„Hello, Dolly!“ in Bad Gandersheim
  by

Angestaubter Stoff, der trotzdem zündet: „Hello, Dolly!“ in Bad Gandersheim

Heiratsvermittlerinnen, die nicht nur fremde Beziehungen arrangieren, sondern gleich die eigene Hochzeit einfädeln, junge Angestellte, die sich ihrem Arbeitgeber nahezu bedingungslos unterordnen, und ein wohlhabender Patriarch, der seine Umwelt nach Gutdünken herumkommandiert: „Hello, Dolly!“ hat es im Jahr 2026 nicht leicht. Das Musical wirkt inhaltlich über weite Strecken wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Was das Stück (Buch: Michael Stewart) letztlich rettet, sind die Songs von Jerry Herman („La Cage aux Folles“) – und bei den Gandersheimer Domfestspielen ein Ensemble, das sich mit großer Spielfreude in diesen nostalgischen Kosmos wirft.

Regisseurin Rita Sereinig entscheidet sich nicht dafür, den Klassiker gegen den Strich zu bürsten oder seine antiquierten Vorstellungen mit heutigen Perspektiven zu konfrontieren. Sie erzählt „Hello, Dolly!“ vielmehr als das, was es historisch ist: eine turbulente Broadway-Komödie, die von Verwechslungen, amourösen Verwicklungen und der Aussicht auf ein Happy End lebt. Das ist legitim, nimmt dem Abend allerdings die Möglichkeit, dem alten Stoff eine neue Ebene abzugewinnen. Die Inszenierung bleibt klassisch und vertraut auf Tempo, Komik und die Wirkung der bekannten Melodien.

Dass daraus ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend wird, ist vor allem auch der Spielfreude des Ensembles zu verdanken. Die Darstellerinnen und Darsteller nehmen die Figuren ernst genug, um sie nicht zur Karikatur verkommen zu lassen, kosten gleichzeitig aber den Boulevard-Charakter der Vorlage genüsslich aus. Dazu kommt die schwungvolle Choreografie von Dominik Müller. Gerade in den Ensembleszenen entwickelt die Produktion eine Energie, die dem etwas betagten Stoff ausgesprochen guttut.

Auch Aylin Kaip versucht gar nicht erst, die Show optisch in die Gegenwart zu holen. Bühnenbild und Kostüme verorten die Geschichte konsequent in der Zeit, in der sie spielt. Das erweist sich als schlüssige Entscheidung, weil die Produktion auf diese Weise eine geschlossene Welt erschafft, statt historische Handlung und moderne Optik gegeneinander auszuspielen. Kaip setzt auf Farbenpracht, opulente Kostüme und ein Bühnenbild, das vor der imposanten Kulisse der Stiftskirche den passenden Rahmen für den Klassiker schafft.

Ihre stärkste Trumpfkarte spielt die Produktion ohnehin dort aus, wo „Hello, Dolly!“ bis heute erstaunlich wenig Staub angesetzt hat: musikalisch. Jerry Herman versteht es meisterhaft, Melodien zu schreiben, die unmittelbar ins Ohr gehen und zugleich eine enorme theatrale Wirkung entfalten. Unter der Musikalischen Leitung von Ferdinand von Seebach bekommen die Songs Frische und Schwung. Die kleine Band versucht nicht, einen großen Orchesterklang zu imitieren, sondern nutzt ihre kompakte Besetzung als Stärke. Das klingt agil, lebendig und stellenweise angenehm jazzig.

Im Zentrum steht natürlich Dolly Gallagher Levi – und Nadine Kühn weiß sehr genau, was diese Rolle verlangt. Dolly ist Heiratsvermittlerin, Geschäftsfrau, Strippenzieherin und Entertainerin in Personalunion. Vor allem aber braucht sie eine Darstellerin, die in dem Moment, in dem sie die Bühne betritt, deren Zentrum beanspruchen kann. Kühn besitzt diese Präsenz. Sie führt mit Charme, komödiantischem Gespür und großer Selbstverständlichkeit durch den Abend, ohne Dolly zur bloßen Rampensau zu machen. Ihre Figur weiß meist längst, was geschehen wird, während die anderen noch glauben, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden. Ihr Gegenüber findet sie in Dominik Müller als Horace Vandergelder. Er zeichnet den wohlhabenden Geschäftsmann als herrlich knorrigen Patriarchen, dessen vermeintliche Autorität zunehmend ins Wanken gerät.

Christoph Gründinger sorgt als Cornelius Hackl für einen weiteren starken Akzent. Sein Cornelius stürzt sich mit einer Mischung aus Naivität, Übermut und wachsender Entschlossenheit ins Abenteuer außerhalb von Vandergelders Geschäft. Stephan Luethy ergänzt ihn als Barnaby Tucker mit quirliger Spielfreude und viel komödiantischem Instinkt. Das Duo funktioniert besonders gut, wenn sich die beiden Männer immer tiefer in Situationen hineinmanövrieren, die sie längst nicht mehr kontrollieren können.

Lisa Radl gibt Irene Molloy Wärme, Eleganz und Selbstbewusstsein. Sie macht deutlich, dass Irene mehr sein möchte als das Objekt männlicher Heiratsabsichten, auch wenn das Buch ihr dafür nur begrenzten Raum lässt. Theresa Löhle bringt als Minnie Fay temperamentvolle Frische ins Spiel und bildet mit Radl ein bestens harmonierendes Gespann.

Felicia Aimée und Lukas Baeskow haben als Ermengarde und Ambrose Kemper nur wenig Gelegenheit, ihre Figuren auszubauen, nutzen ihre Auftritte aber mit Charme und Verve. Pauline Schubert schließlich setzt als Ernestina Money einen komödiantischen Farbtupfer und nutzt die dankbare Rolle wirkungsvoll für einige zusätzliche Lacher.

So entsteht bei den Gandersheimer Domfestspielen ein eigenartiger Gegensatz: Das Musical selbst erzählt von einer Welt, deren gesellschaftliche Regeln heute kaum noch interessieren und bisweilen sogar befremden. Rita Sereinig versucht nicht, diesen Widerspruch aufzulösen. Stattdessen vertraut sie darauf, dass „Hello, Dolly!“ als gut geölte Unterhaltungsmaschine noch immer funktioniert. Das tut es – allerdings weniger wegen Michael Stewarts Buch, sondern wegen Jerry Hermans Musik und der Menschen auf der Bühne.

Text: Christoph Doerner

Avatar-Foto

Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.