Passion im Pop-Gewand: „7 Worte vom Kreuz“ auf Tour
Mit „7 Worte vom Kreuz“ kehrt die Stiftung Creative Kirche nach der Uraufführung im Jahr 2024 jetzt auf die Bühne zurück – und präsentiert ein Werk, das sich konsequent zwischen den Gattungen positioniert, ohne sich dem Etikett des klassischen Chormusicals vollständig zu fügen. Was hier entsteht, ist weniger ein szenisch durchgearbeitetes Musical als vielmehr ein großformatiges Pop-Oratorium, das musikalisch ambitioniert und strukturell eigenwillig auftritt.
Die Komposition von Albert Frey trägt diesen Abend mit bemerkenswerter Souveränität. Frey setzt auf eine stilistische Offenheit, die von Rock und Pop bis zu orientalisch gefärbten Klangflächen reicht. Viele der Nummern überschreiten mit fünf bis sieben Minuten deutlich die im Musical üblichen Songlängen und entwickeln eine erzählerische Weite, die eher an oratorische Traditionen erinnert.
Dabei gelingt eine eingängige Melodik, die sich unmittelbar einprägt, ohne sich im Banalen zu erschöpfen. Gerade diese Verbindung aus Wiedererkennbarkeit und formaler Größe macht die Partitur zu einer der interessantesten innerhalb des Chormusical-Kosmos. Unter der Leitung von Florian Sitzmann entfaltet sich ein dichtes Klangbild, in dem Band und Orchester gleichberechtigt agieren.

Die Inszenierung von Stefanie Brenzel und Fabian Vogt setzt auf Reduktion. Die Interaktion beschränkt sich auf die beiden Schauspielrollen, während zwei Sängerinnen und zwei Sänger frontal zum Publikum singen und der Chor im Hintergrund positioniert ist – eine Anordnung, die bewusst an das klassische Oratorium erinnert. Diese Entscheidung lenkt den Fokus auf die Musik und den Text, nimmt dem Abend jedoch zugleich jede Form von szenischer Dynamik im engeren Sinne.
Die Bühne selbst bleibt klar strukturiert: Im Zentrum steht ein Kreuz, das als Projektionsfläche dient. Lichtdesign und Videoeinspielungen übernehmen die visuelle Führung, blenden Texte ein und binden das Publikum stellenweise aktiv ein, indem zum Mitsingen aufgefordert wird. Dieser partizipative Ansatz fügt sich organisch in das Gesamtkonzept ein.

Gesanglich überzeugt das solistische Quartett durch Geschlossenheit und stilistische Flexibilität. Anja Lehmann glänzt mit ihrem klar geführten Sopran, Yasmina Hunzinger setzt mit ihrer Altstimme warme Kontraste, während Claus-Peter Eberwein (Tenor) und Michael Janz (Bass) die männlichen Partien mit tragfähiger Präsenz ausstatten. Der Chor, bei der besuchten Vorstellung in der EmslandArena Lingen dirigiert von Julia Uhlenwinkel und Kai Lünnemann, agiert als klanglicher Resonanzraum und verleiht dem Werk seine kollektive Dimension.
Eine besondere Rolle kommt dem Schauspielduo zu: Kathleen Bauer als Marie und Dominik Doll als Ben. Beide stammen aus dem Musicalfach, bleiben hier jedoch ausschließlich im gesprochenen Wort. Ihre Figuren rahmen die Passionsgeschichte mit einer gegenwärtigen Ebene: Marie ist Musikerin, Ben ringt mit einer belasteten Beziehung zu seinen Eltern und der Erkrankung seiner Mutter, mit der er ursprünglich im Chor singen wollte. Diese Erzählebene wirkt stellenweise wie ein vorsichtiger Versuch, das große Thema ins Private, ins Alltägliche zu übersetzen, ohne es dramaturgisch vollständig auszubauen.
So entsteht ein Abend, der weniger durch theatrale Verdichtung als durch musikalische Kraft und konzeptionelle Klarheit überzeugt. „7 Worte vom Kreuz“ zeigt sich als Werk, das seine Stärken dort entfaltet, wo es sich nicht verbiegt: in der Verbindung von eingängiger, vielgestaltiger Musik und einer Form, die bewusst an die Tradition des Oratoriums anknüpft, ohne sich ihr zu unterwerfen.
Text: Dominik Lapp
