„Judith“ in Dortmund
  by

Gegenwartsdebatte als Chormusical: „Judith und das Wunder der Schöpfung“ in Dortmund

Mit der Uraufführung von „Judith und das Wunder der Schöpfung“ verwandelt sich die Dortmunder Westfalenhalle in einen Ort kollektiver Selbstbefragung. Was zunächst wie ein klassisch angelegtes Chormusical erscheint, entpuppt sich rasch als großformatiger Versuch, die biblische Genesis in die konfliktreiche Gegenwart zu übersetzen. Das Werk, komponiert von Johannes Pinter, Laura Diederich und Ilja Krut nach einem Buch von Kevin Schroeder, denkt Schöpfung nicht als abgeschlossenen mythologischen Akt, sondern als fortdauernden Prozess – gefährdet, umkämpft, menschlich.

Im Zentrum steht Judith, verkörpert von Alida Will, deren Lebenskrise zum Spiegel einer aus dem Gleichgewicht geratenen Gesellschaft wird. Familiäre Spannungen, politische Frontstellungen und existentielle Zukunftsängste greifen ineinander, so dass private Entscheidungen plötzlich weltanschauliche Dimensionen annehmen. Schroeders Text verzichtet dabei auf abstrakte Diskurse. Stattdessen entstehen die großen Fragen aus vertrauten Alltagssituationen.

Regisseur Christoph Drewitz entscheidet sich bewusst gegen eine durchinszenierte Handlung im klassischen Sinne und setzt auf eine Form zwischen Konzert, Ritual und szenischem Tableau. Rund 3.000 Sängerinnen und Sänger im Hintergrund bilden den monumentalen Kern des Abends. Diese gewaltige Chorstruktur könnte leicht anonym wirken, doch die Aufführung erreicht das Gegenteil: Immer wieder löst sich aus der Masse ein individueller Gedanke. Die Chorleitung von Miriam Schäfer und Roland Orthaus sorgt dafür, dass selbst in den dichtesten Passagen Transparenz entsteht und Textverständlichkeit erhalten bleibt.

„Judith“ in Dortmund

Musikalisch bewegt sich das Werk bewusst zwischen den Genres. Pop-Elemente gehen in Gospel über, Rap-Passagen kontrastieren mit rockigen Ausbrüchen und lyrischen Balladen. Diese stilistische Vielfalt wirkt nicht wie ein Sammelsurium, sondern folgt dramaturgischer Logik: Wenn gesellschaftliche Spannungen eskalieren, verdichtet sich der Rhythmus.

Alida Will gestaltet Judith als Figur permanenter Suchbewegung. Ihre Darstellung vermeidet pathetische Überhöhung. Vielmehr zeigt sie eine junge Frau, die ringt, zweifelt, widerspricht. Oliver Edward gibt ihrem Freund Ammo eine auffallend ruhige Präsenz. Die Figur trägt unverkennbar symbolische Züge, ihre Motivik erinnert in Teilen an christologische Erzählungen, ohne je zur bloßen Allegorie zu erstarren. Josefine Rau als Mire bringt Energie und Erdung in die Geschichte, während Benjamin Oeser Judiths Bruder Micha glaubwürdig zeichnet. Die Elternfiguren erhalten eine glaubwürdige Kontur durch Charlotte Heinke als Mutter Esther und Detlef Leistenschneider als Vater Paul. Frank Logemann schließlich verleiht Großvater Jakob eine stille Würde.

Die Bühne von Adam Nee arbeitet mit symbolischer Klarheit statt naturalistischer Ausgestaltung, Claudia Niezschs Kostüme greifen Kontraste auf, ohne Figuren auf stereotype Rollen festzulegen. Philipp Zanders’ Lichtdesign strukturiert den riesigen Raum der Westfalenhalle und lenkt den Blick präzise durch das Geschehen, während Annie Brackens Videoprojektionen die Inszenierung in globale Dimensionen erweitern.

„Judith“ in Dortmund (Foto: Jannic Hilla)

Choreograf David Hartley nutzt die Masse weniger für spektakuläre Bewegungsbilder als für soziale Dynamik. Gruppen formieren sich, lösen sich auf, geraten aneinander, finden wieder zusammen. Bewegung wird hier zur gesellschaftlichen Metapher: Ordnung entsteht kurzfristig und zerfällt ebenso schnell. Gerade in den Szenen kollektiver Konfrontation entsteht eine körperlich spürbare Spannung, die über das rein Musikalische hinausweist.

Bemerkenswert ist, wie die Inszenierung trotz ihrer Größe intime Momente zulässt. Christoph Drewitz versteht es, innerhalb der monumentalen Anlage immer wieder Inseln der Konzentration zu schaffen. Wenn Judith allein auf der Bühne steht, scheint der riesige Raum plötzlich stillzustehen. Diese Wechsel zwischen Überwältigung und Reduktion geben dem Abend Spannung und verhindern, dass das Format zur bloßen Schauveranstaltung wird.

Inhaltlich verknüpft das Musical die Schöpfungsgeschichte mit aktuellen Themen wie Umweltzerstörung, gesellschaftlicher Spaltung und der Verbreitung von Desinformation. Dabei vermeidet das Stück moralische Eindeutigkeit. Konflikte werden nicht aufgelöst, sondern als notwendiger Bestandteil menschlichen Zusammenlebens gezeigt. „Judith und das Wunder der Schöpfung“ zeigt eine Menschheit im Zustand des Suchens – verletzlich, widersprüchlich, aber handlungsfähig.

Text: Christoph Doerner

Avatar-Foto

Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.