„Rebecca“ in Dortmund
  by

Zweifellos auf Erfolgskurs: „Rebecca“ in Dortmund

Seit seiner Uraufführung in Wien vor 20 Jahren begeistert und fasziniert das Musical „Rebecca“ (Buch und Liedtexte: Michael Kunze, Musik und Orchestrierung: Sylvester Levay; basierend auf dem gleichnamigen Roman von Daphne du Maurier) Fans wie Kritikerinnen und Kritiker gleichermaßen. Nach zahlreichen Produktionen im In- und Ausland findet der Thriller nun unter der Regie von Gil Mehmert erstmals seinen festen Platz im Repertoire eines deutschen Stadttheaters. Wie ungebrochen das Interesse ist, zeigte sich bereits im Vorverkauf: Der Ansturm war so groß, dass der Spielplan kurzerhand um mehrere Zusatzvorstellungen erweitert wurde. Zu Recht: Nun feierte die mystische Geschichte um eine verstorbene und doch allgegenwärtige Hausherrin am Opernhaus Dortmund umjubelte Premiere.

Nach den äußerst spannenden Open-Air-Produktionen in Tecklenburg und Magdeburg schöpft die Oper Dortmund jetzt auf ihrer großen, vielseitig einsetzbaren (Dreh-)Bühne (Bühnendesign: Judith Leikauf, Karl Fehringer) aus dem Vollen. Als sich der rote Vorhang mit dem berühmten, flammenden „R“ hebt, öffnet sich der Blick auf die Ruine von Manderley und das große, allseits zentrale Bühnenelement, welches facettenreich und wandelbar seinen Platz in der Storyline findet. Ob als Lobby des Grand Hotels an der Côte d’Azur, als Außenfassade oder Eingangshalle des Herrensitzes mit sich windender, ansteigender Treppe und einer Wand voller Ahnengemälde, als geheimnisvolles, düsteres Bootshaus am Strand, als Reich der Dienerschaft oder als Schlafgemach der ehemaligen Hausherrin, die zwar nicht physisch zugegen, aber dennoch allgegenwärtig in jeder Ecke des Anwesens weiterhin zu existieren scheint. Heruntergelassene, überdimensionale, schwere Vorhänge und der sich stets einfügende, von Efeu umrankte Balkon vervollständigen das Gesamtbild. Letzterer wird mehrmals zum zentralen Ort des großen Showdowns.

Mit Gil Mehmert als Regisseur setzt man am Theater Dortmund auf ein solides Erfolgsrezept. Und Mehmert enttäuscht nicht: Wie man es von ihm erwarten kann, verleiht er dem Musicalthriller seine eigene, unverkennbare Handschrift. Etwaige Sorgen, dem Stoff nicht gerecht zu werden oder den Kern des Stückes nicht zu erfassen, erweisen sich mehr als unbegründet. Mehmert verfolgt einerseits eng die Vorlage und erlaubt sich andererseits dennoch spannende Freiheiten, die beim Publikum hörbar für Überraschung und Begeisterung sorgen. So gibt er beispielsweise der Szene „Kein Lächeln war je so kalt“ ein neues Gewand, indem er Maxim de Winter (Mark Seibert) mit offenem Hemd, zerzaustem Haar und scheinbar angetrunken mit einer Wodkaflasche in der Hand aus dem Bootshaus stolpern lässt. Ein kluger, gelungener Schachzug; unterstreicht diese Ausgestaltung der Szene doch Maxims Verzweiflung und Aussichtslosigkeit auf nie zuvor dagewesene Art und Weise. Als er am Ende des Songs die Wodkaflasche in die Ecke pfeffert, in die Arme seiner jungen Ehefrau (im Stück nur „Ich“ genannt) sinkt und vor ihr zusammenbricht, wird der Wandel der Rollenverhältnisse spürbar deutlich eingeleitet und markiert den dramaturgischen Wendepunkt im Schicksal der Protagonistin auf großartige, glaubhafte Art und Weise. „Ichs“ Aussage „Ich werde nie mehr ein Kind sein“ erhält hier eine völlig neue Dimension.

Auch erlaubt sich Mehmert, einige Stellen noch greifbarer und sichtbarer zu inszenieren, indem er die Protagonistinnen und Protagonisten oftmals auf der Bühne im Hintergrund weiter agieren lässt. Somit schafft er gekonnt Parallelwelten: „Was ist nur los mit ihm“, singt Maxims Schwester Beatrice besorgt, als sich für sie das Verhalten ihres Bruders nicht einordnen lässt, und gleichzeitig kann das Publikum sowohl Maxim als auch „Ich“ entzweit voneinander abseits des Geschehens ausmachen. Dieser physische Abstand zwischen den beiden unterstreicht den psychischen hier auf ganzer Linie.

Das Buch wurde ebenfalls angepasst – einerseits etwas umformuliert an die moderne Sprachweise, aber zudem an einigen Stellen mit Kürzungen versehen, die das Stück zwar raffen, aber hier und da auch Intention und Tiefgründigkeit schmälern. Dadurch wird manchen Sätzen ihre Würze entzogen sowie auf wertvolle Pausen verzichtet, was die Storyline doch manchmal etwas gehetzt wirken lässt. Dies ist schade, wird aber erstmaligen Besuchern nicht weiter auffallen.

„Rebecca“ in Dortmund

Sehen und vor allem hören lassen kann sich in Dortmund auch die Cast, die wie immer mit namhaften Darstellerinnen und Darstellern sowie den Musical-Studierenden der Folkwang Universität der Künste in Essen besetzt ist. Antonia Kalinowski, in der letzten Spielzeit noch als Sandy in „Grease“ auf der Bühne, gibt jetzt erstmalig die namenlose Protagonistin „Ich“, die sich als Gesellschafterin der reichen Amerikanerin Edith van Hopper an der Côte d’Azur in den vornehmen Mr de Winter verliebt und ihm auf sein Anwesen in Cornwall, Manderley, folgt. Über dem Anwesen schwebt immer noch der Geist von de Winters verstorbener erster Frau Rebecca, und von der Haushälterin Mrs Danvers wird er krampfhaft am Leben gehalten.

Antonia Kalinowski verleiht der „Ich“ einen erfrischend eigenen Stempel und zeichnet das Bild einer glaubhaft verschüchterten jungen Frau, die stets das Gefühl hat, ihrem Ehemann nicht zu genügen und seiner vorherigen Gattin niemals das Wasser reichen zu können. Als sie erfährt, was sich zwischen Maxim und Rebecca tatsächlich zugetragen hat, erwacht in ihr die Löwin – und Kalinowski gelingt der Wandel zur selbstbewussten, emanzipierten Partnerin an Maxims Seite bemerkenswert authentisch.

Unterstützt wird ihre starke Bühnenpräsenz dabei auch von der Kostümgestaltung: Dass die „neue Mrs de Winter“ nun in zeitgemäße Hosen schlüpft, ist ein wirkungsvoller Schachzug, der ihre zunehmende Emanzipation sichtbar unterstreicht. Auch stimmlich und schauspielerisch überzeugt Kalinowski auf ganzer Linie und gibt den großen Songs von Kunze und Levay mit ihrer wunderschönen, markanten Stimmfarbe eine ganz eigene, unverwechselbare Note.

In der Rolle des Maxim de Winter trifft das Premierenpublikum mit Mark Seibert einen alten Bekannten wieder, hat er doch bei der Wiener Inszenierung 2022–2024 den Part des Hausherren bereits erfolgreich verkörpert. Wenn auch etwas gesundheitlich beeinträchtigt (Markus Schneider stand daher als Cover parat und wurde somit durch Andreas Schneider als Frank Crawley ersetzt), gelingt ihm trotz aller Umstände ein starker, eindrücklicher Auftritt des zunächst charmanten, aber doch innerlich sehr verzweifelten Gentleman, der scheinbar aussichtslos gegen die Dämonen seiner Vergangenheit ankämpft und haushoch zu verlieren scheint. Die neue Ausgestaltung der Szene „Kein Lächeln war je so kalt“ steht ihm ausgesprochen gut; erlaubt sie noch mehr den Einblick hinter seine Fassade und ermöglicht Seibert eine spannende Möglichkeit, gesanglich sowie vor allem schauspielerisch aus den Vollen zu schöpfen. Dies gelingt ihm im Zusammenspiel mit Antonia Kalinowski meisterhaft.

Wer den Musicalthriller kennt, weiß, dass es sich bei Mrs Danvers, der Haushälterin von Manderley, um die eigentliche, heimliche Protagonistin handelt und spürbar alle Fäden in der Handlung bei ihr zusammenlaufen. Bereits im Prolog wird hier in Dortmund ihre Allgegenwärtigkeit greifbar, als sich die Schatten der Vergangenheit im Hintergrund erheben und die Haushälterin zentral in der Ruine von Manderley erscheint – ein bedrohliches, beklemmendes Bild. Krampfhaft hält sie an ihrer verstorbenen Hausherrin fest und versucht, deren Andenken am Leben zu halten – koste es, was es wolle. Bettina Mönch tritt nach Susan Rigvava-Dumas, Pia Douwes, Kerstin Ibald, Willemijn Verkaik oder auch Annemieke van Dam in ikonische Fußstapfen und ermöglicht Mrs Danvers ihre ganz eigene Interpretation. Das Spannende bei diesem Charakter ist, dass er einerseits verbittert, ja fast schon bösartig, unendlich traurig oder auch tief liebend und begehrend interpretiert und dargestellt werden kann. Denn wie stand Mrs Danvers wirklich zu ihrer ehemaligen Hausherrin, die sie bereits als Kind begleitete und deren engste Vertraute sie später wurde? Hier sind bewusst Freiheiten im Interpretationsspielraum gegeben, und dennoch ist es Fakt, dass Mrs Danvers eine zutiefst leidenschaftliche Frau ist, die sich Rebecca auch nach deren Tod ergibt und alles dafür tut, die Anwesenheit der neuen Mrs de Winter für sich nicht zu akzeptieren.

„Rebecca“ in Dortmund

Nach außen von einer undurchdringlichen Fassade umgeben, bleibt Bettina Mönchs Mrs Danvers auch innerlich zunächst schwer zu durchschauen. Was treibt sie an? Was ist ihre Geschichte, was ihre Intention? Ist sie verständnisvoll oder zwielichtig, bösartig oder leidenschaftlich und hingebungsvoll? Fragen, die das Publikum nicht sofort einzuordnen weiß. Eines jedoch wird bereits bei der ersten Begegnung der beiden Protagonistinnen deutlich: Mrs Danvers empfindet eine tiefe Abneigung gegenüber der jungen Mrs de Winter. Von Beginn an liegt eine schneidende Spannung in der Luft, die in der berühmten Balkonszene schließlich ihren dramatischen Höhepunkt findet. Mit eindrücklicher Bühnenpräsenz und kraftvoller Stimme verleiht Mönch ihrer Mrs Danvers schließlich eine ganz eigene Farbe und interpretiert Sylvester Levays ikonische, tragende Lieder souverän und überzeugend.

Unbedingt hervorzuheben sind auch David Jakobs als Jack Favell und Amani Robinson als Mrs van Hopper, die nicht nur einmal für wohltuende Lacher sorgen. Jakobs gelingt ein herrlicher, schmieriger, unangenehmer Favell, der an einen zwielichtigen, aufdringlichen Kobold erinnert, als er versucht, penetrant seine Interessen durchzusetzen. Und er versteht es gekonnt, diesen doch eher kleinen Part sich zu eigen zu machen und hervorragend auszufüllen. Ähnlich verhält es sich mit Mrs van Hopper, die zwar im zweiten Akt so gut wie keinen Auftritt hat, im ersten Akt aber bestens unterhält. Robinson gibt eine herrlich schrille, überdrehte Dame von Welt, die beim Maskenball mit „I am an American Woman“ für einen funkelnden und stimmlich starken Höhepunkt sorgt. Auch Alexandra Farkic als Maxims Schwester Beatrice und Florian Soyka als Ehemann Giles überzeugen vom ersten Moment an als lustiges, warmherziges und etwas tapsiges Ehepaar, das „Ich“ von Anfang an zur Seite steht und auch in Dortmund mit den „Lieben Verwandten“ für eine gelungene Auflockerung sorgt. Max Lochmüller schlüpft in die Rolle des Ben, welcher am Bootshaus herumstreunt und den er sowohl gesanglich glaubhaft als auch schauspielerisch authentisch und mitfühlend interpretiert. In der Dienerschaft finden sich unter anderem Jan-Marten Gerve als Frith, an diesem Abend Andreas Schneider als Crawley, Martin Planz als Oberst Julian, Christina Verrieth als Clarice und das Ensemble der Folkwang-Universität der Künste, welches Manderley zum Leben erweckt und vor allem bei „Sie ist seltsam“ oder „Die neue Mrs de Winter“ zu glänzen weiß. Ein Ensemble, von dem man sicher noch viel hören und sehen wird!

Doch „Rebecca“ wäre nichts ohne seine fantastische Musik und die eingängige, unverwechselbare Partitur, die Sylvester Levay vor mittlerweile über zwanzig Jahren so erfolgreich komponiert hat. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Carlos Vázquez vertonen seine großen, tragenden Melodien, die wiederkehrenden, klangvollen Reprisen sowie die frischen, leichten Nummern perfekt auf ganzer Linie und geben mit einem vollbesetzten Orchestergraben diesem Musical den Klang, den es verdient hat.

Der gelungene Einsatz von Ton (Sounddesign: Joerg Gruensfelder) mit dem wunderbaren Spiel von Licht, Schatten und Nebel (Lichtdesign: Michael Grundner) ermöglichen eine düstere, beklemmende Stimmung und unterstreichen die spannungsgeladene Atmosphäre mehr als eindrücklich. Die gelungenen Kostüme der Zwanzigerjahre, oftmals sehr farbenfroh und bis ins kleinste Detail liebevoll ausgestaltet, erweisen sich als besondere Hingucker und geben jedem Charakter seine ganz eigene, persönliche Note. Besonders erwähnenswert hierbei ist, dass die Aufmachung der Mrs Danvers (Kostüm und Haare) an die Protagonistin (Judith Anderson) des Schwarz-Weiß-Hitchcock-Thrillers aus dem Jahre 1940 erinnert. Auch die Choreografien (Yara Hassan) sind on point und erweisen sich sowohl in den Ensembleszenen in der Dienerschaft als auch bei den kleinsten, filigranen Bewegungen zwischen „Ich“ und Mrs Danvers, die Mrs Danvers’ Fanatismus mehr als einmal glaubhaft zum Ausdruck bringen, als äußerst gelungen.

Als das Theater Dortmund letztes Jahr sein Musical für die kommende Spielzeit verkündete, schlug diese Nachricht wahrlich ein wie eine Bombe. Seit Jahren gefeiert, ist „Rebecca“ unter der Regie von Gil Mehmert bereit, auch im Ruhrgebiet seinen Erfolgskurs fortzuführen. Denn wie sagte Sylvester Levay am Premierenabend? „Heute Abend bin ich von jedem untertrieben überwältigt: Von jedem Künstler, Künstlerin, Orchester. Die Menschen, die hinter der Bühne waren, Regisseur, Assistenten, alles (…). Und – an gleicher Stelle: Das Publikum heute.“

Text: Katharina Karsunke

Avatar-Foto

Katharina Karsunke ist Sozial- und Theaterpädagogin, hat jahrelang Theater gespielt, aber auch Kindertheaterstücke geschrieben und inszeniert. Ihre Liebe fürs Theater und ihre Leidenschaft fürs Schreiben kombiniert sie bei kulturfeder.de als Autorin.