Abschied vom gedruckten Begleiter: Warum immer mehr Theater ihre Programmhefte einstellen
Jahrelang gehören Programmhefte zum festen Ritual eines Theater-, Opern- oder Musicalabends. Noch bevor sich der Vorhang hebt, blättern Besucherinnen und Besucher durch mehr oder weniger aufwändig gestaltete Seiten, studieren Ensemblebiografien, lesen Regiegedanken oder lassen sich von großformatigen Szenenfotos auf den Abend einstimmen. Besonders im Musicalbereich entwickelten sich die Hefte zu begehrten Sammlerstücken: Erinnerungsobjekt, Bildband und Nachschlagewerk zugleich. In den Neunzigerjahren waren sie oft für kleines Geld – in der Regel 15 Mark – erhältlich. Ein niedrigschwelliger Zugang zu Hintergrundinformationen und zugleich ein emotionales Souvenir.
Doch die Zeiten haben sich grundlegend verändert. Bei großen Veranstaltern kosten die Hefte mit den großformatigen Bildern inzwischen teilweise über 30 Euro. Gleichzeitig sank ihre Aktualität: Während vor 30 Jahren noch bei jedem Castwechsel neue Ausgaben mit aktualisierten Fotos produziert wurden, ist diese Praxis längst verschwunden. Nicht selten werden nach Standortwechseln weiterhin Programmhefte verkauft, deren Bilder noch Ensembles früherer Spielorte zeigen. Was einst eine dokumentarische Momentaufnahme war, wirkt zunehmend wie ein Relikt aus einer anderen Epoche.
Im Internet diskutieren Musicalfans regelmäßig über diese Entwicklung. Viele kaufen Programmhefte weiterhin aus nostalgischen Gründen, lassen sie signieren oder bewahren sie als persönliche Erinnerung auf. Dennoch zeigt sich ein klarer Trend: Die Verkaufszahlen gehen zurück – ein Schicksal, das Printmedien insgesamt teilen. Theater reagieren darauf unterschiedlich, doch die Richtung ist eindeutig.
Zwischen Tradition und wirtschaftlicher Realität
Die Freilichtspiele Tecklenburg stehen exemplarisch für den Wandel. Der Vorsitzende Markus Söllner beschreibt eine Entwicklung, die viele Häuser betrifft: „Die letzten großen Programmhefte zum Kaufen gab es 2022, seit 2023 gibt es die kleinen kostenlosen Leporellos.“ Der Grund ist vor allem wirtschaftlicher Natur. Obwohl ein Heft dort lediglich sechs Euro kostete, sank die Nachfrage drastisch. „2022 haben wir eine mittlere vierstellige Anzahl gedruckter Hefte entsorgen müssen. Das entsprach ungefähr 50 Prozent der Druckauflage.“
Die Zahlen verdeutlichen ein Dilemma: Während ein Teil des Publikums weiterhin an der Tradition hängt, bleibt ein großer Teil der Auflage ungenutzt. „Während viele Gäste offensichtlich keine Programmhefte mehr gekauft haben, erhalten wir bis heute traurige Anfragen von anderen Gästen, warum es sie nicht mehr gibt“, berichtet Söllner. Die Lösung ist vorerst pragmatisch in Form von kleinen, kostengünstigen Leporellos, die kostenlos verteilt werden. Mit einer jährlichen Gesamtauflage zwischen 40.000 und 50.000 Exemplaren erreichen sie deutlich mehr Menschen als die früheren Kaufhefte.
Gleichzeitig bleibt die strategische Frage offen. „Auch wir denken immer wieder nach, welche Varianten noch funktionieren können, digital und analog. Aktuell gibt es keine finale Entscheidung über die zukünftige Ausrichtung bei diesem Thema.“ Der Satz steht stellvertretend für eine Branche im Experimentiermodus.

Neue Kommunikationswege statt gedruckter Tiefe
Andere Häuser gehen behutsamer vor. Am Theater Osnabrück etwa bleibt das Programmheft in seitenreduzierter Form erhalten, wird jedoch neu gedacht. Tobias Fritzsche, Leiter Marketing und Kommunikation, beschreibt eine Verschlankung statt Abschaffung: Der Verkauf sei stabil, die Hefte im Theater am Domhof seien bewusst kompakter gestaltet. Ziel sei es, Informationen zugänglich zu machen, ohne das Publikum mit umfangreichen Textmengen zu überfordern.
Die Reduktion schafft zugleich Raum für neue Formate. Einführungsveranstaltungen, Audioangebote und Social-Media-Kommunikation gewinnen an Bedeutung. Hintergrundinformationen wandern zunehmend in digitale oder dialogische Räume, in denen Inhalte flexibel aktualisiert werden können. Parallel wertet das Theater aus, auf welchen Wegen sich das Publikum tatsächlich informiert – eine Frage, die früher kaum gestellt werden musste, als das Programmheft automatisch als primäre Informationsquelle galt.
Ein radikaler Schritt kommt auch vom Muscial-Branchenprimus. Der Kundenservice von Stage Entertainment erklärt: „Stage Entertainment hat sich dazu entschieden, seit Herbst 2025 keine neuen Programmhefte mehr zu produzieren, da diese Printerzeugnisse immer weniger Abnehmer gefunden haben und der Aufwand und die Kosten der Herstellung im Verhältnis dazu zu hoch wurden.“ Stattdessen sollen digitale Angebote intensiviert werden – mit Fotos, Videos und Hintergrundinformationen auf der Webseite und den eigenen Social-Media-Kanälen.
Interessant ist dabei die Differenzierung: Die aufwändig gestalteten Bildbände mit Showfotos bleiben erhalten, klassische Programmhefte mit dramaturgischen Texten und Ensemblebiografien verschwinden hingegen. Damit verlagert sich der Fokus vom erklärenden Kontext hin zum visuellen Erinnerungsprodukt. Das bedeutet auch einen symbolischen Verlust – nicht zuletzt für die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne, deren Arbeit im Programmheft mit dem Abdruck ihrer Biografie traditionell ausführlich gewürdigt wird.
Das Publikum verändert seine Gewohnheiten
Dass die Entwicklung nicht allein wirtschaftlich begründet ist, zeigen Erfahrungen aus kleineren Veranstaltungsformaten. Auch bei den von kulturfeder.de organisierten Musical-Talk-Konzerten „Auf ein Wort“ zeigte sich bereits vor zehn Jahren ein deutliches Desinteresse an gedruckten Begleitmaterialien. Selbst kostenlos angebotene Programmfaltblätter blieben häufig liegen. Bei einem Konzert mit Enrio De Pieri in Hamburg produzierte die Redaktion ein handliches Programmheft mit zahlreichen Fotos, das automatisch mit der Eintrittskarte ausgegeben wurde und bei einer anschließenden Autogrammstunde signiert werden konnte. Dennoch musste rund die Hälfte der Hefte entsorgt werden – viele lagen zerknickt auf Sitzen oder dem Boden.
Das Verhalten deutet auf einen grundlegenden Wandel hin: Informationen werden heute situativ konsumiert, meist digital und oft nur kurzfristig. Das klassische Programmheft hingegen verlangt Aufmerksamkeit, Zeit und einen bewussten Umgang mit einem physischen Objekt. Genau diese Haltung wird im Alltag zunehmend selten.

Digitalisierung als neuer Standard
Immer mehr Opern- und Theaterhäuser, darunter die Staatsoper Hannover und die Berliner Staatsoper Unten den Linden, reagieren darauf mit hybriden Lösungen. Institutionen bieten Programmhefte kostenlos als Download auf ihren Webseiten an. Andere gehen noch weiter: In niederländischen Musicalproduktionen wie „Dear Evan Hansen“ steht im Foyer häufig ein Aufsteller mit QR-Code, über den sich das Programmheft digital herunterladen lässt. Optional existiert weiterhin eine gedruckte Version zum Kauf – allerdings in geringer Auflage und als Ergänzung, nicht mehr als Standard.
Diese Modelle verbinden ökologische und ökonomische Argumente. Druckkosten sinken, Aktualisierungen sind jederzeit möglich, Inhalte lassen sich multimedial erweitern. Interviews können als Podcast erscheinen, Probenvideos ergänzen Regietexte, dramaturgische Hintergründe werden in sozialen Netzwerken fortlaufend erzählt. Das Programmheft verwandelt sich damit von einem abgeschlossenen Produkt in einen fortlaufenden Kommunikationsprozess.
Was verloren geht – und was bleibt
Mit dem Verschwinden der gedruckten Programmhefte endet jedoch mehr als nur eine Produktionslinie. Über Jahrzehnte fungierten sie als Archiv des Theaterlebens. Sie dokumentierten Besetzungen, Inszenierungskonzepte und ästhetische Entwicklungen – oft präziser als digitale Inhalte, die schnell verändert oder gelöscht werden können. Für Sammlerinnen und Sammler, Theaterhistorikerinnen und -historiker sowie leidenschaftliche Fans bedeutet ihr Rückgang einen Verlust materieller Erinnerungskultur.
Gleichzeitig eröffnet der Wandel neue Möglichkeiten der Vermittlung. Theater erreichen ihr Publikum heute früher, direkter und dialogischer als jemals zuvor. Die Frage ist nicht mehr, ob Informationen bereitgestellt werden, sondern in welcher Form.
Das Programmheft verschwindet also nicht abrupt, sondern löst sich langsam in unterschiedliche Formate auf: als kostenloses Leporello, als Download, als Social-Media-Story oder als hochwertiger Bildband. Der gedruckte Begleiter des Theaterabends wird seltener, doch sein kulturelles Bedürfnis bleibt bestehen. Denn auch im digitalen Zeitalter sucht das Publikum weiterhin nach Orientierung, Kontext und Erinnerung. Nur das Medium verändert sich.
Text: Dominik Lapp