„Der Da Vinci Code“ auf Tour (Foto: Dominik Lapp)
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Komplexer Verschwörungsplot: „Der Da Vinci Code“ auf Tour

Mit „Der Da Vinci Code“ bringt die Produktionsfirma ShowSlot einen Stoff auf Tour, der längst Teil der globalen Popkultur ist – als Roman von Dan Brown ebenso wie in seiner Verfilmung. Die Bühnenfassung von Rachel Wagstaff und Duncan Abel, 2022 in England uraufgeführt, erlebt nun ihre deutschsprachige Erstaufführung und erweist sich dabei als kluge Erweiterung eines Geschäftsmodells, das sich bereits mit dem Theaterstück „Mord im Orientexpress“ bewährt hat: große, wiedererkennbare Erzählungen als Sprechtheater zugänglich zu machen. Dass dies Publikumsschichten erreicht, die die klassischen Spielpläne von Schauspielhäusern oft nicht adressieren, zeigt sich hier eindrucksvoll.

Regisseur Christoph Drewitz setzt den komplexen Verschwörungsplot mit großer Klarheit um. Sein Zugriff ist temporeich, aber nicht gehetzt. Er vertraut darauf, dass sich Spannung aus Struktur und Rhythmus ergibt. Dabei denkt Drewitz die Bühne dezidiert filmisch: Szenenwechsel erfolgen wie Schnitte, Übergänge gleiten ineinander, Dialoge sind oft so gesetzt, dass sie Bewegungen und Raumwechsel bereits in sich tragen. Entscheidend ist dabei die Figurenführung, die selbst in der Vielzahl an Ortswechseln und Informationen nie aus dem Blick gerät.


Einen erheblichen Anteil an dieser Dynamik hat Bart De Clercq, dessen Movement-Konzept auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, sich jedoch als tragendes Element des Abends entpuppt. Es handelt sich nicht um eine Choreografie im klassischen Sinne, sondern um präzise auf Musik, Licht und Sound abgestimmte Bewegungsabläufe, die den Spielfluss strukturieren und beschleunigen. Gerade in den Übergängen zeigt sich, wie sehr hier Körperarbeit und Inszenierung ineinandergreifen.

„Der Da Vinci Code“ auf Tour (Foto: Dominik Lapp)

Adam Nee zeigt figurengerechte Kostüme und entwirft ein Bühnenbild, das in seiner Funktionalität und Wandelbarkeit besticht. Gitterstrukturen im Hintergrund und an den Seiten dienen als Projektionsflächen und eröffnen gleichzeitig mehrere Ebenen des Spiels. Türen öffnen sich, Möbel erscheinen, steinerne Figuren suggerieren historische Räume. So entstehen mit wenigen Mitteln der Louvre, das Anwesen von Sir Leigh Teabing, Westminster Abbey – selbst ein Flugzeug wird durch angedeutete Sitzreihen plausibel gemacht.

Erst im Zusammenspiel mit Licht (Jack Weir), Video (Medime Dereby), Sound (Dennis Heise) und Musik (Julius von Maldeghem) entfaltet die Inszenierung jedoch ihre eigentliche Qualität. Hier entsteht ein dichtes Geflecht aus visuellen und akustischen Impulsen, das den Abend spannend vorantreibt. Projektionen erweitern den Raum, Licht akzentuiert Perspektiven, Sound setzt Markierungen, und die Musik liefert eine atmosphärische Grundlage, die unüberhörbar an die klangliche Wucht filmischer Vorbilder erinnert, ohne diese zu imitieren. Dass man die bekannte Filmmusik von Hans Zimmer nicht vermisst, spricht für die Eigenständigkeit dieser Komposition.

„Der Da Vinci Code“ auf Tour (Foto: Dominik Lapp)

Im Zentrum steht ein Ensemble, das den hohen Takt der Inszenierung mitträgt. Hannes Levianto gibt Robert Langdon als konzentrierten, analytischen Denker, der auch in Momenten der Überforderung nie die Kontrolle verliert. Helena Charlotte Sigal verleiht Sophie Neveu eine nuancierte Kontur und klare Zielstrebigkeit.

Besonders hervorzuheben ist Cusch Jung, der in der Doppelrolle von Jacques Saunière und Sir Leigh Teabing nicht nur zwei Figuren unterscheidbar macht, sondern ihnen jeweils eine eigene Energie verleiht. Grandios!

Benjamin Muth stattet Silas mit einer physischen Präsenz zwischen Bedrohlichkeit und innerer Zerrissenheit aus. Elias Reichert als Rémy, Dave Wilcox als Fache und Christoph Bangerter als Collet fügen sich stimmig in das Gesamtgefüge ein.

„Der Da Vinci Code“ funktioniert in dieser Sprechtheaterfassung einerseits als psychologisches Drama und andererseits als exzellente Erzählmaschine. Die Inszenierung vertraut auf Tempo, Struktur und das Ineinandergreifen der Gewerke – und ShowSlot beweist erneut, dass sich populäre Stoffe mit theatralen Mitteln so umsetzen lassen, dass sie weder ihre Zugänglichkeit verlieren noch an formaler Qualität einbüßen.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".