcher war gerade diese Skepsis Antrieb. Er wollte zeigen, dass Musical weit mehr sein kann als leichte Unterhaltung. „Wichtig ist einfach der Respekt vor dem Thema“, sagt er. Die vermeintliche Unvereinbarkeit von historischem Ernst und musikalischer Form weist das Autorenduo entschieden zurück.

„Die Weiße Rose“ in München und Füssen (Foto: Jonas Melcher)

Musical als naheliegende Form

Tatsächlich waren die Mitglieder der „Weißen Rose“ selbst kunst- und musikbegeisterte junge Menschen. Sie lasen, malten, diskutierten, tanzten und suchten Ausdrucksformen für ihre Gedanken. Ein Musical – die Vereinigung von Musik, Text und Schauspiel – erscheine, so Bolten, deshalb fast als naheliegende Form, um ihre Welt erfahrbar zu machen.

Bemerkenswert ist dabei die Konsequenz, mit der das Stück an den historischen Fakten bleibt. Für Vera Bolten war das keine dramaturgische Einschränkung, sondern Voraussetzung. „Ich würde mir niemals anmaßen von dem, was historisch überliefert ist, abzuweichen.“ Die Herausforderung bestand vielmehr darin, die Vielzahl der Figuren und Ereignisse in eine zweieinhalbstündige Theatererzählung zu übersetzen.

Dass dies gelungen ist, zeigt sich nicht zuletzt an den Reaktionen der Angehörigen. Viele hätten begrüßt, dass das Musical nicht allein die Geschwister Scholl ins Zentrum stellt, sondern die gesamte Gruppe sichtbar macht. Jeder bekomme seinen Raum, jede Biografie ihre Würde.

Publikum reagiert ungewöhnlich intensiv

Auch das Publikum reagiert ungewöhnlich intensiv. Nach vielen Vorstellungen blieben Menschen noch lange im Theaterfoyer oder bei Nachgesprächen sitzen. Sie diskutierten, tauschten Eindrücke aus und suchten das Gespräch miteinander. „Es ist kein Theaterabend, den man sich anschaut, dann fährt man nach Hause und es ist vorbei“, sagt der Komponist. Vielmehr entfalte die Geschichte ihre Wirkung erst nach dem Schlussapplaus.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Leistung von „Die Weiße Rose“. Das Musical erzählt keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern stellt Fragen an die Gegenwart. Was bedeutet Zivilcourage heute? Wann beginnt Verantwortung? Und wie reagiert man auf gesellschaftliche Entwicklungen, die demokratische Werte infrage stellen?

Verantwortung für die Gegenwart

Für Vera Bolten, die auch Regie führt, ist die Botschaft klar: „Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und die Freiheit, in der wir leben, sind nicht selbstverständlich.“ Für Alex Melcher gehört dazu vor allem die Verpflichtung, Erinnerung wachzuhalten. Die Forderung, irgendwann einen Schlussstrich unter die deutsche Geschichte zu ziehen, lehnt er entschieden ab. „Es darf nie ‚gut sein‘“, sagt er, weil aus dem Wissen über die Vergangenheit eine Verantwortung für die Gegenwart erwachse.

Gerade darin liegt die Aktualität dieses Musicals. Es erzählt vom Widerstand gegen eine Diktatur, ohne historische Figuren auf einen Sockel zu stellen. Stattdessen zeigt es junge Menschen, die lernen, Haltung zu entwickeln – und macht deutlich, dass diese Aufgabe nie abgeschlossen ist.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.