„Pique Dame“ in Hamburg
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Spiel mit dem Abgrund: „Pique Dame“ in Hamburg

Die Staatsoper Hamburg zeigt unter der neuen Intendanz von Tobias Kratzer nicht nur spannende Neuinszenierungen selten gespielter Werke wie „Ruslan und Ljudmila“ und Uraufführungen wie „Monster’s Paradise“, sondern auch großartige Wiederaufnahmen. Eine solche ist Willy Deckers Inszenierung der Oper „Pique Dame“ aus dem Jahr 2003 mit der Musik von Peter I. Tschaikowsky und einem Libretto von Modest I. Tschaikowsky, basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Alexander Puschkin.

Decker liest „Pique Dame“ als konsequent düstere Studie obsessiver Selbstzerstörung. Die Figuren erscheinen nicht als romantische Leidende, sondern als Getriebene in einem System aus Zwang, Projektion und sozialer Starre. Beziehungen entstehen hier weniger aus Nähe als aus gegenseitiger Überforderung. Hermann ist kein tragischer Außenseiter im klassischen Sinn, sondern ein Mann, der sich Schritt für Schritt in eine Idee hineinsteigert, bis Realität und Wahn ununterscheidbar werden. Diese psychologische Schärfe trägt den gesamten Abend – sie entwickelt sich ruhig, beinahe unerbittlich, und gewinnt gerade durch ihre Konsequenz Sogkraft.

Das Bühnenbild von Wolfgang Gussmann schafft dafür einen Raum von beklemmender Klarheit: ein schwarz-graues Gefüge aus verschiebbaren Wänden und massiven Säulen, das sich permanent neu formiert und doch keinen Ausweg zulässt. Architektur wird hier zum Mitspieler, zum sichtbaren Ausdruck innerer Verengung. Ein überdimensionierter Spieltisch dominiert die Szene, daneben Sessel und ein monumentales Porträt der Gräfin, das später zur Spielkarte mutiert. Die übergroßen Karten, die immer wieder genutzt werden, sind keine dekorativen Symbole, sondern Manifestationen einer Idee, die alle Figuren beherrscht: das Leben als kalkuliertes Risiko, das längst außer Kontrolle geraten ist.

Auch die Kostüme (ebenfalls von Gussmann) folgen dieser Logik der Verdunkelung. Männer in Uniformen und strengen Anzügen, Frauen in dunklen Kleidern – eine Gesellschaft, die sich selbst diszipliniert und emotional ausgehöhlt wirkt. Nur die Gräfin tritt einmal in Weiß auf, wodurch sie zugleich entrückt und gespenstisch erscheint. Das Licht von Hans Toelstede verstärkt diesen Eindruck konsequent: Schattenräume dominieren, Gesichter treten aus der Dunkelheit hervor und verschwinden wieder darin, als würde das Geschehen aus Hermanns Bewusstsein heraus beleuchtet.

Musikalisch entfaltet sich der Abend mit überwältigender Intensität unter der Leitung von Timur Zangiev. Rund 60 Musikerinnen und Musiker im Graben erzeugen einen Klang, der nicht auf bloße Lautstärke setzt, sondern auf permanente innere Bewegung. Tschaikowskys Partitur erscheint hier als nervös vibrierendes Gewebe aus Sehnsucht, Bedrohung und ironischer Distanz. Zangiev arbeitet die Kontraste scharf heraus: die scheinbar höfische Eleganz der Gesellschaftsszenen kippt plötzlich in klangliche Abgründe, lyrische Linien werden von eruptiven Ausbrüchen unterbrochen. Besonders eindrucksvoll ist, wie das Orchester psychologische Zustände modelliert – Holzbläserfarben wirken wie flüchtige Gedanken, während die tiefen Streicher Hermanns zunehmende Besessenheit fast körperlich spürbar machen.

Der von Christian Günther einstudierte Chor erweist sich als weitere tragende Kraft des Abends. Klanglich geschlossen und zugleich beweglich gestaltet er die großen Ensembleszenen mit dramatischer Präsenz. Besonders in den gesellschaftlichen Tableaus entsteht ein beklemmender Kontrast zwischen äußerer Festlichkeit und innerer Kälte.

In der Hauptpartie gestaltet Najmiddin Mavlyanov einen Hermann von eindringlicher Unruhe. Sein Tenor besitzt metallische Schärfe, die sich hervorragend für die zunehmende fiebrige Zuspitzung eignet und sich nahtlos in Deckers Lesart einfügt. Vida Mikneviciute gibt eine Lisa, die nicht nur Opfer ist, sondern eine Figur mit eigener emotionaler Fallhöhe. Ihr Sopran verbindet lyrische Linien mit dramatischer Expansion.

Als Gräfin steht Doris Soffel im Zentrum eines der stärksten Momente des Abends. Ihre Darstellung verzichtet auf Karikatur oder bloße Altersmaske. Stattdessen entsteht das Porträt einer Frau, deren Vergangenheit wie ein Schatten über der Gegenwart liegt. Kartal Karagedik verleiht Jeletzkij Würde und vokale Noblesse, ohne ihn zum bloßen Gegenbild Hermanns zu stilisieren. Seine Arie wird zu einem Moment stiller Klarheit innerhalb der düsteren Dramaturgie. Lukasz Golinski wiederum zeichnet Tomskij mit markanter Präsenz und erzählerischer Energie.

So entsteht ein Opernabend, der sich jeder dekorativen Oberfläche verweigert. „Pique Dame“ erscheint hier nicht als historisches Gesellschaftsdrama, sondern als Studie über Obsession und die zerstörerische Macht einer Idee. Dass diese 23 Jahre alte Inszenierung wieder auf dem Spielplan steht, erweist sich als Glücksfall!

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".