Makaber und munter: „The Addams Family“ in Münster
Die Addams sind wieder da – und sie haben einiges zu erzählen. Am Theater Münster bevölkern die skurrilen Herrschaften rund um Gomez und Morticia ihr morbides Anwesen, lassen die Toten aus den Bilderrahmen steigen und bringen eine Liebesgeschichte gehörig aus dem Takt. Das Musical „The Addams Family“ von Andrew Lippa mit dem Buch von Marshall Brickmann und Rick Elice, in der deutschen Fassung von Anja Hauptmann, erweist sich dabei als vergnügliche Mischung aus schwarzem Humor, Familienkomödie und Parodie.
Regisseurin Effi Méndez hat sichtlich Freude daran, die Absurdität dieser Familie auszukosten. Ihre Inszenierung ist witzig, pointiert und temporeich. Vor allem gelingt es ihr, das Stück nicht nur als Reise in die morbide Welt der Addams zu behandeln, sondern mitten in die Gegenwart zu holen. So hantiert Lucas erst mit dem Begriff „Six-Seven“, bevor er Wednesday als „gute Käse“ bezeichnet und Pugsley mit „Du bist gut genug“ eine aktuelle Popsong-Botschaft mitgibt. Dadurch entsteht ein hübscher Kontrast zwischen der Addams-Welt und der Sprache heutiger Popkultur. Die Witze funktionieren gerade deshalb, weil sie nicht ausschließlich aus dem Stück selbst kommen, sondern die Gegenwart hereinlassen. Außerdem fügt sich die Choreografie von Kati Heidebrecht stimmig in den Abend ein.
Im Zentrum der Bühne von Tina Carstens steht das düstere Anwesen der Familie Addams. Die Ahnengalerie ist dabei weit mehr als Dekoration: Die Bilder werden lebendig und erweitern das Haus um eine geisterhafte Hausgemeinschaft. Folterkammer und Küche gehören ebenfalls zum grotesk gemütlichen Inventar. Carstens Ausstattung schafft damit einen Spielraum, der zwischen Gothic-Kitsch, Familienheim und Gruselkabinett changiert.
Die Kostüme von Philipp Winkler treffen die Figuren rollengerecht und mit Sinn für den komischen Effekt. Besonders Lurch trägt einen Hingucker auf dem Kopf: Sein Hut ist mit Weihnachtskugeln gefüllt – ein kleines Detail, das wunderbar zum eigentümlichen Humor dieser Familie passt.

Die musikalische Umsetzung durch das Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg ist stark. Allerdings entwickelt Andrew Lippas Musik nicht durchgehend die nötige Durchschlagskraft. Vieles plätschert vor sich hin, ohne sich dauerhaft im Ohr festzusetzen. Nach dem großen musikalischen Höhepunkt, dem Song, der das Publikum regelrecht aus dem Sitz reißt, sucht man vergebens. Das ist kein Problem der Ausführung, sondern eher eines des Materials: Die Musik erfüllt ihre Funktion, bleibt aber über weite Strecken hinter der komödiantischen Energie zurück, die auf der Bühne entsteht.
Dafür punktet die Besetzung auf ganzer Linie. Sebastian Smulders gibt Gomez als leidenschaftlichen, leicht überdrehten Familienpatriarchen, dessen Begeisterung für Morticia ebenso groß ist wie seine Faszination für jedes neue Drama im eigenen Haus. Tina Podstawa stattet Morticia mit der nötigen Eleganz und einer herrlich trockenen Komik aus. Zwischen kühler Grandezza und familiärer Zuneigung findet sie genau den richtigen Ton.
Friederike Bauer ist als Wednesday besonders stark. Sie spielt die Tochter nicht lediglich als finster dreinblickende Teenagerin, sondern als eigensinnige junge Frau, die ihre Familie liebt und gerade deshalb mit deren Reaktionen auf ihre erste große Liebe kollidiert. Bauer verbindet komisches Timing mit starker Bühnenpräsenz und einer überzeugenden Gesangsleistung.
Als ihr Gegenüber glänzt Nuno Dehmel in der Rolle des Lucas. Er bringt die Unsicherheit des jungen Mannes ebenso glaubwürdig auf die Bühne wie dessen wachsenden Mut, sich gegen die Erwartungen der eigenen Familie zu behaupten. Zwischen Wednesday und Lucas entsteht eine überzeugende Dynamik, die das Zentrum der Handlung trägt.

Kylian Kyoungloul Kim gibt Pugsley als kleinen Bruder, der zwischen kindlicher Bosheit, Eifersucht und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit pendelt. Jens Krause sorgt als Onkel Fester für einen eigenen Kosmos innerhalb des Stücks. Seine Figur ist ohnehin eine der schrägsten Erfindungen des Musicals, und Krause nutzt die Möglichkeiten für eine Mischung aus körperlicher Komik, Naivität und großer Spielfreude.
Carola von Seckendorff stattet Grandma mit der nötigen Schrulligkeit aus, während Vera Lorenz als Alice eine andere Facette des Abends eröffnet. Als Lucas’ Mutter bewegt sie sich zunächst in einer deutlich bürgerlicheren Welt, bevor auch bei ihr die Fassade zunehmend Risse bekommt. Christian Kai Sander gibt als Mal den kontrollierten Gegenpol zum Addams-Clan und zeigt, wie schnell sich die vermeintlich normale Familie als ebenso skurril erweist.
Und dann ist da noch Gregor Dalal als Lurch. Mit stoischer Körperlichkeit und minimalistischem Gesichtsausdruck macht er aus der Dienerfigur eine der zuverlässigsten komischen Kräfte des Abends. Wenn dieser Mensch gewordene Monolith mit seinem Weihnachtskugel-Hut durch das Haus schreitet, braucht es kaum Worte, um einen Gag zu landen – und zum Schluss darf er auch endlich aus der sonst stummen Rolle ausbrechen und mehr als passabel singen.
„The Addams Family“ lebt in Münster letztlich weniger von einer außergewöhnlichen Musicalpartitur als von seinem Ensemble, dem komödiantischen Timing und einer Inszenierung, die das Material beherzt in die Gegenwart zieht. Effi Méndez hält den Abend in Bewegung, setzt auf schnelle Pointen und findet immer wieder kleine Überraschungen.
Text: Dominik Lapp