„Songs for a New World“ (Foto: Dominik Lapp)
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Starke Inszenierung: „Songs for a New World“ in Dortmund

Es ist das Erstlingswerk von Jason Robert Brown: „Songs for a New World“ vereint 16 Lieder zu einem etwa anderthalbstündigen Songzyklus. Was lediglich ein schöner Liederabend hätte werden können, wurde von Regisseur Gil Mehmert am Opernhaus Dortmund zu einer in allen Facetten wirklich starken, überraschend guten Inszenierung aufgebläht.

Selbst ohne durchgängige Handlung und feste Charaktere mutet „Songs for a New World“ in Mehmerts Version wie ein komplettes Musical an. Er erzählt dabei in jedem Song eine eigene, für sich stehende Geschichte. In diesem Sinne bekommt das Publikum 16 Kurzgeschichten aus dem Leben oder 16 Mini-Musicals zu sehen. Und es erweist sich als großartige Idee, dass der Regisseur jedes Lied mit ganz wunderbaren Tricks und Kniffen inszeniert hat, statt die vier Akteure nur an der Bühnenkante ihre Songs heruntersingen zu lassen.

Gil Mehmert nimmt die jeweiligen Charaktere der Songs sehr ernst, hat keine Stereotypen geschaffen, sondern bringt es in drei bis fünf Minuten pro Song fertig, einen glaubwürdigen Charakter zu zeichnen. Das zeichnet ihn einerseits als sehr guten Regisseur aus. Andererseits stehen ihm für diese Aufgabe vier extrem starke Ausnahmetalente auf der Bühne zur Verfügung.

Bettina Mönch beeindruckt mit ihrer kräftigen Stimme und großer Wandlungsfähigkeit. Dabei gelingen ihr nicht nur die emotionalen, sondern ebenso die komödiantischen Szenen ganz hervorragend. Ob es nun die Frau ist, die sich von ihrem Mann nicht mehr geliebt und beachtet fühlt, oder die Ehefrau des Weihnachtsmanns, die am Nordpol in der Einsamkeit verkümmert, oder aber die Frau, die im Jahr 1775 voller Sorge auf das Ende des Krieges und die Rückkehr eines Soldaten wartet – Bettina Mönch zeigt ein schier unendliches Register ihres Könnens, wenn sie in all die verschiedenen Rollen einsteigt und sie allesamt exzellent singt und darstellt.

Als weitere Frau im Bunde steht ihr Sybille Lambrich in nichts nach. Lambrich überzeugt in ihren Parts sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Mal ist sie die Frau, die sich vor nichts fürchtet, dann die Frau, deren Leben endlich einen Sinn ergibt, weil sie ein Kind in sich trägt. Mit emotionalem Schauspiel und wohlklingender Stimme vermag Sybille Lambrich in jeder Szene zu glänzen und mit ihren Spielpartnern zu harmonieren.

Opernhaus Dortmund (Foto: Dominik Lapp)

Neben dieser großartigen Damenriege haben es die Herren gewiss nicht einfach. Doch David Jakobs und Rob Pelzer erweisen sich als wahre Idealbesetzung. Mit starker Bühnenpräsenz – wie schon zuletzt in „Jekyll & Hyde“ – füllt Jakobs die Bühne immerzu perfekt aus. Er gibt den Kapitän eines Segelschiffs im Jahr 1492 genauso authentisch wie den jungen Mann, der von einer Sportlerkarriere träumt. Mit seinem strahlenden Tenor macht sich David Jakobs jeden seiner Songs zu eigen und zeigt einmal wieder, warum er zu den gefragtesten Musicaldarstellern im deutschsprachigen Raum zählt. Seinen emotionalsten Moment hat er mit dem eindringlich gesungenen Song „Ich fliege heim“, wo er ein Mann ist, der dem Ruf der Engel folgt.

Vervollständigt wird das Quartett durch Rob Pelzer, der ebenfalls mit schauspielerischer Wandlungsfähigkeit und grandiosem Gesang glänzt. In dem Song „Das alles gäb ich her“ – der stilistisch Jason Robert Browns Musical „Die letzten fünf Jahre“ entstammen könnte – harmoniert er fantastisch mit Sybille Lambrich, solo hingegen gibt er in „Sie weint“ überzeugend einen Mann, der sich eigentlich von seiner Frau trennen möchte, aber immer wieder einen Rückzieher macht, sobald sie zu weinen beginnt.

All diese kleinen Geschichten werden durch das Bühnenbild von Gil Mehmert und die Kostüme von Falk Bauer visualisierend ergänzt. Während Bauer jeden Charakter in die passende Kleidung steckt, beschränkt sich Mehmert auf ein Podest und ein Baugerüst. Das Podest ist jedoch so ausgeklügelt, dass durch ein paar Handgriffe ein Segelschiff, eine Bar, ein Ehebett oder ein Esstisch entstehen. Was man bei einem Songzyklus zudem nicht erwarten würde, ist eine Choreografie. Doch Jörn-Felix Alt hat an den passenden Stellen genau die richtigen Schrittfolgen und Bewegungen erdacht, die das Gesamtbild vervollständigen und rund erscheinen lassen.

Last but not least lebt „Songs for a New World“ auch von der Musik aus der Feder von Jason Robert Brown, die herrlich abwechslungsreich ist. Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Christoph JK Müller intoniert einen Mix aus Pop, Gospel, R’n’B, Swing und Funk äußerst präzise und trägt die Darstellerinnen und Darsteller geradezu durch den Abend. Und am Ende? Da gibt es – völlig verdient natürlich – nicht enden wollenden Applaus für dieses Kleinod des Musicals.

Text: Dominik Lapp

Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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