„Titanic“ in Chemnitz
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Cineastische Inszenierung: „Titanic“ in Chemnitz

Das Ende kennt jeder. Und doch gelingt es dem Musical „Titanic“, die Katastrophe des berühmtesten Passagierschiffs der Welt als spannendes Bühnendrama zu erzählen. Am Opernhaus Chemnitz wird das Werk von Maury Yeston (Musik und Songtexte) und Peter Stone (Buch) zu einem großen Gesellschaftspanorama, in dem nicht nur die letzten Stunden der „Titanic“ im Mittelpunkt stehen, sondern vor allem die Menschen, ihre Hoffnungen, ihre sozialen Unterschiede und ihre Entscheidungen. Regisseur und Choreograf Till Nau erzählt diese Geschichte mit sicherem Gespür für Tempo, Atmosphäre und Figurenführung. Seine Inszenierung ist auffallend cineastisch: Die Szenen wechseln wie Einstellungen eines Films, während sich aus vielen Einzelgeschichten ein immer dichteres Gesamtbild formt.

Nau macht dabei deutlich, dass die Passagiere keineswegs mit denselben Vorstellungen an Bord gehen. Für die Menschen der ersten Klasse ist die Überfahrt gesellschaftliches Ereignis und Demonstration von Wohlstand, für andere bedeutet die Reise den Aufbruch in ein neues Leben. Wieder andere arbeiten an Bord und erleben das Schiff aus einer ganz anderen Perspektive. Aus diesen unterschiedlichen Zielen und Erwartungen gewinnt die Inszenierung einen wesentlichen Teil ihrer Spannung. Die „Titanic“ wird so nicht allein zum Schauplatz einer Katastrophe, sondern zum schwimmenden Abbild einer Gesellschaft, in der Stand, Geld und Herkunft über den Alltag entscheiden.

Dazu kommt eine Bühne von Momme Hinrichs, die den gewaltigen Anspruch des Stoffes mit erstaunlicher Leichtigkeit erfüllt. Über der Spielfläche schwebt das Krähennest, die Gangway führt zu Beginn scheinbar direkt hinein in das Schiff, einzelne Möbelstücke markieren Salon, Kabinen und andere Räume. Im Kesselraum glühen die Öfen, auf der Brücke wird die nautische Dimension der Reise sichtbar. Besonders stark sind die Videoprojektionen: Meer, Himmel und Sterne schaffen Bilder von großer Weite und lassen die Bühne immer wieder aus ihrer räumlichen Begrenzung ausbrechen. Beim Untergang gerät das Promenadendeck in Schräglage – ein vergleichsweise einfaches Mittel, das die Bedrohung körperlich erfahrbar macht.

Conny Lüders stattet die Figuren mit Kostümen aus, die der Zeit und den gesellschaftlichen Positionen entsprechen und das Klassenbild der Inszenierung zusätzlich schärfen. Die Unterschiede zwischen der mondänen ersten Klasse, den Reisenden der dritten Klasse und der Besatzung sind auf Anhieb erkennbar. Gleichzeitig vermeiden die Kostüme den Eindruck einer bloßen historischen Ausstattungsschau: Sie unterstützen die Charakterisierung und fügen sich selbstverständlich in das Gesamtbild ein.

Im Zentrum steht jedoch die Musik von Maury Yeston, die weit mehr bietet als die bekannten dramatischen Momente, die man bei einem Musical über die „Titanic“ erwarten könnte. Yeston verbindet große Ensemblesätze mit kammermusikalisch anmutenden Passagen und lässt unterschiedliche musikalische Farben für die jeweiligen Figuren und Gruppen entstehen. Stolz, Aufbruchsstimmung, persönliche Sehnsüchte und die wachsende Ahnung der Katastrophe finden jeweils ihren eigenen Ausdruck. Benjamin Reiners führt die Robert-Schumann-Philharmonie sicher durch diese anspruchsvolle Partitur. Das Orchester entwickelt Kraft und findet ebenso Raum für die leiseren, intimeren Passagen. Gerade in den großen Steigerungen zeigt sich, wie viel Spannung aus Yestons Musik selbst entsteht.

Eine besondere Stärke des Abends sind die großen Ensembleszenen. Stefan Bilz führt den Chor durch die zahlreichen musikalischen Massenszenen mit großer Geschlossenheit. Das Ensemble wird dabei nicht zum bloßen Hintergrund für die Solistinnen und Solisten, sondern prägt das Geschehen entscheidend mit.

Auch die Besetzung trägt dieses Panorama. Bernhard Hansky gibt Kapitän E. J. Smith Autorität und zugleich eine menschliche Dimension, die die Figur über den reinen Schiffskommandanten hinausführt. Frank Winkels kennt Bruce J. Ismay bereits aus seiner Produktion in Bad Hersfeld und findet nun neue Nuancen für den umstrittenen Reeder. Seine Darstellung macht Ismay nicht zur eindimensionalen Figur, sondern zeigt einen Mann, der zwischen wirtschaftlichen Interessen und persönlichem Ehrgeiz steht.

Lukas Witzel, der in den „Titanic“-Inszenierungen in Erfurt und Mönchengladbach bereits als Funker Harold Bride zu sehen war, übernimmt nun in Chemnitz die Rolle des Schiffskonstrukteurs. Er gestaltet Thomas Andrews gesanglich und schauspielerisch großartig als derjenige, der an die Leistungsfähigkeit seines Schiffs glaubt und zugleich zunehmend mit der Realität seiner Konstruktion konfrontiert wird.

Jannik Harneit als Harold Bride und Lucas Baier als Frederick Barrett verleihen der Besatzung mit Stimme und Spiel eigene Konturen. Karen Helbing und Jakob Ewert geben Alice und Edgar Beane ein Paar, dessen Geschichte exemplarisch für die gesellschaftlichen Spannungen an Bord steht. Anna Langner als Kate McGowan und Felix Santangelo als Jim Farrell bringen die Perspektive der Reisenden der dritten Klasse ein und machen aus deren Aufbruchshoffnungen mehr als eine Randgeschichte.

Gerade darin liegt die Qualität dieser Chemnitzer Produktion: „Titanic“ erzählt nicht einfach die Geschichte eines Schiffs, das untergeht. Till Nau erzählt von Menschen, die glauben, ihre Zukunft noch selbst bestimmen zu können, und setzt ihre persönlichen Geschichten in Beziehung zu einer Gesellschaft, die nach festen Regeln funktioniert. Aus dem prachtvollen Schiff wird ein Ort, an dem soziale Grenzen, persönliche Träume und menschliche Entscheidungen plötzlich eine andere Bedeutung bekommen.

Text: Christoph Doerner

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Nach seinem Studium der Musiktheaterwissenschaft, einem Volontariat sowie mehreren journalistischen Stationen im In- und Ausland, ist Christoph Doerner seit einigen Jahren als freier Journalist, Texter und Berater tätig.