David Jakobs (Foto: Dominik Lapp)
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Interview mit David Jakobs: „Auf der Bühne gebe ich am liebsten 200 Prozent“

Nach dem Abschluss seines Musicalstudiums an der Folkwang Universität der Künste in Essen entwickelte sich David Jakobs zu einem Senkrechtstarter im Musical-Business und zählt mittlerweile zu den großen Namen in der Branche. Jakobs spielte zahlreiche Rollen in Stücken wie „Das Wunder von Bern“, Disneys „Der Glöckner von Notre Dame“, „Jesus Christ Superstar“, „Les Misérables“ oder „Jekyll & Hyde“. Im Herbst 2021 übernimmt er in der Uraufführung von „Ku’damm 56“ die männliche Hauptrolle. Im Interview spricht der Künstler über seine Corona-Zwangspause, Vaterfreuden, eigene Musik und darüber, was ihm Rollen physisch und psychisch abverlangen.

Was haben Sie während Ihrer Corona-Zwangspause gemacht?
Ehrlich gesagt, habe ich einige Sachen gemacht. Nach dem ersten Lockdown kam recht schnell die Ersatzplanung vom Dortmunder Opernhaus mit „Songs for a New World“. Das war ganz toll, dass man wieder etwas machen konnte. Auch wenn es nur kurz war. Und außerdem bin ich vorher Papa geworden. So gesehen, hätte der Zeitpunkt des Lockdowns nicht besser gewählt sein können. Meine Tochter wurde im Juni 2020 geboren, da war der Fokus natürlich komplett in diesem neuen Lebensabschnitt. Da haben wir uns als Eltern erst mal zu dritt kennen gelernt. Das war sehr spannend.

Gab es darüber hinaus noch etwas, das Sie gemacht haben? Vielleicht neue Projekte auf den Weg gebracht?
Die Pläne wurden in der Tat neu gestrickt. Ich unterrichte jetzt Schauspiel und Liedinterpretation an der Stage School in Hamburg, weil mich das sehr interessiert – auch der Regiebereich. Außerdem habe ich an meinem Soloalbum geschrieben, für das es aber noch keinen Veröffentlichungstermin gibt.

Das klingt spannend. Auf welche Art von Musik können sich die Fans denn freuen?
Aktuell bin ich noch damit beschäftigt, den Sound für meine Musik zu finden. Es ist ganz viel geschrieben, aber es ist ganz anders als Musical. Es geht in die Richtung Singer/Songwriter.

Was war die Intention, eigene Musik zu schreiben?
Nach der Zeit, in der ich so viele Rollen gespielt habe, ist es für mich jetzt spannend, auch mal meine eigenen Geschichten zu erzählen. Es sind persönliche Geschichten, die ich auf eine andere Art erzählen möchte.

Vor dem zweiten Lockdown spielten Sie wie erwähnt in „Songs for a New World“. Wie war das für Sie?
Das war krass. Zunächst mal ist dieser Liederzyklus ein besonderes Stück, der vor allem bei Insidern bekannt ist und unter Musicalstudierenden viele Liebhaber hat. Es war eine große Herausforderung für den Regisseur und das gesamte Team, die Abstände immer gewissenhaft einzuhalten und so viel wie nötig mit Maske und Tests zu proben. Als wir dann gespielt haben, durften wir nur 180 statt 1.200 Personen in den Saal lassen. Beim Schlussapplaus waren die Leute immer so dankbar und froh über den Theaterabend. Das hat mich sehr berührt. Durch diesen pandemiebedingten Stopp in unserer Branche war das ein Lichtblick, und die Leute waren so dankbar und offenherzig, haben das so toll angenommen, dass das für mich etwas Besonderes war. Leider konnten wir nicht alle Shows spielen, weil wir dann wegen des zweiten Lockdowns wieder schließen mussten. Das war schade, weil man als Darsteller an diesem Stück wächst und wir gerade an dem Zeitpunkt waren, wo wir uns angekommen fühlten – und dann mussten wir aufhören.

David Jakobs (Foto: Dominik Lapp)

Von dem zweiten Lockdown war auch die Wiederaufnahme von „Jekyll & Hyde“ am Dortmunder Opernhaus betroffen. Das war eine unglaublich aufwändige Produktion. Wie ist es für Sie als Darsteller, in so einem aufwändig inszenierten Stück zu spielen? Entdeckt man da noch mal das innere Kind in sich, das über einen Abenteuerspielplatz tollt?
Das Spannende ist, dass das, was das Publikum von außen sieht, von mir als Darsteller gar nicht so krass wahrgenommen wird. Was ich damit sagen will: Ich war als Darsteller sehr mit der Figur beschäftigt, wie sich Jekyll von Hyde absetzt. Das war mir sehr wichtig, weil ich es anders machen wollte. Ich bin nicht der zwei Meter große Bariton und fand es sehr schön, dass mir der Regisseur Gil Mehmert die Möglichkeit gegeben hat, diese Rolle zu spielen. Ich habe dabei versucht, mich sehr am Roman zu orientieren. Interessanterweise wird Hyde darin nämlich ganz anders dargestellt als im Musical – nämlich als kleiner windiger Wurm. Fast zeitgleich kam der Film „Joker“ raus, und der Joker hat ja auch eine sehr eigene Körperlichkeit. Ich habe mich unheimlich damit beschäftigt, eine entsprechende Körperlichkeit für Hyde zu finden. Damit war ich so sehr beschäftigt, dass alles um mich herum auf der Bühne einfach passierte und sich einbettete. Natürlich hat mir der Regisseur einen Spielplatz gebaut, gar keine Frage. Das war sehr eindrucksvoll, weil es so viele Bildwechsel gab und das Publikum fast filmisch durch das Stück geführt wurde. Das war sehr geschickt gemacht, weil „Jeykll & Hyde“ ein Stück ist, das unheimlich viele Stehballaden hat. Dadurch konnte der Regisseur Wildhorns lange Balladen gewissermaßen aufbrechen und interessant machen, so dass es nicht einfach eine Nummernrevue wurde. Was ich mit der Figur versucht habe, war, einen anderen Weg zu gehen. Ich wollte das Böse auf eine andere Art darstellen.

Das ist Ihnen auf jeden Fall gut gelungen. Was macht eine anspruchsvolle Rolle wie Jekyll/Hyde oder auch Quasimodo physisch und psychisch mit Ihnen? Nimmt man so eine Rolle mit nach Hause?
Bei Jekyll war das überhaupt kein Problem. Bei Quasimodo war es anders, weil ich über einen längeren Zeitraum die ganze Woche durchgespielt habe. Die Proben waren intensiver und der ganze Kosmos drehte sich nur um diese Figur. Da war es gar nicht so einfach, diese Rolle nicht mit nach Hause zu nehmen. Ich bin irgendwann sogar nachts aufgewacht und hatte die Hand verkrampft wie der Glöckner. Das war der Zeitpunkt, wo ich entschieden habe, dass es jetzt nicht mehr gut für mich ist.

Sie sind ein Darsteller, der sich alles abverlangt. Kann man das so sagen?
Durchaus. Auf der Bühne gebe ich am liebsten 200 Prozent. In einem Long Run ist es die große Kunst des Darstellers, seine Kraft zu dosieren, damit man die ganze Woche diesen Run durchhält. Ich bin jemand, der in so einer extremen Rolle dem Publikum alles geben will, bis ich nicht mehr kann. Und da musste ich mich schon sehr konzentrieren, es nicht mit nach Hause zu nehmen. Bei einer Stadttheater-Produktion wie „Jekyll & Hyde“ war das anders, weil es einzelne Termine über den Monat verteilt waren. Da kann man mit seiner Kraft ganz anders haushalten, denn ich bin ein Spieler. Ich sehe das Schauspiel als Spiel. Das heißt, ich springe rein und bin voll da. Und wenn ich rausspringe, bin ich wieder raus. Da hat aber jeder Schauspieler und Darsteller seinen eigenen Zugang. Mein Zugang ist, dass ich alles sehe wie ein Brettspiel. Ich gehe drauf, mache etwas und gehe wieder raus. Das ist beim Long Run wesentlich schwerer als bei Produktionen, die nicht täglich spielen.

Der Regisseur Gil Mehmert ist jemand, mit dem Sie schon häufig – nicht nur bei „Jekyll & Hyde“ und „Songs for a New World“ – zusammengearbeitet haben. Sie kennen sich bereits seit Ihrem Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen, wo Mehmert unterrichtet. Ein langer Wegbegleiter also?
Richtig. Wir kennen uns aus dem Studium, wo er mich schon begleitet hat. Als Theaterregisseur ist Gil Mehmert für mich ein Mensch, mit dem ich einen unfassbaren Weg gegangen bin. Wir haben uns immer wieder gegenseitig gefordert und sind auch mal aneinandergeprallt – aber immer auf einer Ebene, weil wir beide etwas wollen. Ich schätze ihn sehr und arbeite immer wieder gern mit ihm. Wir sind ja, wenn man so will, gemeinsam in dem Business groß geworden. Ein ganz toller Regisseur und Wegbegleiter.

Im Herbst 2021 kehren Sie nach Berlin an Ihre alte Wirkungsstätte, das Theater des Westens, zurück. Früher spielten Sie dort den Quasimodo im „Glöckner von Notre Dame“, nun steht die Uraufführung des Musicals „Ku’damm 56“ in den Startlöchern, wo Sie die männliche Hauptrolle übernehmen. Nach dem „Wunder von Bern“ ist das ja wieder ein Stück, das in den 1950er Jahren spielt. Haben Sie mittlerweile eine innere Affinität zu den wilden Fünfzigern entwickelt?
Ich finde die Fünfziger richtig toll. Ich finde auch die Mode richtig toll. Wenn ich Filme aus den Fünfzigern schaue, finde ich das immer sehr spannend – den Habitus, die Hüte, die Hosen. Ich finde das schon cool. Außerdem war diese Nachkriegszeit, glaube ich, eine sehr spannende Zeit. Es war eine unfassbar heftige Zeit, gerade für die Menschen in Deutschland. Ich glaube aber, dass es Zufall ist, dass es jetzt wieder ein Stück ist, das in den Fünfzigern spielt. Es ist nicht so, dass ich mich gezielt auf Stücke bewerbe, wenn sie in dieser Zeit spielen. Vielmehr interessiert es mich, wenn sich Stücke etwas Neues trauen. Ich finde es immer gut, wenn zum Beispiel ein Regisseur auch bei einem schon häufig inszenierten Stück sagt, dass er es mal anders machen möchte. Und zwar anders machen, weil er etwas Neues ausprobieren möchte, nicht, weil es krampfhaft anders sein soll.

Was genau reizt Sie an „Ku’damm 56“?
Bei „Ku’damm 56“ reizt mich das Team. Das sind Leute, die ganz anders mit dem Genre Musical umgehen. Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben Popmusik geschrieben für ein Musical, und alles – die Bühne, die Choreografie, die Verschachtelung von Musik und Story – ist einfach anders als wir es aus dem deutschsprachigen Raum von Musicals kennen. Das macht es spannend. Wir dürfen und müssen neue Wege gehen in der deutschsprachigen Musical-Kultur. Wir können in 30 Jahren nicht mehr Stücke wie „Mamma Mia!“ aufwärmen. Wir müssen neue Ideen bringen. Und diesen Schritt, den die Jungs bei „Ku’damm 56“ gehen, finde ich mutig und richtig. Ich bin Feuer und Flamme dafür. Sie kommen aus dem Pop-Bereich und bringen daher schon einen völlig neuen und spannenden Blick mit.

In letzter Zeit hört man öfter, dass das deutschsprachige Musical vorangebracht werden muss.
Ja, ich glaube, der Begriff Musical wurde etwas beschädigt. Der Otto Normalverbraucher verbindet mit Musicals so was wie den „König der Löwen“. Dabei ist Musical so viel mehr. Das Genre ist durch große kommerzielle Produktionen zum Teil weichgespült worden. Manchmal denke ich, wir brauchen einen neuen Begriff für das Genre. Und wir müssen uns neu erfinden, damit das Genre ernster genommen wird und sich junge Leute Stücke auch in Zukunft ansehen. Damit sie sagen, hey, ich gehe heute mal ins Musical und nicht ins Maxim-Gorki-Theater.

Interview: Dominik Lapp

Dominik Lapp ist freier Journalist und schreibt nicht nur für kulturfeder.de, sondern auch für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und Streaming-Konzerte wie "In Love with Musical", "Musical meets Christmas" und "Musical Songbook".

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