Anna-Lena Handt (Foto: Dominik Lapp)
  by

Interview mit Anna-Lena Handt: „Come from Away hat sehr viele Werte, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten“

Anna-Lena Handt inszeniert mit dem renommierten Musical-Amateurprojekt in Osnabrück das Musical „Come from Away“. Das Stück erzählt die wahre Geschichte von 38 Flugzeugen, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf der kanadischen Insel Neufundland landen mussten. Im Interview spricht die Regisseurin über die besondere Herausforderung, die komplexe Geschichte für eine Amateurbühne umzusetzen, die Entstehung der Inszenierung und die zentrale Botschaft des Musicals.

Wie ist das Musical „Come from Away“ auf eure Auswahlliste gekommen?
Das Stück war schon öfter auf unserer Liste. Allerdings stand zunächst beim Verlag, dass es nur für Profis freigegeben ist. Wir haben dann gefragt, ob wir es als Amateurbühne spielen dürfen. Für uns war besonders interessant, dass es so viele eigenständige Rollen gibt und nicht einfach ein großes Ensemble, bei dem viele Menschen keine eigene Geschichte haben.

Was hat dich als Regisseurin an dem Stück gereizt?
Ich mag Stücke mit etwas mehr Inhalt und Themen, die über das reine Erzählen einer Geschichte hinausgehen. „Come from Away“ hat sehr viele Werte, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten. Da geht es um Menschlichkeit, Gemeinschaft und darum, was Menschen in einer schwierigen Situation füreinander tun können.

Die Geschichte basiert auf realen Ereignissen. Wie wichtig war es dir, diese Realität auf der Bühne zu bewahren?
Sehr wichtig. Die Autoren sind damals nach Neufundland geflogen und haben mit den Menschen gesprochen, die das alles selbst erlebt hatten. Sie haben Interviews geführt und sich sehr eng an deren Geschichten gehalten. Natürlich wurden manche kleinen Geschichten im Musical anderen Personen zugeordnet. Aber die Situationen und Erlebnisse, die erzählt werden, sind tatsächlich passiert. Genau das finde ich so spannend.

Was macht die Geschichte 25 Jahre später für dich so besonders?
Es ist schon krass, dass das jetzt 25 Jahre her ist und wie sehr sich die Welt seitdem verändert hat. Damals hatten längst nicht alle ein Handy. Die Menschen konnten nicht einfach zu Hause Bescheid sagen oder mitteilen, wo sie gelandet waren. Im Musical ist der Wunsch, wieder nach Hause zu kommen, ein großes Thema. Die Menschen in Neufundland wollten eigentlich nur nach Hause und mussten stattdessen erst einmal bleiben. Auch viele Dinge, die wir heute vom Fliegen kennen, gab es damals noch nicht. Die Sicherheitskontrollen waren anders, die Mengenbegrenzungen für Flüssigkeiten gab es noch nicht. Das macht es interessant, sich anzuschauen, wie die Situation damals tatsächlich war. Für mich hat die Geschichte deshalb noch einmal eine andere Ebene. Hier basiert alles auf realen Menschen und realen Erlebnissen.

„Come from Away“ erzählt sehr schnell und mit vielen Figuren. Ist das nicht auch eine Herausforderung für das Publikum?
Ja, durchaus. Ich habe mir Gedanken gemacht, ob das Stück Menschen überfordern könnte, die vielleicht selten oder sogar zum ersten Mal ins Theater gehen. Es ist sehr schnell erzählt, mit vielen Menschen und schnellen Wechseln. Man muss ständig verstehen, was gerade passiert. Aus dem Grund gibt es vor der Vorstellung auch eine kleine Einführung.

Das hohe Tempo dürfte auch für eure Darstellerinnen und Darsteller eine Herausforderung sein, oder?
Ja, absolut. Es ist kein einfaches Musical. Die Informationen kommen unglaublich schnell, und viele Dialoge liegen direkt auf komponierter Musik. Teilweise müssen die Darstellenden deshalb sehr schnell sprechen. Das hat uns in den Proben gefordert. Im Vergleich zu anderen Stücken hatte ich bei der Inszenierung wenig Möglichkeiten, Emotionen langsam aufzubauen. Wenn ich bei Amateuren merke, dass eine Emotion wie Wut noch nicht richtig da ist, kann ich normalerweise über Bewegung oder andere spielerische Mittel helfen. Hier gibt es dafür kaum Zeit. Wir haben deshalb sehr viel geübt. Die Situation muss auf den Punkt da sein. Nicht erst langsam aufbauen und hineinfinden, sondern: zack, da ist sie.

Das Bühnenbild kommt ohne große Umbauten aus. Wie funktioniert das?
Das ist bereits im Textbuch vorgegeben. Dort steht, dass die verschiedenen Räume mit Stühlen dargestellt werden sollen. Es gibt keine großen Umbauten. Ein Stuhl wird anders hingestellt oder jemand setzt eine Mütze auf – und plötzlich ist die Person jemand anderes oder wir befinden uns in einem anderen Raum.

Wie viel Raum bleibt dir bei einer so stark vorgegebenen Form für eine eigene Inszenierung?
Schon ziemlich viel. Das Original ist für sechs Männer und sechs Frauen geschrieben. Wir haben aber die Erlaubnis bekommen, das Stück mit 27 Darstellenden zu inszenieren. Dadurch konnten wir ganz anders arbeiten als beispielsweise am Broadway, wo die Mitwirkenden ständig mehrere Rollen übernehmen. Trotzdem war die Arbeit stark durch das Stück vorgegeben. Bei „Come from Away“ funktioniert es kaum, einzelne Szenen unabhängig voneinander zu proben. Wir mussten sehr chronologisch arbeiten, weil immer klar sein musste, wo genau die einzelnen Personen stehen und wie eine Situation in die nächste übergeht. Deshalb musste ich auch sehr eng mit der Choreografin Mareike Dieluweit zusammenarbeiten. Wir mussten ständig schauen: Wo endet ihre Choreografie? Wo beginnt meine Szene? Wo überschneiden sich die beiden Bereiche? Teilweise gibt es gar keinen erkennbaren Schnitt. Auch mit dem Musikalischen Leiter Dennis Brause habe ich sehr eng gearbeitet, weil die Musik den Rhythmus der Szenen vorgibt.

Das zentrale Thema ist die Gemeinschaft. Wie wichtig war das für deine Inszenierung?
Sehr wichtig. Wie werden aus Fremden Freunde? Wie können Menschen durch ein gutes Miteinander auch schwierige Situationen bewältigen? Allein kann hier niemand etwas machen. Das Stück ist ein Gemeinschaftsstück. Das sollte auch unsere Inszenierung widerspiegeln.

Ihr habt außerdem mehr Choreografie eingebaut als in der Originalinszenierung. Warum?
Wir schauen bei jeder Produktion auch auf unser Casting: Welche Menschen haben wir? Was können sie? Was möchten sie? Viele unserer Darstellenden haben gesagt, dass sie nicht nur im Ensemble stehen möchten, sondern eine Rolle haben wollen, die etwas erzählt. Gleichzeitig wollten einige auch gerne tanzen. Also haben wir überlegt, wo wir diese Wünsche sinnvoll integrieren können. Das Musical hat natürlich ohnehin tänzerische Elemente, aber keine großen Choreografien. Wir haben deshalb geschaut, wo zusätzliche Bewegung passt, ohne dass das Stück unstimmig wirkt.

Wie habt ihr eure Ausstattung im Vergleich zu anderen Inszenierungen entwickelt?
Ich habe die Regensburger Inszenierung bei einem Gastspiel in München gesehen, die sehr puristisch mit Stühlen arbeitet. Auch in Linz ist die Ausstattung ähnlich reduziert. Am Broadway gibt es dagegen eine Holzwand und Bäume, die die Landschaft Neufundlands darstellen. Wir wollten etwas Eigenes entwickeln. Bei uns stehen deshalb Türen und Fenster im Mittelpunkt. Das hat mit der Gastfreundschaft zu tun, die für uns ein ganz wichtiges Thema ist. Die Menschen in Gander haben ihre eigenen Zimmer als Gästezimmer freigeräumt und Fremde einfach bei sich aufgenommen.

Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung eurer Inszenierung?
Eine Herausforderung war zunächst das Bühnenbild. Die Türen und Fenster mussten miteinander verbunden werden. Wir haben zwar ein Lager, in dem wir bauen können, aber das war nicht groß genug und die Decken waren zu niedrig. Deshalb haben wir nach einer Halle gesucht. Die größte Herausforderung war aber wahrscheinlich die Probensituation. Bei diesem Stück braucht man eigentlich immer alle. Natürlich gibt es auch bei uns Abmeldungen. Normalerweise kann man dann sagen: Wenn die Hauptrolle heute nicht da ist, proben wir diese Szene einfach nächste Woche. Bei „Come from Away“ funktioniert das nicht so einfach, weil alles miteinander verbunden ist. Dadurch mussten viele Darstellenden sehr viel bei den Proben dabei sein, auch wenn sie nicht permanent im Mittelpunkt standen.

Was soll das Publikum am Ende aus dem Theater mitnehmen?
Ich wünsche mir vor allem dieses Gemeinschaftsgefühl. Wenn das Publikum nach der Vorstellung ein bisschen mehr das Gefühl hat, dass Menschlichkeit, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung wichtig sind, dann wäre das für mich schon sehr viel.

Interview: Dominik Lapp

Avatar-Foto

Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".