Ein Musical nimmt Gestalt an: Probenbesuch bei Disneys „Die Schöne und das Biest“ in Wien
Noch ist das Biest kein Biest. Dominik Hees steht in Wien auf der Probebühne, die große Verwandlung ist noch eine Frage von Prothesen, Maske und Kostüm. Ihm gegenüber steht Marlene Jubelius als Belle. Roy Goldman als Gaston ist auch da. Die verwandelte Dienerschaft kommt hinzu. Es wird gespielt, gesungen, getanzt – und zugleich ist ständig sichtbar, dass dies noch nicht die Disney-Welt von „Die Schöne und das Biest“ ist, die das Publikum ab dem 25. September 2026 im Raimund Theater erwartet.
Noch fehlt der Glanz. Noch fehlen die prachtvollen Kostüme, die fertige Maske, das Bühnenbild und die Dimensionen des großen Hauses. Die Darstellerinnen und Darsteller müssen sich vieles vorstellen, die berühmte Rose wird durch einen Notenständer symbolisiert, ein paar Requisiten und Möbel sowie Kostümteile gibt es aber schon.
Für einen Moment genügt ein Blick, eine Bewegung, eine musikalische Phrase, damit aus einer nüchternen Probensituation das Schloss des Biests wird. Im Theater ist diese Phase besonders reizvoll: Man sieht nicht das fertige Produkt, sondern erlebt, wie aus einzelnen Bausteinen allmählich eine Illusion entsteht.
Eine neue Fassung für eine zeitgemäße Perspektive
Matt West kennt diesen Prozess bestens. Der amerikanische Regisseur und Choreograf hat die Bühnenfassung von Disneys „Die Schöne und das Biest“ bereits über viele Jahre begleitet. Seine Inszenierung lief 13 Jahre am Broadway und wurde mehrfach ausgezeichnet. Nun kommt er mit einer neuen Fassung nach Wien – und kehrt damit an einen Ort zurück, der Teil seiner eigenen Theatergeschichte ist.

Von 1995 bis 1997 war „Die Schöne und das Biest“ schon einmal im Raimund Theater zu sehen. West arbeitet damals als Choreograf an der Produktion. Drei Jahrzehnte später übernimmt er nun neben der Choreografie auch die Regie. „Es ist wie nach Hause zu kommen“, erzählt er auf der Probebühne.
Der Satz klingt zunächst nach nostalgischer Rückkehr. Doch West geht es nicht darum, die Vergangenheit auf Hochglanz zu polieren. Er bezeichnet seine neue Fassung als Neuinterpretation des Materials. Die bekannte Geschichte soll ihre märchenhafte Qualität behalten und zugleich aus einer zeitgemäßen Perspektive erzählt werden.
Eine Frau sucht ihren Weg
Das zeigt sich besonders an Belle. Sie ist in dieser Version nicht einfach das Mädchen, das irgendwann den richtigen Prinzen erkennt. Ihr Ausgangspunkt ist ein anderer: Sie will unabhängig sein. Ihre Geschichte handelt damit nicht allein von der Begegnung mit dem Biest, sondern auch von einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg sucht.
Marlene Jubelius weiß, wie groß die Fallhöhe dieser Figur ist. Belle gehört zu den bekanntesten Disney-Heldinnen überhaupt. Für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ist sie mit Kindheitserinnerungen verbunden, für etliche junge Frauen ist sie sicherlich eine Identifikationsfigur. Jubelius selbst kennt die Geschichte seit ihrer Kindheit. „Dadurch spüre ich manchmal auch ein bisschen Druck“, sagt sie.

Das Biest bekommt ein neues Gesicht
Auch Dominik Hees nähert sich seiner Rolle nicht mit dem Anspruch, eine bekannte Vorlage möglichst originalgetreu abzubilden. Gemeinsam mit Matt West sucht er nach einer neuen Perspektive auf das Biest. Die Figur ist schließlich mehr als Fell, Hörner und imposante Erscheinung. Erst durch die Begegnung mit Belle wird sichtbar, was hinter der Verwünschung steckt.
Dass Hees für die Rolle selbst zur Kreatur werden muss, gehört zu den aufwändigsten Teilen seiner Arbeit. Die Maske ist gegenüber früheren Produktionen weiterentwickelt worden. Statt den Darsteller vollständig in eine Verkleidung einzupacken, setzt das Team vor allem auf Prothesenteile, damit mehr Mimik erkennbar ist.
Ganz unkompliziert wird die Verwandlung trotzdem nicht. Rund eine Stunde dauert es, bis aus Dominik Hees das Biest wird. Was auf der Bühne später wie ein selbstverständlicher Teil der Figur erscheinen soll, beginnt also lange vor dem ersten Auftritt.
Auf der Probebühne ist davon noch wenig zu sehen. Hees spielt seine Szenen zunächst mit dem Körper eines Menschen, nicht mit dem Erscheinungsbild des Monsters. Gerade dadurch wird deutlich, worauf es dem Regisseur ankommt: Die Figur muss funktionieren, bevor die äußere Hülle hinzukommt.

Zwischen Probebühne und Märchenschloss
Das Theater lebt in dieser Phase vom Prinzip der Vorstellung. Ein Raum wird zum Schloss, ein paar Schritte werden zum Weg durch einen Ballsaal, eine Bewegung deutet bereits eine spätere Kostümnummer an. Die Darstellerinnen und Darsteller arbeiten in einer Welt, deren endgültige Gestalt sie selbst noch nicht sehen können.
Das gilt auch für die verwandelte Dienerschaft. Die Figuren gehören zu den populärsten Elementen des Musicals, weil aus den Menschen im Schloss Gegenstände werden: Haushaltsgegenstände, die plötzlich sprechen, singen und tanzen. Bei der Probe zeigt sich bereits die Choreografie, die spätere optische Wirkung bleibt zunächst der Fantasie überlassen. Besonders stolz ist Matt West auf eine neue Steppnummer, die eine andere rhythmische Farbe in das Stück bringen soll.
Das Raimund Theater gehört zu den traditionsreichen Musicalbühnen Wiens. Dass das Kapitel „Die Schöne und das Biest“ dort bei den Vereinigten Bühnen Wien nach fast 30 Jahren erneut aufgeschlagen wird, besitzt deshalb eine eigene Symbolik. Und für Matt West schließt sich offenbar ein Kreis.
Text: Patricia Messmer (unter Mitarbeit von Katharina Englisch)