„Titanic“ (Foto: Dominik Lapp)
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Klug und durchdacht inszeniert: „Titanic“ in Erfurt

Am Theater Erfurt sinkt die Titanic. Natürlich nur in Form einer Musical-Inszenierung, aber mindestens genauso spektakulär und bedrückend wie der echte Luxusdampfer – dank der äußerst klugen und durchdachten Inszenierung von Stephan Witzlinger, der das Werk von Maury Yeston (Musik und Songtexte) und Peter Stone (Buch) so genial auf die Bühne gebracht hat, dass sich die Ah- und Oh-Momente geradezu aneinanderreihen und zahlreiche Gänsehautmomente entstehen.

Der erste Gänsehautmoment wird vom Musikalischen Leiter Clemens Fieguth und dem Philharmonischen Orchester Erfurt bereits mit der Ouvertüre geschaffen. Sofort wird deutlich, welche fantastische Musik Maury Yeston für „Titanic“ komponiert hat. Der elegante und schwelgerische Streicherklang, der die Schönheit der Titanic perfekt widerspiegelt, trifft unmittelbar auf die bedrohlichen Blechbläser und das vibrierende Schlagwerk, die symbolisch für den schicksalhaften Eisberg stehen. Wenn die Streicher mit den Holz- und Blechbläsern harmonisch verschmelzen und jedes einzelne Instrument die Fähigkeit besitzt, akustisch zu strahlen, entsteht ein brillant-opulenter Klangteppich, der die Erwartung von etwas wahrhaft Großem weckt.

Entsprechend groß prangt sogleich der Schriftzug der Titanic über der Bühne, im hinteren Teil sind ein Schornsteinrohr und das Promenadendeck des Schiffs erkennbar, darauf sitzen die rund 30 Musikerinnen und Musiker des Orchesters und begleiten die Vorstellung für das Publikum jederzeit sichtbar, was eine wunderbare Hommage an die Musikkapelle ist, die einst bis zum Untergang der Titanic gespielt haben soll.

„Titanic“ (Foto: Dominik Lapp)

Weil dadurch der Orchestergraben leer ist, wird dieser als zusätzliche Spielfläche genutzt. Mal sehen wir darin die Kohle schaufelnden Heizer, später dann Passagiere, die dort verzweifelt einen Platz im Rettungsboot suchen – in der Untergangsszene stürzen Menschen in den Orchestergraben, der dann den eiskalten Nordatlantik darstellt.

Insgesamt ist die Inszenierung von Stephan Witzlinger ein beeindruckendes Spektakel, das durch geisterhafte Elemente eine faszinierende Ebene erreicht. Die Verwendung von geschickt geschminkten Darstellerinnen und Darstellern und von Lena Scheerer entworfene, zum Teil verwittert anmutende Kostüme verleihen den Toten der Titanic eine authentische und unheimliche Präsenz. Die Bühnengestaltung (ebenfalls von Scheerer) setzt auf Andeutungen von Kulissen – mal eine Reling, mal die vom Salzwasser angegriffenen Spiegelwände im Salon der Ersten Klasse oder Stühle mit fehlender Rückenlehne intensivieren die Atmosphäre des Schiffsunglücks.

Das Zusammenspiel von Bühnennebel und dem durchdachten Lichtdesign (Scheerer und Witzlinger) erzeugt über der gesamten Handlung eine düstere und unheilvolle Stimmung, die das tragische Schicksal spürbar macht. Die geisterhaften Toten treten zudem in Erscheinung, indem sie den Dritte-Klasse-Passagieren den Fluchtweg vom unteren Deck nach oben mit Gittern versperren, und schließlich sind es diese geisterhaften Figuren, die den Konstrukteur Thomas Andrews am Ende in die Tiefen des Nordatlantiks reißen.

„Titanic“ (Foto: Dominik Lapp)

Die Story gewinnt zudem an Tempo, weil der Regisseur an verschiedenen Stellen im Textbuch (immer noch eine geniale Übersetzung: Wolfgang Adenberg) den Rotstift angesetzt hat. Dadurch sind Szenen wie „Eine Zeit voller Glanz und Pracht“ wesentlich kürzer und weniger langatmig, was allerdings auch bedeutet, dass zum Beispiel die witzige Rolle des Majors ersatzlos entfallen ist. Auch die Dialoge in der Nummer „Kein Mond“ wurden gekürzt, weshalb die Rolle der Erste-Klasse-Passagierin Charlotte Drake Cardoza nicht mehr existent ist.

Etwas schade ist außerdem, dass ausgerechnet bei einem Ensemblestück wie „Titanic“, das für seine solistischen Rollen ohnehin nicht gerade viele Solonummern bereithält, ausgerechnet das Solo „Zu allen Zeiten“, mit dem der Konstrukteur Thomas Andrews normalerweise allein das Stück eröffnet, zu einer Ensemblenummer verändert wurde. Aber nichtsdestotrotz ist die Szene durchaus sehenswert, jetzt, wo Andrews nicht mehr allein, sondern zusammen mit den Toten das von Menschen erschaffene Wunder, die schwimmende Stadt auf dem Meer, besingt.

Weiteres Tempo gewinnt die Inszenierung durch die fabelhafte Choreografie von Kerstin Ried, die mit ihrer kreativen Handschrift das Stück so prägt, wie das Musical „Titanic“ wahrscheinlich nie zuvor durch eine Choreografie geprägt wurde. Den handelnden Personen verleiht sie je nach Klassenzugehörigkeit eigene Tanzschritte und eine bemerkenswerte Körperlichkeit. Synchron ausgeführte Schrittfolgen – vor allem bei der Nummer „Beim Klang der Ragtime-Band“ – in Kombination mit energetischen Sprüngen und extravaganten Bewegungen fügen sich nahtlos in das Gesamtkonzept ein und tragen dazu bei, dass das Schiffsdrama eine unverwechselbare und fesselnde Dimension erhält.

„Titanic“ (Foto: Dominik Lapp)

Obwohl „Titanic“ in erster Linie ein Ensemblestück ist und von der kollektiven Gesamtleistung aller Mitwirkenden lebt, müssen einige Namen besonders positiv hervorgehoben werden. Allen voran ist Martin Sommerlatte zu nennen, der als Kapitän E. J. Smith einen authentischen und respektvollen Charakter kreiert. Als Heizer Frederick Barrett überzeugt Daniel Eckert durch mitreißendes Schauspiel und volle Stimme. Im Duett „Der Heiratsantrag / Die Nacht hallte wider“ harmoniert er zudem exzellent mit Lukas Witzel, der gesanglich und schauspielerisch das Optimum aus der Rolle des Funkers Harold Bride herausholt.

Ebenso zu begeistern vermag William Baugh, der als im Krähennest frierender Ausguck Frederick Fleet wundervoll singt. Den Schiffseigner J. Bruce Ismay gibt Máté Sólyom-Nagy schauspielerisch stark, während Dennis Weissert dem Schiffskonstrukteur Thomas Andrews ein elegantes Profil verleiht, bei seinem Song „Mr. Andrews‘ Vision“ aber stimmlich gern etwas mehr auf die Tube drücken darf.

Katja Bildt macht als Zweite-Klasse-Passagierin Alice Beane durch ihr amüsantes Spiel auf sich aufmerksam, wenn sie den Klatsch und Tratsch rund um die von ihr vergötterten Erste-Klasse-Passagiere besingt. Benjamin Eberling verkommt an ihrer Seite glücklicherweise nicht zum netten Sidekick, sondern verleiht dem leicht genervten Ehemann eine gelungene Kontur.

Als Kate-Dreigespann harmonieren Johanna Spantzel (Kate McGowan), Helena Lenn (Kate Murphy) und Candela Gotelli (Kate Mullins) hervorragend miteinander und bringen die Lebensfreude der irischen Frauen und deren Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Amerika authentisch über die Rampe. Im Zusammenspiel sind zudem Alexander Findewirth als Dritte-Klasse-Passagier Jim Farrell und Johanna Spantzel als Kate McGowan großartig, die in dem ursprünglich für die Hamburger Inszenierung geschriebenen Duett „Drei Tage“ – in nachfolgenden Inszenierungen oft gestrichen – stimmlich glänzen können. Aber auch Kerstin Ibald und Martin Berger sind als Ehepaar Straus schauspielerisch wie gesanglich eine wahre Offenbarung.

Am Ende gibt es verdientermaßen stehende Ovationen für eine Inszenierung von „Titanic“, die vor kreativen Einfällen nur so strotzt und dabei Story, Musik sowie darstellerische Leistungen perfekt miteinander verschmelzen lässt. Wirklich meisterhaft!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".