Triumph der Bilder: „Der Graf von Monte Christo“ in Münster
Die Tore des Theaters Münster öffnen sich für ein Epos der Weltliteratur, das in der Musicalfassung von Frank Wildhorn nun eine opulente Wiederauferstehung feiert. Unter der Regie von Michael Wallner entfaltet sich „Der Graf von Monte Christo“ als eine Erzählung (Buch und Songtexte: Jack Murphy), die in hohem Tempo und ohne narrative Brüche über die Bühne jagt. Wallner fokussiert sich konsequent auf das zugrundeliegende Drama und beweist ein glückliches Händchen bei der Figurenzeichnung, wodurch die komplexe Rachegeschichte stets überschaubar bleibt.
Das visuelle Fundament dieser Produktion bildet das Bühnenbild von Stefan Rieckhoff. Er verzichtet auf abstrakte Experimente und setzt stattdessen auf realistische Fotografien, die den Hafen von Marseille, das endlose Meer, die düsteren Mauern des Gefängnisses, Kirchenschiffe, eine glitzernde Schatzhöhle und den weiten Nachthimmel einfangen. Diese Aufnahmen prangen nicht nur im Hintergrund, sondern werden auch auf Versatzstücken und Vorhängen im Vordergrund gezeigt. So entstehen plastische Schiffe, sakrale Räume und der legendäre Goldschatz. Im Zusammenspiel mit dem ausgeklügelten Lichtdesign, dem flackernden Schein von Feuer und Fackeln sowie gezielt eingesetzten Möbelstücken, Rampen und Treppen entsteht ein optisches Gesamtbild, das das Publikum unmittelbar in die Epoche versetzt.

Flankiert wird diese Ästhetik von Uta Meenens Kostümen. Ihre Entwürfe sind eine wahre Pracht: Die abwechslungsreichen, zeitgerechten Kleider, strengen Uniformen, eleganten Anzüge und verwegenen Piraten-Outfits sind weit mehr als schmückendes Beiwerk – sie sind essenziell für die Charakterisierung und den Fortlauf der Geschichte.
Musikalisch liegt die Leitung bei Thorsten Schmid-Kapfenburg. Er dirigiert das Sinfonieorchester Münster mit einer Leidenschaft, die den typischen Wildhorn-Sound – eine Mischung aus poppigen Hymnen, dramatischen Balladen und orchestralem Bombast – voll ausschöpft. Das Orchester agiert unter seiner Führung souverän und bringt die Partitur zum Strahlen.

Kati Heidebrecht liefert dazu eine Choreografie, die weite Strecken sehr ansehnlich gestaltet ist, wenngleich manche Sequenzen in ihrer Bewegungsform etwas eigentümlich anmuten. Ein Wehrmutstropfen bleibt die Textverständlichkeit: Während der von Anton Tremmel einstudierte Chor stimmgewaltig agiert, dringen die deutschen Texte von Kevin Schroeder nur schwer in den Zuschauerraum durch, was nicht nur Chor- und Ensembleszenen betrifft, sondern immer wieder auch solistische Stimmen aus dem Hausensemble.
Im Zentrum des Geschehens steht eine kleine Sensation. Da der eigentlich für die Rolle des Edmond Dantès vorgesehene David Arnsperger erkrankt ausfällt, springt Alexander Donesch vom Mittelsächsischen Theater kurzfristig ein. Mit nur einem einzigen Probentag rettet er die Vorstellung nicht nur, er dominiert sie. Donesch überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich auf ganzer Linie und verkörpert die Wandlung vom naiven Seemann zum rachsüchtigen Edelmann mit großer Präsenz. Dass sein Mikrofon phasenweise etwas zu leise eingepegelt ist, fällt bei dieser Leistung kaum ins Gewicht – das Publikum bedankt sich folgerichtig mit lautstarkem Applaus. An seiner Seite agiert Vera Lorenz als Mercédès. Sie gestaltet ihre Rolle schauspielerisch souverän und reißt das Auditorium mit ihrer vokalen Kraft förmlich von den Sitzen.

Gregor Dalal zeigt seine Vielseitigkeit in einer Doppelrolle: Als Villefort gibt er den herrlich fiesen Gegenspieler, während er als Abbè Faria eine liebenswürdige Wärme ausstrahlt, stets getragen von seiner klangschönen Stimme. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt zudem Erdmuthe Kriener als Luisa Vampa. Ihre Piratin ist großartig. Gemeinsam mit Marlou Düster als Sophie und Hannah Miele als Isabella bildet sie ein energetisches Trio, das in puncto Schauspiel, Tanz und Gesang vollends überzeugt. Auch Enrique Bernardo verleiht seinem Jacopo ein überzeugendes Profil.
Demgegenüber fallen einige Nebencharaktere etwas ab. Ramon Karolan singt die Partie des Mondego zwar gut, bleibt jedoch für das Profil eines zentralen Bösewichts merkwürdig blass. Ähnlich zurückhaltend agieren Sven Bakin als Danglars, Chen-Han Li als Albert und Yixuan Zhu als Valentine, die in ihren Rollen kaum Akzente setzen können. Dennoch gelingt dem Theater Münster mit „Der Graf von Monte Christo“ ein großer Wurf, der vor allem durch seine bildgewaltige Inszenierung besticht.
Text: Dominik Lapp


