Zu wenig Disney-Zauber: „Die Schöne und das Biest“ in Wien
Disney steht für Opulenz, märchenhafte Bilder und musikalische Überwältigung. Im Wiener Raimund Theater ist davon in „Die Schöne und das Biest“ erstaunlich wenig zu sehen. Musikalisch überzeugt die Produktion, das Ensemble tanzt und spielt mit großer Energie, einige Darstellerinnen und Darsteller setzen starke Akzente. Doch ausgerechnet das Buch und die Inszenierung, also die Grundlage des Märchens, lassen die entscheidende Frage unbeantwortet: Warum verliebt sich Belle eigentlich in das Biest?
Die Musik von Alan Menken gehört weiterhin zum Besten, was das Musicalgenre hervorgebracht hat. Die Partitur verbindet eingängige Melodien mit großen Ensembleszenen, lyrischen Momenten und pointierten Nummern. Unter der Leitung von Herbert Pichler bringt ein Orchester mit knapp 20 Musikerinnen und Musikern die Musik farbenreich und druckvoll auf die Bühne. Dazu kommt ein neues Lied für Belle. Die Neuübersetzung sämtlicher Songtexte durch Roman Hinze klingt stimmig und fügt sich gut in die musikalische Struktur ein. Wer die bekannte deutsche Fassung aus früheren Produktionen im Ohr hat, muss sich allerdings erst an die neuen Texte gewöhnen.
Das größere Problem liegt im Buch von Linda Woolverton. Die Geschichte stammt aus einer Zeit, in der Disney-Prinzessinnen noch wesentlich stärker über die romantische Erlösung durch einen Mann definiert werden konnten. Heute lässt sich das schwerer erzählen, ohne die Konstruktion offenzulegen. Die Wiener Produktion versucht, Belle selbstbewusster zu zeichnen. Marlene Jubelius spielt sie frech, klug und wenig mädchenhaft. Sie widerspricht Gaston, sagt auch dem Biest deutlich ihre Meinung und begegnet ihm zunächst ohne große Angst. Das macht die Figur als moderne junge Frau interessanter – verschärft aber zugleich das Problem der Handlung.
Denn wenn Belle sich von dem selbstgefälligen Dorfmacho Gaston konsequent distanziert, bleibt kaum nachvollziehbar, weshalb sie ausgerechnet für das Biest Gefühle entwickeln sollte. Das Biest ist zunächst schlecht gelaunt, herrisch und gewalttätig. Die Produktion zeigt jedoch kaum eine Entwicklung zwischen den beiden. Es gibt kein wirkliches Knistern, keine überzeugende Annäherung, keine Szenen, in denen sich aus gegenseitigem Widerstand langsam Verständnis und Zuneigung ergeben. Die Liebesgeschichte wird behauptet, statt erzählt. Das ohnehin fragwürdige Stockholm-Syndrom der Vorlage wird dadurch nicht zeitgemäßer, sondern noch widersprüchlicher.
Dominik Hees singt das Biest sehr gut und bewältigt die musikalischen Anforderungen souverän. Im Spiel ist er allerdings häufig etwas hektisch über der Spur, was die Figur zusätzlich von einer glaubwürdigen Entwicklung entfernt. Marlene Jubelius gelingt dagegen eine starke Verbindung aus Gesang und Schauspiel. Sie gibt Belle Persönlichkeit und Selbstbewusstsein, bekommt vom Buch und der Regie aber zu wenig Material, um daraus eine wirklich überzeugende Liebesgeschichte entstehen zu lassen.
Regisseur und Choreograf Matt West kennt das Stück wie kaum ein anderer: 1995 arbeitet er bereits als Choreograf an der Wiener Produktion mit, nun übernimmt er zusätzlich die Regie. Seine choreografische Arbeit gehört zu den Stärken des Abends. Der Song „Gaston“ entwickelt mit großer Spielfreude und körperlicher Energie eine starke Wirkung, und „Zu Gast“ – die Nummer, die früher „Sei hier Gast“ hieß – wird zur opulenten Stepptanznummer. Das Ensemble ist tänzerisch hervorragend und spielt mit sichtbarer Lust.
Optisch bleibt „Zu Gast“ hinter der Erinnerung an die Wiener Urproduktion zurück. Die tanzenden Gabeln und Messer von einst gibt es nicht mehr, die riesigen Teller erscheinen lediglich auf den LED-Wänden. Die Choreografie ist sehenswert, doch der Zauber des Spektakels entsteht nicht allein durch möglichst viel Tanz und Videobilder.
Überhaupt setzt die Ausstattung von Stanley A. Meyer stark auf digitale Bilder. Im Dorf gibt es noch dreidimensionale Häuser, im Speisesaal des Schlosses stehen Tisch und Stühle. Der verbotene Westflügel wird mit einer Rose auf dem Tisch sowie einem Stück Wand und einem Balkon angedeutet. Vieles andere wird jedoch durch Videos und Projektionen ersetzt.

Das kann funktionieren: Video kann Bühnenräume erweitern, Perspektiven verändern und einen märchenhaften Schauplatz dynamisch verwandeln. Hier ersetzt es allerdings häufig das Bühnenbild, statt es zu ergänzen. Besonders deutlich wird das in der Bibliothek. Eine Bank und ein Bücherstapel stehen auf der Bühne, die Bücherregale dahinter existieren dagegen nur als Projektion. Dass diese Bücherwände zudem unscharf und künstlich wirken, macht die digitale Lösung eher billig als magisch. Gerade bei einem Disney-Musical stellt sich deshalb die Frage, ob das dem eigenen Anspruch der Vereinigten Bühnen Wien genügt. Disney steht normalerweise für Detailversessenheit, Opulenz und eine Bühnenwelt, in der das Publikum staunend versinken kann. Im Raimund Theater herrscht dagegen vielerorts Sparflamme.
Auch die Kostüme von Ann Hould-Ward sind hübsch anzusehen, erreichen aber nicht die Opulenz der Wiener Produktion von 1995, die später auch in Stuttgart zu sehen war. Das Lichtdesign von Natasha Katz funktioniert dagegen sehr gut im Zusammenspiel mit Bühne und Projektionen und schafft stimmungsvolle Räume. Die von Darrel Maloney gestalteten Video- und Projektionselemente wirken dagegen nicht selten unecht und verhindern genau das, was sie eigentlich erzeugen sollen: die Illusion einer märchenhaften Welt.
Dafür besitzt die Produktion neben Marlene Jubelius und Dominik Hees ein Ensemble, das die Schwächen des Materials häufig vergessen lässt. Roy Goldman stattet Gaston mit großer Spielfreude und viel komödiantischer Energie aus. Schauspielerisch gehört er zu den auffälligsten Figuren des Abends, lediglich die Textverständlichkeit könnte besser sein. Linus al Baroffio ist als Lefou ein idealer Partner und sorgt gemeinsam mit Goldman für einige der unterhaltsamsten Momente.
Besonders stark ist das Trio aus Wietske van Tongeren, Mathias Schlung und Jana Stelley. Van Tongeren gibt Madame Pottine enorme stimmliche und schauspielerische Präsenz und ist eine Wucht. Mathias Schlung besitzt als Herr von Unruh ein herrliches Timing und setzt seine Pointen mit großer Sicherheit. Jana Stelley holt aus der vergleichsweise kleinen Rolle der Madame de L’Amour – die früher Madame de la Grande Bouche hieß – mit großer Spielfreude und Präsenz das Maximum heraus. Gemeinsam bilden die drei das komödiantische Zentrum des Abends.
Simon Stockinger gibt Lumière mit sichtlichem Spaß, könnte als französischer Charmebolzen aber noch stärker hervortreten. Oliver Huether spielt Maurice liebenswürdig, bleibt aufgrund der begrenzten Möglichkeiten seiner Figur jedoch blass. Birgit Arquin macht als Babette aus jedem Auftritt etwas – schade nur, dass die Rolle so klein ist. Aaron Grubbauer-Forumanov setzt die Kinderrolle des Tassilo überzeugend um.
Das Ensemble insgesamt ist spielfreudig und tänzerisch auf hohem Niveau. Immer wieder entstehen Momente, in denen die Bühne jene Energie entwickelt, die das Stück eigentlich durchgehend tragen müsste. Auch die musikalische Qualität stimmt. Alan Menkens Musik bleibt stark genug, um selbst eine problematische dramaturgische Konstruktion zu tragen.
Am Ende steht deshalb ein eigentümlicher Widerspruch: „Die Schöne und das Biest“ klingt im Raimund Theater besser, als es aussieht. Doch ausgerechnet der Zauber des Märchens bleibt auf der Strecke. Wer heute eine alte Disney-Geschichte neu auf die Bühne bringt, muss eine überzeugende Antwort darauf finden, warum diese Story noch funktioniert. Diese Produktion findet sie nicht.
Text: Patricia Messmer