Musical „Cats“ (Foto: Dominik Lapp)
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Vier Jahrzehnte auf Samtpfoten: Wie das Musical „Cats“ die deutsche Theaterlandschaft veränderte

Die Nacht vom 18. April 1986 markiert einen Wendepunkt in der deutschen Theaterlandschaft. Was damals im Hamburger Operettenhaus Premiere feierte, wirkte zunächst wie ein gewagtes Experiment: ein durchkomponiertes Musical ohne klassische Handlung, basierend auf Gedichten von T. S. Eliot, mit kostümierten Darstellerinnen und Darstellern als Katzen. Heute – 40 Jahre später – ist klar, dass Andrew Lloyd Webbers „Cats“ nicht nur ein Publikumserfolg wurde, sondern eine ganze Branche neu definierte.

Musical war in Deutschland keineswegs Neuland. Schon lange vor den 1980er-Jahren gab es ambitionierte Produktionen, vor allem in Berlin am Theater des Westens. Dort wurden internationale Erfolge adaptiert und deutschsprachige Fassungen gepflegt, oft als Teil eines wechselnden Spielplans. Musical war jedoch ein Bestandteil des Repertoires, kein eigenständiges Geschäftsmodell. Produktionen liefen für begrenzte Zeit, dann folgte das nächste Stück. Ein dauerhafter Spielbetrieb mit nur einer Show – das war in Deutschland bis dahin unüblich.


Die Ankunft eines Phänomens

Als „Cats“ nach Deutschland kam, war es international bereits ein Triumph. In London, wo es 1981 uraufgeführt wurde, und in New York hatte das Stück neue Maßstäbe gesetzt. Doch der Transfer nach Hamburg war keineswegs risikofrei. Produzent Friedrich Kurz setzte auf ein Konzept, das hierzulande noch unbekannt war: den so genannten Ensuite-Betrieb. Ein Theater, eine Produktion, jeden Abend, über Jahre hinweg.

Andreas Wolfram als Rum Tum Tugger im Musical „Cats“ (Foto: Dominik Lapp)
Andreas Wolfram spielte in Hamburg den Rum Tum Tugger (August 1999).

Das Operettenhaus wurde umgebaut, um die immersive Welt der Jellicle-Katzen zu schaffen. Die Bühne, ein überdimensionaler Schrottplatz, reichte bis in den Zuschauerraum, das Publikum wurde Teil des Geschehens.

Holpriger Start und verschenkte Tickets

Doch die ersten Wochen nach der Premiere verliefen alles andere als glanzvoll. Das Publikum reagierte verhalten, viele wussten nicht, was sie erwartete. Ein Musical, mehrmals die Woche – das kannte man nicht. Und überhaupt: Bei „Cats“ fehlte die klassische Handlung, die Figuren sangen und tanzten vielmehr, als dass sie eine lineare Geschichte erzählten. Für ein Publikum, das an Oper, Operette oder traditionelle Musicals gewöhnt war, war das gewöhnungsbedürftig.

Die Situation spitzte sich so weit zu, dass Tickets 1986 in der Hamburger Innenstadt verschenkt wurden, um das Theater zu füllen. Eine Maßnahme, die Friedrich Kurz zwei Jahre später beim ebenfalls mit Startschwierigkeiten anlaufenden „Starlight Express“ in Bochum wiederholen musste und die heute fast absurd wirkt angesichts der späteren Erfolgsgeschichte beider Musicals sowie der inzwischen teilweise horrenden Preise, die für Musicaltickets aufgerufen werden. Doch genau diese Herausforderungen zeigen, wie groß die kulturelle Umstellung war, die eine Show wie „Cats“ verlangte.

Marco Krämer als Skimbleshanks im Musical „Cats“ (Foto: Dominik Lapp)
Marco Krämer als Skimbleshanks im Hamburger Operettenhaus (November 1999).

Der Durchbruch und ein neues Publikum

Der Wendepunkt kam schleichend. Mundpropaganda setzte ein, die Inszenierung wurde als etwas völlig Neues wahrgenommen. Besonders das Lied „Erinnerung“ entwickelte sich zu einem emotionalen Anker, der auch skeptische Menschen erreichte. Mit der Zeit füllten sich die Reihen, „Cats“ wurde 15 Jahre lang zum Dauerbrenner am Hamburger Spielbudenplatz.

Entscheidend war, dass das Musical ein neues Publikum anzog. Menschen, die sonst nicht regelmäßig ins Theater gingen, entdeckten die Show als Event. Der Theaterbesuch wurde weniger bildungsbürgerliche Pflicht, sondern Freizeitvergnügen mit internationalem Flair.

Die Geburt des Ensuite-Modells in Deutschland

Mit dem langfristigen Erfolg von „Cats“ etablierte sich ein völlig neues Produktionsmodell in Deutschland. Der Ensuite-Betrieb bedeutete zwar zunächst einmal hohe Investitionen, doch folgten darauf Planungssicherheit und die Möglichkeit, Produktionen über Jahre hinweg zu spielen. Hamburg wurde zum Zentrum dieser Entwicklung und gilt heute nach New York und London als drittgrößte Musicalmetropole der Welt.

Musical „Cats“ (Foto: Dominik Lapp)
Bei der Zelt-Tournee 2010/2011 übernahm Martin Berger die Rolle des Alt Deuteronimus.

Nach „Cats“ folgten weitere Musicals, die das Modell übernahmen, darunter 1988 „Starlight Express“ in Bochum und 1990 „Das Phantom der Oper“ in Hamburg. Ganze Theaterlandschaften veränderten sich, neue Spielstätten wie das Rhein-Main-Theater in Niedernhausen und das SI-Centrum in Stuttgart mit seinen zwei Musicaltheatern entstanden. Deutschland entwickelte sich zu einem der wichtigsten Musicalmärkte Europas.

Veränderungen im Laufe der Zeit

Auch „Cats“ selbst blieb nicht statisch. Nachdem die Show im Jahr 2001 in Hamburg abgesetzt wurde, folgten Neuproduktionen in Stuttgart und Berlin sowie als Tournee. Dabei kam es zu kleineren Veränderungen: Während in Hamburg eine eigene deutsche Übersetzung gespielt wurde, wechselte man später wieder zur Wiener Originalübersetzung von Michael Kunze.

Die Nummer „In una tepida notte“ wurde durch „Die Ballade von Billy M’Caw“ ersetzt, die es schon bei der Uraufführung 1981 in London gab, aber später gestrichen wurde. Bei einer Deutschland-Tournee in einem eigens für „Cats“ angefertigten Zelt setzte man sogar wieder auf die runde Londoner Bühne.

Gleichzeitig blieb der Kern immer unangetastet: die poetische Vorlage, die ikonischen Kostüme, die Mischung aus Tanz, Gesang und atmosphärischer Erzählweise. Gerade diese Balance aus Kontinuität und behutsamer Erneuerung trug dazu bei, dass das Stück generationenübergreifend funktionierte.

Musical „Cats“ (Foto: Dominik Lapp)
„Cats“ ist bekannt für ein aufwändiges Kostüm- und Maskenbild.

Das Erbe und die Neuinterpretation

40 Jahre nach der Deutschlandpremiere ist „Cats“ längst mehr als irgendein Musical mit Menschen in Katzenkostümen. Es steht für einen Paradigmenwechsel in der deutschen Theaterlandschaft. Ohne diesen Erfolg wäre die heutige Musicalindustrie mit ihren großen Produktionen und festen Spielstätten kaum denkbar.

Gleichzeitig bleibt „Cats“ ein Sonderfall. Sein Erfolg ließ sich nie vollständig reproduzieren, weil er aus einer spezifischen Mischung aus Timing, Innovation und internationalem Glanz entstand. Es war nicht nur ein Musical, sondern ein kulturelles Ereignis, das das Publikum erst lernen musste zu lieben.

Heute wirkt die Vorstellung, Tickets verschenken zu müssen, wie eine Anekdote aus einer anderen Zeit. Doch genau darin liegt die eigentliche Geschichte dieses Stücks: Es hat sich seinen Platz nicht einfach genommen – es hat ihn sich erkämpft. Und dabei eine ganze Branche verändert.

Dennoch scheint die Show mittlerweile so aus der Zeit gefallen, dass man erst jüngst am Broadway unter dem Titel „Cats: The Jellicle Ball“ nicht nur den Versuch einer Neuinszenierung, sondern einer kompletten Neuinterpretation unternommen hat. Glaubt man den ersten Stimmen aus New York, zeichnet sich damit der nächste Erfolg ab.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".