Emotionen als verbindendes Element: Wie Bernard Niemeyer „Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede inszeniert
An der Waldbühne in Kloster Oesede im Landkreis Osnabrück herrscht geschäftiges Treiben. Auf der Spielfläche steht noch der dunkelgrüne Sumpf aus dem Musical „Shrek“, Kulissenteile werden verschoben, Mitwirkende gehen ein und aus. In zweieinhalb Stunden beginnt die Abendprobe für die zweite Musicalproduktion der Amateurbühne: „Das Wunder von Bern“. Noch erinnert wenig an das Ruhrgebiet der Nachkriegszeit. Doch gleich wird auf der Bühne eine Welt entstehen, die von Kohlenstaub, Kriegserinnerungen und Fußballträumen erzählt.
Im Zuschauerraum sitzt Regisseur Bernard Niemeyer. Schwarzes T-Shirt, kurze Hose. Seinen Blick richtet er zur Bühne. Rund 1.000 Plätze umfasst die Freilichtarena. Während im Hintergrund weiter umgebaut wird, spricht Niemeyer über das Stück. Leidenschaftlich, detailreich und mit einer Begeisterung, die immer wieder seine Augen aufleuchten lässt. Für ihn beginnt die Geschichte lange vor dem legendären Endspiel von 1954.
Mehr als eine Fußballgeschichte
„Das Wunder von Bern“ sei weit mehr als eine Fußballgeschichte, sagt er. Um den Stoff zu verstehen, habe er sich intensiv mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Wie lebten die Menschen damals? Wie gingen sie mit Verlusten, Traumata und den Herausforderungen des Alltags um? „Man spricht oft von den Trümmerfrauen oder den Kriegsheimkehrern – das war eine unglaublich prägende Zeit.“
Besonders fasziniert ihn dabei das Gemeinschaftsgefühl, das in den Nachkriegsjahren entstand. Menschen hätten zusammenhalten müssen, um die schwierigen Jahre überhaupt bewältigen zu können. Kneipen seien zu Orten geworden, an denen Erfahrungen geteilt und verarbeitet wurden. Und dann sei da plötzlich die Weltmeisterschaft 1954 gewesen – ein Ereignis, das vielen Menschen neue Zuversicht gegeben habe.
Dass ihn das Thema Gemeinschaft bis heute bewegt, merkt man schnell. Immer wieder zieht Niemeyer Parallelen in die Gegenwart. Er erinnert sich an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als er in Berlin studierte. Die Stadt sei wie leergefegt gewesen, während Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam mit der Nationalmannschaft mitfieberten. „Dieses verbindende Gefühl war etwas ganz Besonderes.“
Vielleicht ist es genau dieser Gedanke, der ihn an dem Musical so reizt. Denn für den Regisseur steht nicht der Fußball im Mittelpunkt, sondern das, was Menschen miteinander verbindet. „Die Emotionen sind das verbindende Element“, sagt er. Und diesen Satz wiederholt er mehrfach im Gespräch. Fast wirkt die Aussage wie ein Leitmotiv seiner Inszenierung.

Vom Darsteller zum Regisseur
Kennen gelernt hat er den Stoff zunächst durch den Film von Sönke Wortmann. Den habe er damals geliebt und zur Vorbereitung erneut angesehen. Die emotionale Kraft funktioniere noch immer, sagt er. Umso spannender finde er die Musicalfassung, die dem Stoff eine neue Form gebe.
Auch die Hamburger Originalproduktion hat Bernard Niemeyer gesehen – einmal auch gemeinsam mit seiner Mutter, Jahrgang 1942. Für sie sei die Story zugleich Kindheitserinnerung und Zeitgeschichte gewesen. „Sie war ebenso begeistert wie ich“, erinnert er sich.
Der Weg zur Regie war für Niemeyer keineswegs vorgezeichnet. An der Universität der Künste in Berlin studierte er zunächst den Studiengang Musical/Show, arbeitete als Darsteller und war später lange am Jungen Theater Bonn engagiert. Dort begann er erstmals zu inszenieren.
An die Waldbühne Kloster Oesede führte ihn schließlich Bühnenbildner Tom Grasshof. Anfangs habe er gezögert. Eine Amateurbühne entspreche nicht unbedingt dem Karriereweg, den er sich damals vorgestellt habe. Doch dann sah er dort „The Prom“ und war begeistert. „Ich habe lange keine so starke Theaterproduktion mehr gesehen.“
Das Niveau in Kloster Oesede habe ihn überrascht. Plötzlich sei die Frage nicht mehr gewesen, ob die Bühne seinen Ansprüchen genüge, sondern ob er selbst den hohen Erwartungen gerecht werden könne. Nach „Kein Pardon“ im vergangenen Jahr inszeniert er nun seine zweite Produktion an der Waldbühne.
Herzblut statt Hauptberuf
Besonders beeindruckt ihn die Arbeitsweise der Waldbühne: „Hier arbeiten Menschen mit unglaublichem Herzblut.“ Ob Requisite, Kostüm, Maske, Technik – viele Beteiligte investieren ihre gesamte Freizeit in das Projekt. Diese Begeisterung spüre man überall. Während Theater für Profis manchmal auch einfach nur Beruf sei, erlebe er hier eine besondere Hingabe.
Genau diese Hingabe ist nötig. Seit Januar laufen die Proben. Geprobt wird vor allem von Donnerstag bis Sonntag, häufig den ganzen Samstag über. Die Planungen müssen sich an Berufe, Studium, Schule und Familienleben anpassen. Hinzu kommt die Besonderheit der Waldbühne: Das Musical teilt sich die Infrastruktur mit dem Familienstück „Shrek“.
Das ist an diesem Abend unmittelbar sichtbar. Der grüne Sumpf aus dem Märchenmusical wird nicht verschwinden. Er muss auch das Essen der Nachkriegszeit darstellen. Niemeyer lächelt, wenn er über solche Herausforderungen spricht. Schwierigkeiten scheinen ihn eher anzuspornen.

Wie bringt man Fußball auf die Bühne?
Das gilt besonders für die wohl größte Aufgabe des Stücks: Fußball auf die Bühne zu bringen. „Wir verfügen nicht über riesige LED-Wände oder technische Effekte wie die große Musicalproduktion damals in Hamburg“
Deshalb begann die Suche nach Lösungen bereits im Januar. Entstanden sei eine Mischung aus Zuschauerreaktionen, choreografierten Aktionssequenzen, kurzen Spielszenen und einigen Originalspielzügen.
Wichtig war ihm vor allem eines: Das Finale von Bern soll stets präsent bleiben. „Deshalb taucht der Ball immer wieder auf und durchzieht die Inszenierung wie ein roter Faden.“ Dass die Geschichte dabei weit über den Fußball hinausgeht, zeigt sich für Niemeyer besonders in der Figur des Vaters Richard Lubanski. Dessen Entwicklung liegt ihm sichtbar am Herzen.
Besonders wichtig ist ihm das Lied „Die Krähe“, das in einer bearbeiteten Fassung zunächst nicht enthalten war. Niemeyer setzte sich dafür ein, es im Stück zu behalten. Denn in dem Lied würden Gefühle sichtbar, die ein Mensch während der Kriegsgefangenschaft erlebt: Angst, Verzweiflung, Stolz und Misstrauen. Die Symbolik müsse das Publikum gar nicht bewusst entschlüsseln. Entscheidend sei die emotionale Wirkung.
Wenn die Kinder singen
Und dann spricht er von den Kindern im Ensemble. Für einen Moment wirkt der Regisseur beinahe gerührt. „Wenn sie im Opening oder später ,Wir beide werden groß sein‘ singen, bekomme ich regelmäßig Tränen in den Augen.“ Ihre Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit träfen den Ton der Geschichte auf besondere Weise.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Bernard Niemeyer zwischen „Dear Evan Hansen“, das er parallel in Bonn inszenierte, und „Das Wunder von Bern“ trotz aller Unterschiede einen gemeinsamen Kern erkennt. Beide Stücke erzählten von Menschen, die Fehler machen, nach Zugehörigkeit suchen und lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen.
Starkes Gemeinschaftsgefühl
Als auf der Bühne die ersten Darstellerinnen und Darsteller zur Probe zusammenkommen, richtet sich sein Blick wieder nach vorn. Gleich beginnt die Arbeit. Was er aus der Produktion mitnimmt, beantwortet er ohne Zögern: „Ich nehme vor allem das starke Gemeinschaftsgefühl mit.“
Es ist dieselbe Antwort, die er sich auch für das Publikum wünscht. Die Geschichte vom WM-Sieg 1954 soll nicht nur an einen historischen Triumph erinnern. Sie soll daran erinnern, dass große Dinge nur gemeinsam entstehen.
„Wir alle sind unterschiedlich, wir haben verschiedene Meinungen. Aber wir brauchen einen gemeinsamen Nenner“, sagt Bernard Niemeyer und schaut wieder zur Bühne. Und da ist es wieder, dieses Funkeln in den Augen des Regisseurs. In seinen Gedanken scheint das Endspiel von Bern bereits begonnen zu haben.
Text: Dominik Lapp

