„Dialogues des Carmélites“ in Karlsruhe
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Märtyrertum als politischer Akt: „Dialogues des Carmélites“ in Karlsruhe

Im Zuschauerraum des Badisches Staatstheater Karlsruhe herrscht eine eigentümliche Stille, noch bevor der erste Ton erklingt. Sie passt zu einer Inszenierung der Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc, die nicht auf sakrale Entrückung zielt, sondern auf die nüchterne Konfrontation mit Entscheidung und Verantwortung.

Regisseurin Andrea Schwalbach interessiert sich – wie bereits bei „Carmen“ in Münster und „Salome“ in Wuppertal – für Frauengeschichten, die sich nicht als Opfererzählungen begnügen. Ihr Zugriff ist stringent, stark aus dem Schauspiel gedacht und geprägt von einer konsequent entwickelten Figurenführung. Wo Oper häufig Individuen isoliert, entsteht hier tatsächlich eine Gemeinschaft, deren innere Dynamik sichtbar wird. Frauengemeinschaften stehen nur selten im Zentrum des Opernrepertoires, doch Schwalbach nutzt diese Ausnahme. Der Märtyrerinnentod erscheint nicht als religiöse Verklärung, sondern als bewusster politischer Akt – eine Entscheidung gegen die Logik der Angst und damit als revolutionäre Handlung.

Das Bühnenbild von Anne Neuser verankert diese Lesart in einem Raum, der jede metaphysische Flucht verhindert. Ein monumentaler Gerichtssaal beherrscht die Bühne, gewaltig, kalt und beinahe erdrückend. Die Drehbühne öffnet zusätzliche Perspektiven: Rückseiten, Zwischenräume und verborgene Winkel werden bespielt, als gäbe es kein Entkommen aus diesem System der Beobachtung. Das Gericht wird zum eigentlichen Ort des Schreckens: weniger historischer Schauplatz der Revolution als zeitloser Mechanismus öffentlicher Beurteilung. Die Nonnen leben von Beginn an unter Urteil.

„Dialogues des Carmélites“ in Karlsruhe (Foto: Dominik Lapp)

Die Kostüme von Britta Leonhardt folgen diesem Gedanken klug. Zunächst erscheinen die Frauen in klar konturierten Ordensgewändern, doch im Verlauf der Handlung werden die Nonnen zu Bürgerinnen der Sechzigerjahre, als würde sich Geschichte überlagern und jede Epoche ihre eigenen Mechanismen moralischer Kontrolle hervorbringen. Das Licht von Rico Gerstner unterstützt diese Transformation subtil, lässt den Raum mal tribunalhaft grell, mal klaustrophobisch eng erscheinen.

Musikalisch entwickelt sich der Abend unter der Leitung von Johannes Willig zu einer konzentrierten Studie über Spannung im Leisen. Mit der Badischen Staatskapelle sucht er nicht nach spätromantischem Überschwang, sondern nach struktureller Klarheit. Poulencs Partitur entfaltet sich als nervös pulsierendes Gewebe, in dem scheinbar schlichte Harmonien plötzlich Abgründe öffnen. Willig lässt Pausen sprechen, hält Tempi beweglich und arbeitet die scharfen Brüche zwischen Intimität und kollektiver Bedrohung heraus. Der von Marius Zachmann einstudierte Chor überzeugt zudem mit geschlossener Präsenz.

Im Zentrum steht Tara Erraught. Sie gestaltet die Figur der Blanche nicht als fragile Außenseiterin, sondern als junge Frau, deren Angst ein scharfes Sensorium für die Gewalt der Welt ist. Ihr Mezzosopran besitzt Wärme und Beweglichkeit, doch entscheidend ist die Gestaltungskraft des Wortes: Jede Phrase wirkt gedacht, jede Reaktion entsteht sichtbar im Moment. Blanche wird zur Beobachterin ihrer eigenen Furcht – und gerade daraus erwächst ihre spätere Konsequenz.

Als Marquis beeindruckt Armin Kolarczyk mit nobler Linienführung und einer Autorität, die die Vaterfigur gefährlich erscheinen lässt. Brett Sprague gibt den Chevalier mit hellem, flexibel geführtem Tenor und überzeugender Dringlichkeit. Melanie Lang gestaltet Madame de Croissy als erschütternde Studie körperlicher und geistiger Erschöpfung, während Ann-Beth Solvang als Madame Lidoine einen ruhigen Gegenpol dazu setzt.

„Dialogues des Carmélites“ in Karlsruhe (Foto: Dominik Lapp)

Eine besondere Leistung gelingt Carmen Seibel, die kurzfristig für die erkrankte Dorothea Spilger einspringt. Dass es sich um eine Umbesetzung handelt, ist nicht zu bemerken. Seibel gestaltet Mère Marie mit starker Simme und als innerlich zerrissene Figur zwischen Pflichtbewusstsein und Zweifel. Ihr Spiel besitzt eine eindringliche Körperlichkeit, so dass man eine Frau erlebt, die Verantwortung tragen will und gerade daran scheitert.

In den weiteren Partien überzeugt Anastasiya Taratorkina als lebhafte, wache Constance mit klar geführtem Sopran und natürlicher Bühnenpräsenz, während Christina Niessen der Mère Jeanne ruhige Standfestigkeit verleiht. Klaus Schneider zeichnet den Beichtvater mit warmem Timbre, Yancheng Chen und Doru Cepreaga erfüllen ihre Aufgaben als Kommissare prägnant und wirkungsvoll.

Am Ende entsteht ein Schlussbild von großer Konsequenz: kein sakrales Pathos, sondern ein stiller, unbeirrbarer Gang in eine Entscheidung, die aus gemeinsamer Haltung wächst. Andrea Schwalbach zeigt keine Heiligenlegende, sondern Menschen, die handeln, obwohl sie Angst haben. Gerade darin liegt die erschütternde Kraft dieses Abends.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".