Jana Stelley (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit Jana Stelley: „Es geht mir nicht ums Singen – ich will Geschichten erzählen!“


Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht Jana Stelley auf den großen Musicalbühnen im deutschsprachigen Raum – von „Les Misérables“ über „Wicked“ und „Abenteuerland“ bis hin zum Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“. Im Gespräch blickt sie auf prägende Rollen, körperliche Herausforderungen und den Wandel der Branche zurück. Dabei spricht sie offen über Selbstzweifel, Konkurrenzdruck und darüber, warum sie sich nie nur als Sängerin verstanden hat.

Ich möchte mit einer vielleicht ungewöhnlichen Frage beginnen: Wie oft wird dein Name eigentlich falsch ausgesprochen?
Mein ganzes Leben lang schon – und das hat gar nichts mit dem Job zu tun. Der Name ist ursprünglich irisch und müsste mit englischer Aussprache „Stelläj“ ausgesprochen werden. Manche machen daraus „Stelli“ oder „Stellei“. In der ehemaligen DDR, wo ich aufgewachsen bin, wurde kaum Englisch gesprochen, deshalb wurde daraus „Schtellei“. Meine Eltern sprechen den Namen bis heute so aus. Ich kenne also alle Varianten.

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Früher bei Wettkämpfen im Gerätturnen oder in der Leichtathletik habe ich oft schon reagiert, bevor mein Nachname komplett ausgesprochen war, damit die Leute gar nicht erst in die Situation kommen, ihn falsch zu sagen. Später dachte ich dann: Für den Beruf wäre die englische Aussprache vielleicht praktischer, gerade weil wir oft mit internationalen Regisseuren arbeiten. Deshalb bin ich wieder mehr zur ursprünglichen Variante zurückgekehrt.

Lustigerweise macht meine Schwester genau das Gegenteil. Sie hat Regie in London studiert und behält bewusst die deutsche Aussprache bei, weil das dort interessanter wirkt. Das zeigt irgendwie ganz schön, dass man oft genau das spannend findet, womit man selbst nicht aufgewachsen ist. Und ehrlich gesagt: Ich finde das alles überhaupt nicht schlimm. Ich höre auf jede Version meines Namens. Am lustigsten finde ich es eigentlich, wenn Leute neben mir diskutieren, wie mein Nachname ausgesprochen wird – und beide liegen falsch.

Jana Stelley (Foto: Dominik Lapp)

Du bist gefühlt schon ewig auf der Bühne. Kommt dir das selbst auch so vor?
Mein erster Job war 2003 – also ja, es sind inzwischen über 20 Jahre. Aber es fühlt sich überhaupt nicht so lange an. Manchmal sprechen Leute Rollen an und ich denke: „Das ist doch erst sechs Jahre her.“ Und dann merkt man plötzlich: „Nein, das sind 17 Jahre.“ Es gibt Rollen, die sind noch total im Körper gespeichert. Eponine aus „Les Misérables“ zum Beispiel – das war mein erster Job und fühlt sich trotzdem ganz nah an. Andere Produktionen wirken dagegen wie ein anderes Leben. Beim „Wicked“-Film hatte ich plötzlich wieder all diese Erinnerungen. Ich saß im Kino und habe geweint, weil alles sofort wieder da war: die Emotionen, die Kostüme, dieses Gefühl, diese Show spielen zu dürfen. Das war total überwältigend. Heute merke ich manchmal auch, dass jüngere Kolleginnen und Kollegen mich um Rat fragen. Dann denke ich: „Ach krass, stimmt – ich habe das ja alles schon gespielt.“ Das ist ein schönes Gefühl.

Gab es Rollen oder Produktionen, die sich besonders eingebrannt haben?
Die erste Show vergisst man nie. Bei mir war das „Les Misérables“ in Berlin. Das hat mich unglaublich geprägt. Danach kam direkt der Wechsel nach Wien zu „Romeo & Julia“ – und das war ein totaler Kulturschock. „Les Misérables“ ist eine riesige Gesangsshow mit vielen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. „Romeo & Julia“ dagegen war extrem körperlich und tanzlastig. Diese beiden völlig unterschiedlichen Produktionen direkt am Anfang zu erleben, war unglaublich wertvoll. Es gibt aber auch kleinere Produktionen, die sich festsetzen. Ich habe wahnsinnig gern in Wien „Once upon a Mattress“ gespielt. Das war eigentlich nur ein kurzer Run, aber das Team war besonders, die Atmosphäre stimmte einfach. Und dann natürlich Rollen wie Wednesday in „The Addams Family“ oder Glinda in „Wicked“. Das waren Geschenke. Oder „Xanadu“, auch wenn mich die Rollschuhe fast umgebracht haben. (lacht)

Du hast auch 2006 in Wien in der konzertanten Version von „Mozart!“ die Constanze gespielt. War das etwas Besonderes für dich?
Total. Ich habe die Hamburger Produktion damals während meiner Ausbildung gesehen und Jessica Kessler als Constanze erlebt. Ich saß im Publikum und dachte: „Eines Tages trage ich diese Perücke.“ Und dann bekam ich Jahre später tatsächlich die Rolle in Wien – und trug wirklich exakt Jessica Kesslers Perücke. Das war ein echter Full-Circle-Moment.

Was reizt dich heute an Rollen?
Mein Fokus hat sich mittlerweile verschoben. Ich habe lange nach unten gespielt, also jüngere Rollen, weil ich klein bin und jung klinge. Irgendwann war ich aber zu alt für die jungen Rollen und gleichzeitig noch zu jung für die Mutterrollen. Als dann endlich das Vertrauen kam, auch andere Figuren spielen zu dürfen, war das toll. Ich habe zum Beispiel irgendwann „Mamma Mia!“ angeschaut und gemerkt: Früher interessierten mich Sophie und Sky, aber heute interessieren mich Donna, Rosie und Tanja.

Jana Stelley (Foto: Dominik Lapp)

Siehst du dich als Musicaldarstellerin, Schauspielerin oder Sängerin?
Ich halte diese Kategorien ehrlich gesagt für Quatsch. Ich habe Musical auch gar nicht studiert, weil ich unbedingt Musicaldarstellerin werden wollte. Ich wollte einfach alles lernen. Irgendwann habe ich gemerkt: Es geht mir nicht ums Singen – ich will Geschichten erzählen! Das wurde mir besonders bei „Harry Potter und das verwunschene Kind“ klar, wo ich gar nicht gesungen habe. Viele fragten mich: „Hast du das Singen nicht vermisst?“ Ehrlich gesagt: keine Minute. Ich habe es geliebt, mich komplett in Rollen einzuarbeiten, Bücher zu lesen, Figuren zu analysieren, Details zu suchen. Das ist das, was mich wirklich interessiert.

Bei „Harry Potter“, einer Schauspielproduktion, waren auffällig viele Leute aus dem Musicalbereich dabei. War das ein Vorteil?
Absolut. Diese Produktion ist wahnsinnig durchgetaktet. Wenn du eine Sekunde zu spät bist, funktioniert die ganze Maschinerie nicht mehr. Musicaldarsteller sind daran gewöhnt, acht Vorstellungen pro Woche auf konstant hohem Niveau abzurufen. Schauspieler aus dem reinen Sprechtheater kennen diese Taktung oft nicht. Für viele war das ein enorm harter Lernprozess. Klaas Heufer-Umlauf hat mal gesagt, Musicaldarsteller seien die „Grubenarbeiter der Bühnenwelt“. Und ich finde das eigentlich ziemlich treffend – nicht abwertend, sondern im Sinne von: Diese körperliche und mentale Belastung muss man erst mal leisten.

Wie frei ist man bei ikonischen Rollen wie Glinda?
Natürlich gibt es ein enges Korsett. Du stehst auf einem bestimmten Punkt, das Licht ist exakt gesetzt, vieles ist genau festgelegt. Aber ich mag diese Verabredung. Gute Shows tragen dich auch an schlechten Tagen. Und innerhalb dieses Korsetts suche ich dann nach kleinen eigenen Momenten: ein anderer Blick, ein neuer Witz, eine andere Betonung. Das ist für mich der spannende Teil.

Zuletzt warst du mit dem PUR-Musical „Abenteuerland“ auf Tour. Du bist dort schon sehr früh eingestiegen, hast vor der Tour nämlich schon die Ensuite-Produktion in Düsseldorf gemacht und warst zuvor beim Workshop dabei. Wie kam das?
Ich war tatsächlich schon während der Pandemie bei den allerersten Workshops dabei. Damals wusste man noch gar nicht, ob das Projekt überhaupt realisiert wird. Der Autor und Produzent Martin Flohr kannte mich schon aus früheren Produktionen. Er fragte einfach, ob ich Lust hätte, bei ersten Lesungen und musikalischen Experimenten mitzumachen. Das Spannende war, diesen Entstehungsprozess von Anfang an mitzuerleben. Szenen wurden ausprobiert, Rollen verändert, Dinge wieder verworfen. So etwas erlebt man in Deutschland viel seltener als in Amerika.

Jana Stelley (Foto: Dominik Lapp)

Welche Berührungspunkte hattest du vor deinem Engagement mit der Musik von PUR?
Gar keine. Als PUR die Hochzeit hatte, so in den Neunzigern, war ich halt wirklich, na ich möchte nicht sagen Punk, aber da waren „Die Ärzte“ und „Die Toten Hosen“ mein Gemüse, um das so auszudrücken. Das war eigentlich mein musikalisches Feld. Das heißt, ich hatte gar keine Berührungspunkte mit PUR, außer dass natürlich, wenn ich abends in die Dorfdisco gegangen bin, auch mal irgendwann der PUR-Hitmix kam.

Wie gesund ist der Umgang mit Körperbildern und Konkurrenzdruck in der Musicalbranche?
Als ich angefangen habe, war das deutlich schlimmer als heute. In der Ausbildung hörte man ständig Sätze wie: „It’s not your talent, it’s your body.“ Da ging es oft darum, fünf oder zehn Kilo abzunehmen. Sehr direkt, sehr hart. Heute ist vieles besser geworden. Die Branche wird diverser – in Körperformen, Hautfarben und Typen. Und junge Kolleginnen gehen oft viel selbstbewusster mit solchen Themen um. Ich habe erlebt, dass früher Frauen weinend aus Kostümproben kamen, weil ihnen gesagt wurde, sie sähen unmöglich aus. Heute stehen junge Kolleginnen da und sagen selbstbewusst: „Warum soll ich verhüllt werden? Ich finde, ich sehe gut aus.“ Das finde ich großartig.

Ist Vielseitigkeit notwendig, um in dieser Branche bestehen zu können?
Absolut. Ich würde jedem raten, sich möglichst breit aufzustellen. Es gibt Phasen, da passt du einfach typmäßig in keine Produktion. Dann hilft es enorm, noch andere Standbeine zu haben: Synchron, Unterricht, Coaching, Konzerte oder etwas ganz anderes. Das nimmt Druck raus – und man wird bei Auditions entspannter. Ich habe selbst zwischendurch Logopädie studiert und darüber die Phonetik für mich entdeckt.

Was würdest du der Jana Stelley mitgeben, die vor mehr als 20 Jahren am Beginn ihrer Karriere stand?
Wahrscheinlich: „Pass besser auf deinen Körper auf.“ Ältere Kolleginnen haben mir damals schon gesagt: „Mit Verletzungen geh nicht zu früh zurück auf die Bühne.“ Aber mit 20 glaubt man das nicht. Und vielleicht würde ich sagen: „Überlege dir manchmal zweimal, für wen du kämpfst.“ Ich habe ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und rede manchmal schneller, als ich denke. Aber grundsätzlich glaube ich auch: Selbstzweifel sind wichtig. Natürlich sollten sie nicht überhandnehmen – aber wenn man komplett überzeugt ist, immer alles richtig zu machen, hört man auf zu lernen. Und dann wird es gefährlich. Gerade in diesem Beruf.

Interview: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".