Düster funkelnd: „Dracula“ auf Tour
Das Musical „Dracula“ mit Musik von Frank Wildhorn sowie Buch und Songtexten von Don Black und Christopher Hampton (Übersetzung: Herwig Thelen) gehört zu jenen Werken des Genres, die sich seit ihrer Uraufführung immer wieder neu behaupten müssen. Die Geschichte ist weltbekannt, die Erwartungen des Publikums entsprechend hoch: Wer sich Bram Stokers Vampirfürsten annähert, bewegt sich auf ikonischem Terrain. Die Tourproduktion von ShowSlot, inszeniert von Alex Balga, begegnet dieser Herausforderung mit bemerkenswerter Entschlossenheit. Balgas Inszenierung, ursprünglich 2021 als Open-Air-Produktion auf der Wilhelmsburg in Ulm zu sehen, erweist sich auch in der Tourfassung als erstaunlich tragfähig. Vor allem hält sie die Handlung in Bewegung.
Balga erzählt stringent und ohne Umwege. Das Buch, das durchaus zu Ausfransungen neigt, wird durch Tempo und klare Szenenführung von mancher Länge befreit. Die Regie setzt auf unmittelbare Wirkung, ohne sich in Ironie oder selbstreflexiven Spielereien zu verlieren. Stattdessen wird „Dracula“ tatsächlich als Horrorstory ernst genommen. Bereits die Soundeinspielungen – Wolfsgeheul, Donnergrollen, das durch das Sounddesign von Dennis Heise präzise gesetzte Gewitter – schaffen eine Atmosphäre, die das Publikum in eine Welt permanenter Bedrohung versetzt. Nebelschwaden ziehen über die Bühne, Schatten werden zu Mitspielern. Es sind klassische Mittel des Schauertheaters, doch sie werden hier mit sicherem Gespür dosiert.

Dass diese Produktion so kraftvoll wirkt, liegt nicht zuletzt an der musikalischen Umsetzung. ShowSlot setzt endlich mal wieder auf eine Liveband, und dieser Schritt zahlt sich sofort aus. Unter der Leitung von Dirigent Simon Münzmay spielt ein achtköpfiges, paritätisch besetztes Ensemble, das Wildhorns Partitur mit energischem Zugriff angeht. Der Sound ist rockig, kantig, manchmal geradezu treibend. So entwickelt sich ein Druck, den kein Playback ersetzen kann. Münzmay hält das musikalische Geschehen straff zusammen, lässt aber zugleich Raum für dynamische Kontraste.
Wildhorns Musik, die zwischen Musicalballade und Bombastrock pendelt, erhält dadurch eine Frische, die dem Stück guttut. Wenn die Band aufdreht, entsteht ein pulsierender Klang, der die Dramatik der Handlung unterstreicht. Zugleich finden auch die lyrischen Momente ihren Platz, ohne ins Sentimentale zu kippen.
Visuell setzt die Produktion auf eine Kombination aus handfestem Bühnenbau und digitalen Ergänzungen. Sam Madwars Bühnenbild wird von einem reich verzierten Portal eingerahmt, das der Bühne eine aristokratische Aura verleiht. Dahinter erhebt sich eine Konstruktion mit zwei Treppen, die je nach Szenenanforderung neu positioniert werden. Dieser Aufbau ist das Rückgrat der Inszenierung: Mit wenigen Handgriffen verwandelt sie sich vom düsteren Gemäuer von Draculas Schloss in Transsilvanien in die Irrenanstalt in London oder in die bürgerlichen Wohnräume von Mina und Jonathan. Ergänzt wird dies durch eine Videowand, Requisiten und Möbel, die die Schauplätze weiter konkretisieren – etwa Lucys Anwesen in Whitby Bay. Das Ensemble selbst packt beim Umbau mit an, was der Inszenierung zusätzliche Beweglichkeit verleiht.

Die Kostüme von Irina Hofer orientieren sich an einer zeitgemäßen Lesart des viktorianischen Settings und zitieren historische Formen. Dunkle Stoffe, elegante Schnitte und gelegentliche dramatische Akzente fügen sich überzeugend in die düstere Ästhetik des Abends.
Ein wesentlicher Anteil an der Wirkung des Abends kommt dem Lichtdesign von Michael Grundner zu. Grundner, als Lichtdesigner seit Jahren eine feste Größe im Musicalbereich, modelliert mit seinen Lichtstimmungen ganze Räume aus Dunkelheit. Scharf geschnittene Schatten, kalte Blautöne, plötzlich aufbrechende Lichtkegel – all das verstärkt den Eindruck einer Welt, in der das Unheimliche jederzeit aus dem Verborgenen treten kann.
Die Choreografie von Natalie Holtom ist vergleichsweise sparsam eingesetzt. Doch gerade diese Zurückhaltung wirkt überzeugend. Wo Bewegung gefragt ist, etwa bei den Vampirbräuten, entstehen eindrucksvolle Bilder.

Im Zentrum der Show steht jedoch unbestreitbar Jan Ammann als Dracula. Nachdem er bereits als Graf von Krolock im Musical „Tanz der Vampire“ Maßstäbe gesetzt hat, kehrt er nun erneut als Untoter auf die Bühne zurück – und macht die Rolle unverkennbar zu seiner eigenen. Ammann gestaltet Dracula nicht als bloße Schreckgestalt, sondern als souveräne, faszinierende Präsenz. Seine Sprechstimme besitzt eine dunkle, sonore Qualität, die den aristokratischen Gestus der Figur glaubhaft trägt. Gesanglich überzeugt er ohnehin: Sein Solo „Je länger ich lebe“ wird zum Höhepunkt des Abends, nicht zuletzt wegen des ausgedehnten Schlusstons, den er mit beeindruckender Sicherheit hält. Das Publikum reagiert mit lautstarkem Jubel.
Navina Heyne als Mina wird vom Publikum ebenfalls begeistert aufgenommen. Sie verbindet ein lebendiges Spiel mit einem klar geführten Sopran, der die anspruchsvollen Gesangspartien mühelos bewältigt. Mina wird hier nicht zur passiven Projektionsfläche des Vampirs, sondern zu einer Figur mit eigenem Gewicht. Matthias Trattner gibt an Heynes Seite Jonathan Harker solide und verlässlich. Sandra Bitterli gestaltet Lucy mit jener Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit, die die Figur benötigt.

Eine der markantesten Leistungen liefert zudem Marius Bingel als Professor Van Helsing. Seine beiden Soli „Nosferatu“ und „Roseanne“ zeigen ihn als kraftvollen Sänger mit markantem Ausdruck. Zu voller Intensität steigert sich Bingel jedoch im rockigen Duett „Zu Ende“ mit Jan Ammann, in dem sich Dracula und Van Helsing musikalisch und dramatisch gegenüberstehen. Der Applaus danach fällt entsprechend kräftig aus.
Auch die Nebenrollen sind sorgfältig besetzt. Nico Went spielt Renfield mit eindringlicher Präsenz und deutlicher psychologischer Zeichnung. Vincent van Gorp als Arthur, Felix Heller als Dr. Seward und Thomas Schreier als Quincey Morris ergänzen das Figurenensemble stimmig. Die drei Vampirbräute – Stephanie Löblich, Noraleen Amhausend und Franziska Schuster – sorgen für einige eindrucksvolle Momente, während sich Johannes Pinkel und Christopher Wernecke als Ensemblemitglieder wunderbar in die Inszenierung einfügen.
So entsteht ein Abend, der den bekannten Stoff nicht neu erfindet, ihn aber mit handwerklicher Souveränität und spürbarer Lust am effektvollen Erzählen präsentiert. „Dracula“ ist ein wirkungsvolles, unterhaltsames, düster funkelndes Schauertheater mit kräftigem Rockpuls.
Text: Dominik Lapp