„Moulin Rouge“ (Foto: Dominik Lapp)
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Immersives Erlebnis: „Moulin Rouge“ in Köln

In Krisenzeiten, so sagte es Musicalproduzent Maik Klokow bei einem Pressetermin, brauchen Menschen Fluchten, um sich aus der wirklichen Welt zu katapultieren. Das Musical „Moulin Rouge“, das jetzt in Köln Premiere feierte, bietet genau das: zweieinhalb Stunden aus der Wirklichkeit entfliehen und eintauchen ins verruchte Paris des Jahres 1899.

Das Erlebnis beginnt bereits beim Betreten des Theaters. Hier gilt Kitsch as Kitsch can oder Kommerz as Kommerz can. Das muss man mögen. Oder nicht. Es sieht schon gewaltig aus, wie das Theaterfoyer umgebaut wurde. Viel Plüsch, viel Rot, zur Einstimmung kann man sich eine Flasche Sparkling-Diamond-Prosecco für 50 Euro oder eine Étagère de l’amour mit Champagner und Häppchen für 100 Euro gönnen. An den Wänden hängen französische Plakate, in nachgebauten Bühnenbildern kann man sich fotografieren lassen – und dann betritt man den Saal, wo man aus dem Staunen nicht rauskommt.

„Moulin Rouge“ (Foto: Dominik Lapp)

In der so genannten Sparkling-Diamond-Reihe – es ist die erste erhöhte – hat man nicht nur eine fantastische Sicht, sondern auch viel Beinfreiheit und wird am Platz mit Getränken versorgt, die man auf einem kleinen Tisch abstellen kann. Noch näher dran ist man an den Can-Can-Tischen, die im vorderen Bühnenbereich eingelassen sind. Hier ist man mitten im Geschehen.

Bei „Moulin Rouge“ wird das immersive Erlebnis großgeschrieben. In der 15 Minuten vor Showbeginn startenden Pre-Show werden Bühne und Saal bereits bespielt. Tänzerinnen räkeln sich in Käfigen und an Stangen, Musik läuft, links drehen sich die Flügel einer großen roten Mühle, rechts steht der berühmte blaue Elefant – fünf Meter hoch und 220 Kilo schwer.

„Moulin Rouge“ (Foto: Dominik Lapp)

Mit einer rund zehnminütigen, sehr aufwändig inszenierten Opening-Nummer startet dann das Musical – doch danach wird schnell klar, dass dieses Stück zwar ein großartiges immersives Abenteuer ist und sehr viel fürs Auge bietet, aber leider an einem schwachen Buch (John Logan) und einer dünnen Handlung krankt. Die Filmvorlage aus dem Jahr 2001, auf der das Musical basiert, ist ein Meisterwerk und war ein Versuch, das Genre des Musicalfilms neu zu erfinden. Die großartigen Bilder des Streifens für die Bühne zu adaptieren, ist durchaus gelungen. Aber emotional berührt die Bühnenshow kaum – viel zu schnell wird die Handlung durchgepeitscht, so dass es Regisseur Alex Timbers (Associate Director: Christoph Drewitz) nicht gelingt, den Charakteren Tiefe zu verleihen.

Erschwerend kommt hinzu, dass man musikalisch ein riesiges Mashup von bekannten Songs der letzten 160 Jahre geboten bekommt. Im Verlauf der Handlung gibt es 20 Musiknummern, in denen insgesamt 75 Songs verarbeitet wurden. Kaum ein Lied wird also komplett gespielt. Andererseits trifft das wahrscheinlich genau den Nerv des Publikums. In unserer schnelllebigen Zeit sind wir es schließlich gewohnt, dauerhaft von Musikschnipseln berieselt zu werden – in der Werbung, im Supermarkt, im Radio. Wer sich zudem auf die Songs freut, die im Film von Baz Luhrmann zu hören sind, wird an der einen oder anderen Stelle enttäuscht, denn aus rechtlichen Gründen haben es nicht alle Songs vom Film ins Musical geschafft – zum Beispiel „The Show must go on“ von Queen. Immerhin: Die zehnköpfige Band unter der Leitung von Heribert Feckler spielt alle Titel live und exzellent.

„Moulin Rouge“ (Foto: Dominik Lapp)

Angepriesen wird die Produktion in Köln als deutschsprachige Erstaufführung (Übersetzung: Ruth und Johannes Deny), doch das stimmt nur zum Teil. Die Dialoge sind auf Deutsch, ebenso die meisten Songs, doch in einzelnen Nummern wird zwischen Deutsch und Englisch gewechselt – und so heißt es mal „Come what may“ und dann wiederum „Tag und Nacht“. Auch „Sparkling Diamond“ beginnt zunächst auf Deutsch, um ohne nachvollziehbaren Grund ins Englische zu wechseln. Warum man in den internationalen Songkatalog ausgerechnet den Reinhard-Mey-Schlager „Über den Wolken“ einweben musste, lässt sich auch nur schwer erklären und zerstört die ursprüngliche musikalische Struktur der Show.

Auf der Habenseite sind jedoch noch die abwechslungsreiche und dynamische Choreografie von Sonya Tayeh (Resident Choreographer: Julie-Denise Hyangho), die wunderschönen Kostüme von Catherine Zuber und das absolut fantastische Bühnenbild von Derek McLane. Das alles sieht so schön und hochwertig aus, dass es zeitweise fast schon zu viel des Guten ist, da man von all diesem Ausstattungsbombast und den vielen wechselnden Sets geradezu erschlagen wird.

„Moulin Rouge“ (Foto: Dominik Lapp)

Eine sichere Bank last but not least ist die Besetzung. Riccardo Greco ist ein smarter Christian, der besonders gesanglich überzeugt und schauspielerisch wunderbar mit Sophie Berner alias Satine harmoniert. Letztere erweist sich in allen Disziplinen des Musicals als eine Wucht: gesanglich top, tänzerisch exzellent und glaubwürdig im Schauspiel.

Gavin Turnbull führt sehr gut als Harold Zidler die Strippen im Moulin Rouge, Gian Marco Schiaretti ist ein herrlich fieser Duke de Monroth, Alvin Le-Bass und Vini Gomes beeindrucken als Toulouse-Lautrec und Santiago und Annakathrin Naderer (Nini), Oxa (Baby Doll), Shanna Slaap (Arabia) sowie Olivia Irmengard Grassner (La Chocolat) bilden tänzerisch wie gesanglich ein starkes Quartett.

Lohnt sich trotz dieser kritischen Zeilen ein Besuch bei „Moulin Rouge“? Unbedingt! Denn die Show dürfte den Geschmack des Mainstreams treffen und eignet sich hervorragend, wie es Produzent Maik Klokow im Vorfeld angekündigt hat, um sich für zweieinhalb Stunden aus der Wirklichkeit katapultieren zu lassen. Hier wird großes Entertainment sowie eine optisch herausragende Show aufgefahren und ein immersives Event geboten, wie man es hierzulande sicher noch nicht gesehen hat.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp ist ausgebildeter Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für andere Medien wie Lokalzeitungen und Magazine. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".