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Kritisch betrachtet: Musical ohne Brimborium – geht das noch?

Für die Stuttgarter Neuinszenierung von „Tanz der Vampire“ soll offenbar eine Firma Flugszenen entwickeln. Bei „Tarzan“ schwingen die Darstellerinnen und Darsteller ohnehin längst durch den Zuschauerraum, bei „Zurück in die Zukunft“ hebt ein DeLorean ab und bei „Aladdin“ sollen Menschen schon mal ihr Geld zurückgefordert haben, weil der fliegende Teppich in einer Szene nicht funktionierte.

Man kann das alles großartig finden. Ich tue es durchaus. Ich mag die Flugszenen in „Tarzan“, und natürlich ist der DeLorean das zentrale Element in „Zurück in die Zukunft“. Wenn Technik dazu beiträgt, eine Geschichte zu erzählen, eine Illusion zu erzeugen oder einen Moment im Theater unvergesslich zu machen, hat sie ihre Berechtigung. Nur frage ich mich zunehmend: Wann ist aus dem Mittel der eigentliche Inhalt geworden?

Wir sind ein Publikum, das Kino gewohnt ist. Wir kennen digitale Welten, computergenerierte Monster, explodierende Autos und Kamerafahrten, die uns in Sekunden an jeden Ort der Welt bringen. Ein Musical kann dagegen nicht einfach die Perspektive wechseln. Also muss es offenbar immer öfter selbst zum Effektkino werden: höher, schneller, größer, spektakulärer.

Die Auflösung der Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, die vor 40 Jahren bei „Cats“ und „Starlight Express“ noch ein Novum war, ist inzwischen fast zum Standard geworden. Kaum eine große Musicalproduktion kommt noch ohne Darstellerinnen und Darsteller aus, die durch den Saal laufen. Kaum ein Showkonzept, bei dem das Publikum nicht irgendwo mit einbezogen wird. Selbst der klassische Theatervorhang verschwindet immer häufiger. Stattdessen blickt man schon beim Saaleinlass auf die offene Bühne, auf die Kulisse, auf Requisiten und manchmal sogar auf bereits spielende Menschen. Der Zauber soll offenbar schon beginnen, bevor die eigentliche Vorstellung beginnt.

Bei „Moulin Rouge“ ist mir das alles zu viel: zu viel Ausstattung, zu viel 360 Grad, zu viel Immersion. Denn da liegt für mich das Problem: Wenn ständig etwas passiert, wird das Außergewöhnliche irgendwann gewöhnlich. Denn ein Effekt kann nur dann staunen lassen, wenn er nicht zur Pflichtübung geworden ist.

Und je mehr Technik auf der Bühne steckt, desto größer wird auch die technische Angriffsfläche. Wo früher eine Schauspielerin, ein Kostüm und ein Bühnenbild ausreichten, können heute Dutzende Systeme zusammenspielen müssen. Fällt eines davon aus, stoppt im schlimmsten Fall die ganze Show.

„Starlight Express“ kennt solche Momente: Wenn die berühmte Brücke nicht so funktioniert, wie sie soll, kann aus der spektakulären Rennbahn plötzlich eine völlig andere Show werden, was immer wieder zu Unmut beim Publikum führt. Bei „Zurück in die Zukunft“ gehört sogar ein eigener Hinweis dazu: Auf dem Vorhang heißt es bei einem technisch bedingten Showstopp dann sinngemäß, man müsse das „Raum-Zeit-Kontinuum neu kalibrieren“.

Das ist charmant formuliert und macht aus einer technischen Panne einen Teil der Show. Aber es zeigt eben auch die Kehrseite des technischen Wettrüstens: Je mehr eine Inszenierung von komplizierten Maschinen, Flugvorrichtungen, beweglichen Bühnen und Spezialeffekten abhängig ist, desto mehr kann davon auch schiefgehen. Die Technik erzeugt einerseits die Illusion und kann sie andererseits zerstören.

Noch etwas verändert sich dadurch: die wirtschaftliche Logik des Musicals. Jede zusätzliche technische Sensation kostet Geld. Alles muss entwickelt, gebaut, gewartet und betrieben werden. Gleichzeitig steigen die Ticketpreise. Wenn das Publikum bereit sein soll, für eine Eintrittskarte 150, 200 oder noch mehr Euro auszugeben, muss offenbar auch etwas für diesen Preis sichtbar geliefert werden.

Die Menschen sehen den Ticketpreis und suchen nach dem Gegenwert. Großes Bühnenbild? Check. Fliegendes Auto? Check. Mitwirkende im Zuschauerraum? Check. Fotopoint im Foyer? Check. Noch ein Effekt? Gerne.

So entsteht eine Spirale: Je mehr das Ticket für eine Produktion kostet, desto mehr muss sie bieten. Je mehr sie bietet, desto mehr erwartet das Publikum beim nächsten Mal. Und je höher die Erwartungen, desto schwerer wird es, eine Produktion allein mit dem zu verkaufen, was Theater ursprünglich ausmacht.

Dabei ist Theater eigentlich ein ziemlich verrücktes Geschäftsmodell. Man stellt Menschen auf eine Bühne und lässt sie dort spielen, singen und tanzen. Anders als beim Film, kann hier kein Schnitt einen schiefen Ton verschwinden lassen. Kein Computer kann den Moment ersetzen, in dem eine Darstellerin vor einem sitzt und etwas unmittelbar entstehen lässt. Das ist für mich der eigentliche Zauber.

Man kann diesen Zauber sogar mit erstaunlich wenig erzeugen. „Chicago“ ist dafür ein gutes Beispiel. Schwarze Kostüme, ein reduziertes Bühnenbild, ein Orchester auf der Bühne – daraus lässt sich ein Musicalabend von enormer Kraft machen. Nur zeigt gerade „Chicago“, wie sehr sich unsere Sehgewohnheiten verändert haben. Als in Stuttgart einst die reduzierte Broadway-Inszenierung zu sehen war, las man im Netz von Leuten, die sich um ihr Geld betrogen fühlten, weil es kaum Bühnenbild gab und die Kostüme überwiegend schwarz waren – und weil die Show ohne Effekte auskommt.

Das ist bemerkenswert. Nicht, weil diese Zuschauerinnen und Zuschauer zwangsläufig falsch liegen. Wer viel Geld für eine Eintrittskarte bezahlt, darf selbstverständlich Erwartungen haben. Aber offenbar wird der Wert einer Musicalproduktion zunehmend auch daran gemessen, wie viel man für sein Geld sehen kann. Und genau da wird es gefährlich. Denn wenn Ausstattung, Technik und Effekte zum Maßstab für den Ticketpreis werden, gerät das Entscheidende aus dem Blick: Wie gut ist eigentlich das Stück?

Nehmen wir „Zurück in die Zukunft“. Viele Menschen werden den Film kennen. Sie wissen, dass es in dem Musical um eine Zeitmaschine geht. Aber wer kann spontan sagen, wer die Musik geschrieben hat? Oder bei „& Julia“: Wer kennt den Namen des Komponisten? Nicht wenige werden vermutlich eher sagen: Das ist doch das Musical mit den großen Pop-Hits.

Vielleicht ist das nicht schlimm. Aber es erzählt etwas darüber, wo die Aufmerksamkeit inzwischen liegt. Wir erinnern uns an das Auto, den fliegenden Teppich, die Vampire, die schwebende Hexe, die spektakuläre Bühne. Die Namen der Menschen, die diese Welten musikalisch und textlich geschaffen haben, verschwinden dahinter immer mehr.

Das Wow dominiert. Und das Wow ist natürlich verführerisch. Auch ich sitze gerne im Zuschauerraum und denke: Wie zum Teufel haben die das gerade gemacht? Aber ein solcher Moment darf für mich nicht der Grund sein, warum ich ins Theater gehe. Er sollte die Geschichte unterstützen, nicht ersetzen.

Denn wenn man das ganze Brimborium wegnimmt, zeigt sich manchmal etwas Ernüchterndes: Ein mittelmäßiges Buch bleibt ein mittelmäßiges Buch. Dahinplätschernde Musik wird durch eine Projektion nicht plötzlich großartig. Und ein buchbedingt schwacher Charakter wird nicht interessanter, nur weil er über die Köpfe des Publikums hinwegfliegt.

Vielleicht sollten wir deshalb wieder etwas mehr Mut zur Lücke haben. Mut zum schwarzen Kostüm. Zum leeren Bühnenraum. Zum Vorhang. Zu Menschen, die einfach spielen, singen und tanzen. In einem Moment, in dem nichts fliegt.

Das bedeutet nicht, dass Musicals auf Technik verzichten sollen. Im Gegenteil: Gute Technik kann Theatermagie erzeugen. Aber Magie entsteht nicht automatisch dadurch, dass immer mehr Technik eingesetzt wird.

Manchmal reicht ein Mensch auf einer Bühne – gerade in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz unser Leben immer mehr dominiert. Und vielleicht ist genau das – der Mensch – der größte Wow-Effekt, den das Musical nicht vergessen sollte.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".