„Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede (Foto: Dominik Lapp)
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Zwischen Fußballfieber und Familiendrama: „Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede

Mit „Das Wunder von Bern“ wagt sich die Waldbühne Kloster Oesede an ein Musical, das weit mehr ist als eine Rückschau auf den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Platz in einer neuen Gesellschaft sucht. Die sporthistorische Sensation bildet zwar den Rahmen, doch entscheidend bleibt das private Ringen um Versöhnung, Vertrauen und einen Neuanfang. Dass die Produktion dabei überzeugt, liegt vor allem an einer klugen Regie, einem spielfreudigen Ensemble und der musikalischen Qualität.

Nach Katzweiler, Hamm-Heessen, Hallenberg und Porta Westfalica handelt es sich um die fünfte Open-Air-Produktion des Musicals. Wie auf den anderen Freilichtbühnen auch, kommt in Kloster Oesede nicht die bekannte Hamburger Fassung zur Aufführung. Jannis Leisengang entwickelte eigens für Amateur-Freilichtbühnen eine auf rund zwei Stunden gestraffte Version, die mit dem ursprünglichen Buch von Gil Mehmert nur noch wenige Gemeinsamkeiten besitzt. Dialoge entstehen neu, etliche Musiknummern entfallen. So wird aus dem Lied „Die großen Spiele“ zwischen Mattes und Helmut Rahn lediglich eine gesprochene Szene. Auch Titel wie „Kannst du denn wirklich nur an Fußball denken“ oder „So wird dat nie wat“ sucht man vergeblich.

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Darüber hinaus verschiebt sich die Dramaturgie deutlich: Während der erste Teil fast ausschließlich die familiären Konflikte in den Mittelpunkt rückt, gewinnt der Fußball erst nach der Pause an Gewicht. Selbst der schwungvolle Titel „Seien sie nicht so deutsch“, in der Originalfassung als Abschluss des ersten Akts gesetzt, eröffnet hier stattdessen den zweiten Teil.

„Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede (Foto: Dominik Lapp)

Grundsätzlich ist eine Straffung zu begrüßen, weil das Buch der Hamburger Fassung definitiv unter Längen leidet. Leisengangs Bearbeitung beseitigt diese allerdings nicht immer mit glücklicher Hand – und gerade, dass so viel von Martin Lingnaus fantastischer Musik dem Rotstift zum Opfer gefallen ist, erweist sich als dicker Wermutstropfen.

Nachdem die Waldbühne Kloster Oesede seit Jahren ein für eine Amateurbühne beachtliches Niveau erreicht und sich auch komplexeren Stoffen erfolgreich stellt, drängt sich die Frage auf, weshalb ihr nicht die vollständige Fassung von Gil Mehmert anvertraut wird. Umso erfreulicher ist es, dass Regisseur Bernard Niemeyer sich erfolgreich dafür eingesetzt hat, Richards Lied „Die Krähe“ wieder in die Produktion aufzunehmen. Dieses musikalische Selbstbekenntnis gehört zu den Schlüsselmomenten der Handlung und verleiht der Figur die notwendige Kontur.

Niemeyer entwickelt eine Inszenierung, die sich durch hohes Tempo, starke Bildsprache und feines Gespür für zwischenmenschliche Konflikte auszeichnet. Immer wieder entstehen eindrucksvolle Tableaus, die den familiären Zusammenhalt ebenso sichtbar machen wie die tiefen Risse innerhalb der Nachkriegsgesellschaft. Dabei schöpft er die Möglichkeiten seines Ensembles konsequent aus, führt die Mitwirkenden mit sicherer Hand und lässt glaubwürdige Figuren entstehen, deren Beziehungen jederzeit nachvollziehbar bleiben.

„Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede (Foto: Dominik Lapp)

Einen erheblichen Anteil daran haben auch Larissa Fühner und Marieke Börger mit ihrer abwechslungsreichen Choreografie. Vor allem Annettes schwungvolle Nummer „Da muss man doch gewesen sein“ entwickelt eine mitreißende Dynamik, ebenso das große Ensemblelied „Seien sie nicht so deutsch“, dessen Bewegungsabläufe den satirischen Unterton wirkungsvoll unterstreichen.

Besonders eindrucksvoll gelingt jedoch die Darstellung des legendären WM-Endspiels. Während die Hamburger Großproduktion mit einer riesigen LED-Wand und aus der Vogelperspektive gezeigten Spielzügen arbeitete, findet Kloster Oesede eine ebenso originelle wie theaterwirksame Lösung. Der charakteristische braune Lederball wird stellenweise an einer Stange geführt, wodurch berühmte Spielsituationen detailgetreu rekonstruiert werden können. Die choreografische Gestaltung vermittelt Dynamik und Spannung der Begegnung erstaunlich anschaulich und lässt die technische Raffinesse der Originalproduktion kaum vermissen.

Das Bühnenbild von Tom Grasshof setzt auf eine funktionale Lösung: Die markante Kulisse des grünen Sumpfs aus der Musicalproduktion „Shrek“ dient in „Das Wunder von Bern“ als Hintergrund und verwandelt sich kurzerhand in das Nachkriegs-Essen der 1950er-Jahre. Mit geschickt eingesetzten Möbeln und wenigen Versatzstücken entstehen im Handumdrehen die Wohnung der Familie Lubanski, die Kneipe oder weitere Spielorte. Die Kostüme greifen die Mode der Fünfziger authentisch auf und unterstreichen die jeweiligen Figuren und ihre gesellschaftliche Rolle. So entsteht ein stimmiges Gesamtbild, das die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders überzeugend auf die Bühne bringt.

„Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede (Foto: Dominik Lapp)

Auch musikalisch präsentiert sich die Waldbühne in hervorragender Verfassung. Unter der Leitung von Christian Tobias Müller begleitet eine siebenköpfige Band das Geschehen mit großer Klangfülle und stilistischer Sicherheit. Die eingängigen Kompositionen von Martin Lingnau entfalten dabei ihre Klangfarben sehr ausgewogen.

Im Mittelpunkt steht Tim Schlattmann als Richard Lubanski. Er zeichnet den aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Familienvater keineswegs als eindimensionalen Patriarchen, sondern als innerlich zerrissenen Mann, dessen traumatische Erfahrungen sein gesamtes Handeln bestimmen. Gerade im Song „Die Krähe“ offenbart Schlattmann eindrucksvoll die Verletzlichkeit seiner Figur und verleiht Richard menschliche Größe. An seiner Seite gestaltet Karina Pörtner ihre Christa Lubanski mit großer Wärme und natürlicher Ausstrahlung. Sie hält die Familie zusammen und überzeugt sowohl schauspielerisch als auch stimmlich.

Zum Publikumsliebling entwickelt sich Piet Kröger als Mattes Lubanski. Mit großer Selbstverständlichkeit trägt er den Abend, spielt glaubwürdig, unverkrampft und sympathisch. Seine Darstellung wirkt nie aufgesetzt, sondern besitzt eine Natürlichkeit, die den Jungen sofort ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Auch gesanglich erfüllt er die Anforderungen souverän.

„Das Wunder von Bern“ in Kloster Oesede (Foto: Dominik Lapp)

Arne Thiede verleiht Bruno Lubanski die passende Mischung aus jugendlicher Auflehnung und verletztem Stolz. Seine Konflikte mit dem Vater erhalten dadurch nachvollziehbare Konturen. Jolina Tschirner sorgt als Ingrid Lubanski für frische Akzente und fügt sich harmonisch in das Familiengefüge ein.

Dennis Tschirner gibt Paul Ackermann mit sympathischer Gelassenheit und bildet gemeinsam mit Lea Schulte-Hillen ein überzeugendes Paar. Vor allem Schulte-Hillen ragt deutlich aus dem Ensemble heraus. Ihre Annette verbindet Ausstrahlung, Spielfreude und stimmliche Brillanz auf einem Niveau, das ohne Weiteres professionellen Musicalproduktionen standhält. Ihr großer Auftritt „Da muss man doch gewesen sein“ entwickelt sich zu einem der Glanzpunkte des Abends.

Michael Dreier stattet Bundestrainer Sepp Herberger mit ruhiger Autorität und trockenem Humor aus. Eric Heekenjann verkörpert Helmut Rahn als bodenständigen Fußballer mit Charisma, während Ben Knicker den Mannschaftskapitän Fritz Walter angenehm zurückhaltend interpretiert und damit dessen Führungsqualitäten glaubwürdig vermittelt. Als Putzmaa lockert Gerrit Wesselmann die Handlung mit seinem Song „Seien sie nicht so deutsch“ auf und setzt damit einen komödiantischen Akzent.

Am Ende gelingt der Waldbühne Kloster Oesede eine eindrucksvolle Produktion von „Das Wunder von Bern“, die ihre Qualitäten aus der Ensembleleistung, einer inspirierten Regie und Choreografie sowie einer überzeugenden musikalischen Umsetzung bezieht. Die eigens für Amateurbühnen entwickelte Bearbeitung von Jannis Leisengang bleibt dabei der größte Schwachpunkt des Abends, weil ihre musikalischen Kürzungen zu tief greifen. Dass die Aufführung dennoch so geschlossen wirkt, ist den Mitwirkenden zu verdanken, die mit großem Engagement beweisen, welches Potenzial in dieser Freilichtbühne steckt.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".