„Carmen“ (Foto: Dominik Lapp)
  by

Spannende Neuinterpretation: „Carmen“ in Münster

Die Oper „Carmen“ von Georges Bizet ist vor allem für ihre lebendige Musik bekannt und hält sich auch deshalb weltweit auf den Spielplänen. Einen neuen Blickwinkel auf diesen Klassiker der Opernliteratur zu ermöglichen, scheint zwar nicht einfach, aber auch nicht unmöglich zu sein, wie Regisseurin Andrea Schwalbach jetzt mit ihrer spannenden Inszenierung am Theater Münster beweist.

Schwalbach ist mit ihrer Neuinterpretation der Story ein Risiko eingegangen, denn bei ihr ist die Titelfigur am Ende nicht tot. Carmen ist durch den Messerstich ihres früheren Geliebten nicht gestorben, sondern blickt geradezu triumphierend von der Tribüne einer Stierkampfarena ins Auditorium. Die Regisseurin zeichnet damit ein starkes Frauenbild und macht auf ein Thema aufmerksam, das aktueller denn je ist: Femizide, also die gezielte Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts.

Die weibliche Hauptrolle in dieser Inszenierung ist weder Opfer noch männerfeindliche Oberzicke, sondern eine starke Persönlichkeit, die Männern auf Augenhöhe begegnet und sich Respekt verschafft. Carmen ist eine Frau, die sich nicht einschüchtern lässt und ganz genau weiß, was sie will. Das alles wurde von der Regisseurin so hervorragend herausgearbeitet, dass ihre Inszenierung ein Paradebeispiel dafür ist, wie man eine knapp 150 Jahre alte Oper in die Gegenwart transferiert, ohne dabei mit dem Vorschlaghammer vorzugehen. Interessant ist zudem, dass Schwalbach die beiden ursprünglich als Schmuggler angelegten Rollen des Doncairo und Moralès in einer Person als eine Art Conférencier zusammenfasst, der eine Brücke baut zwischen Handlung und Publikum.

Das Kostümbild von Bianca Deigner entspricht der insgesamt modernen Inszenierung, verschweigt aber nicht das andalusische Sevilla als Handlungsort. Durch Flamenco-Röcke und Rüschenblusen entsteht spanisches Flair ohne Kitsch, ebenso durch die Choreografie von Rachele Pedrocchi. Das Bühnenbild von Anne Neuser ist ähnlich clean und besteht aus einer dunklen, sich öffnenden Holzwand mit Bänken und einigen quadratischen Säulen, die als Projektionsfläche für die wohldosierte Videoeinspielungen von Sven Stratmann dienen. Im letzten Bild der Oper wird außerdem mittels Tribüne eine Stierkampfarena angedeutet.

Neben der inszenatorischen Raffinesse ist es die durchweg starke Riege an Sängerinnen und Sängern, die diese „Carmen“ zu einem Erlebnis macht. Wioletta Hebrowska spielt und singt die Titelrolle fabelhaft. Als Hosen tragende Frau, die aber auch immer mal wieder in einen Flamenco-Rock gesteckt wird, gibt Hebrowska eine überzeugende Mischung aus Femme fatale, Vamp und zarter, verletzlicher Persönlichkeit. Gesanglich strahlt sie mit ihrem Mezzosopran in den Spitzentönen und gefällt auch in der warmen Mittellage. Ebenso mächtig in Darstellung und Gesang ist Robyn Allegra Parton als Micaela, die ihren klangschönen Sopran besonders bei der Arie im dritten Akt glänzen lässt.

Bei dieser geballten Frauenpower hat es Garrie Davislim als Don José wahrlich nicht einfach. Dennoch gelingt es ihm, ein eindrückliches Porträt des Sergeants zu zeichnen und mit heldentenoraler Eindringlichkeit gesanglich zu begeistern. Stark ist zudem Laurent Arcaro, der in der Doppelrolle Doncairo / Moralès einen Conférencier mimt, der die Handlung kommentiert, in sie eingreift und dabei wiederholt die vierte Wand durchbricht. Johan Hyunbong Choi als Stierfechter Escamillo klingt bei seiner Torero-Arie leider etwas schwachbrüstig und kann kaum gegen das Orchester singen, die junge Nachwuchssängerin Maria Christina Tsiakourma hingegen empfiehlt sich als Mércèdes mit ihrem warmen Mezzosopran.

Letztendlich lebt „Carmen“ außerdem noch von Georges Bizets mitreißender Musik. Golo Berg leitet das Sinfonieorchester Münster perfekt durch die anspruchsvolle Partitur, die Musikerinnen und Musiker spielen leidenschaftlich, meistern die dramatischen wie emotionalen Höhen und Tiefen mit Bravour. So tragen die Kontraste zwischen lyrischen Passagen und kraftvollen, rhythmischen Abschnitten zur Intensität der Handlung dieser rundum gelungenen Inszenierung bei.

Text: Dominik Lapp

Avatar-Foto

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".