„The Wreckers“ in Detmold
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Aus der Versenkung zurück: „The Wreckers“ in Detmold

Es ist eine jener Raritäten, bei denen man sich unwillkürlich fragt, warum sie so lange vom Spielplan verschwunden waren: „The Wreckers“ der britischen Komponistin Ethel Smyth erweist sich am Landestheater Detmold als packendes Musiktheater von hoher Qualität. Dass hier endlich einmal eine Oper von einer Frau im Repertoire auftaucht, ist keine Fußnote, sondern eine überfällige Korrektur. In Deutschland bleibt das Werk dennoch eine Seltenheit, auch wenn es nach seiner Wiederentdeckung 2019 durch die freie Szene in Hamburg inzwischen an mehreren Häusern – von Meiningen über Karlsruhe und Schwerin bis nun nach Detmold – seinen Weg zurück auf die Bühne findet.

Die wechselvolle Entstehungsgeschichte liest sich wie ein eigenes Drama. Ursprünglich für Paris vorgesehen, mit französischem Libretto konzipiert, scheitert das Projekt zunächst an den Opernhäusern dort wie auch in Brüssel und Monaco. Die Uraufführung erfolgt schließlich im Jahr 1906 in Leipzig – allerdings in deutscher Sprache unter dem Titel „Strandrecht“ und ohne Zustimmung der Komponistin erheblich gekürzt. Zwar wird die Premiere ein Erfolg, doch Smyth reagiert kompromisslos, zieht sämtliche Noten ein und reist damit nach Prag, wo die nächste Produktion stattfinden soll. In Leipzig verstummt das Werk mangels Materials, in Prag bleibt der Erfolg aus. Erst die englische Übersetzung von Henry Brewster und die Londoner Premiere der heute gespielten Fassung im Jahr 1909 sichern dem Stück seine endgültige Gestalt.

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Die Handlung erzählt von einer fanatischen Küstengemeinde, die Schiffe plündert, bis zwei Liebende sich gegen das grausame System stellen und dafür einen hohen Preis zahlen. In Detmold erzählt Regisseurin Kirsten Uttendorf diese Geschichte von religiösem Fanatismus, kollektiver Schuld und individueller Auflehnung mit stringenter Klarheit. Ihre Personenführung entwickelt die Figuren konsequent aus ihren inneren Konflikten heraus. Es gibt keinen Moment des Leerlaufs, stattdessen entsteht ein stetiger Sog, der das Geschehen vorantreibt.

„The Wreckers“ in Detmold (Foto: Dominik Lapp)

Das Bühnenbild von Jule Dohrn-van Rossum beeindruckt durch seine Wandelbarkeit: Ein Küstendorf in Cornwall aus hellen Holzbrettern fügt sich zu einem kargen, atmosphärisch dichten Raum, der sich später in Klippenlandschaft und Höhle transformiert. Diese Reduktion eröffnet präzise Spielräume für die Figuren, während die Kostüme von Claus Stump in Beige- und Weißtönen die soziale Homogenität der Gemeinschaft betonen. Das Lichtdesign von Jonas Müller setzt markante Akzente: Wenn das Signalfeuer lodert, scheint sich dessen Glühen bis in den Zuschauerraum auszubreiten.

Musikalisch liegt der Abend in den Händen von Claudio Novati, der mit dem Symphonischen Orchester Detmold die vielschichtige Partitur ernst nimmt. Smyths Musik bewegt sich zwischen spätromantischer Opulenz und scharf konturierten dramatischen Zuspitzungen. Novati arbeitet diese Spannungen heraus, ohne sie zu glätten. Das Orchester folgt ihm aufmerksam, entfaltet Klangfülle, bleibt aber stets durchlässig für die Stimmen. Der von Francesco Damiani einstudierte Chor übernimmt eine zentrale Rolle als kollektive Instanz. Er verkörpert die Dorfgemeinschaft als bewegliches Gefüge aus Angst, Glaube und Aggression.

„The Wreckers“ in Detmold (Foto: Dominik Lapp)

Auch das Ensemble überzeugt durchgehend. Marcel Brunner gibt den Pascoe mit markanter Präsenz, während Jonah Spungin als Lawrence die moralische Zerrissenheit seiner Figur differenziert gestaltet. Jaime Mondaca Galaz zeichnet Harvey mit klarer Kontur, Nikos Striezel verleiht Tallan eindringliches Profil. Franziska Pfalzgraf als Jack setzt kraftvolle Akzente, Ji-Woon Kim überzeugt als Mark. Im Zentrum stehen Lotte Kortenhaus als Thirza und Johanna Nylund als Avis, die die emotionalen und dramatischen Linien ihrer Figuren klar herausarbeiten und dem Abend seine entscheidenden Impulse geben.

So entsteht eine Aufführung, die nicht nur ein lange vernachlässigtes Werk einer Frau sichtbar macht, sondern dessen dramatische Kraft und musikalische Eigenständigkeit überzeugend freilegt. „The Wreckers“ erweist sich in Detmold als Oper, die erfolgreich aus der Versenkung zurückgekehrt ist und ihren Platz im Repertoire mehr als verdient.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".