Sprache wird zum Ort: „Die Brücke vom Goldenen Horn“ in Osnabrück
Mit der Uraufführung von „Die Brücke vom Goldenen Horn“ bringt das Theater Osnabrück eine ebenso konzentrierte wie offene Bühnenfassung von Emine Sevgi Özdamars gleichnamigem Roman auf die Bühne. Die Inszenierung von Tanju Girişken nähert sich der autobiografisch geprägten Vorlage nicht über psychologische Figurenzeichnung oder dialogreiche Szenen, sondern über Rhythmus, Verdichtung und eine konsequent subjektive Erzählweise.
Özdamars Text, 1998 erschienen, folgt dem Lebensweg einer jungen Frau aus Istanbul, die in den 1960er-Jahren in Berlin bei Telefunken arbeitet, in die Studentenbewegung gerät und später in der Türkei linke Künstler- und Theaterkreise erlebt. Politische Gewalt führt schließlich zum Verlust der Muttersprache – und zur Suche nach einem neuen Halt. Die Inszenierung macht daraus keinen linearen Bildungsroman, sondern eine Abfolge von Erinnerungsbildern, die den rastlosen Lebensweg der Erzählerin widerspiegeln.
Girişken und Dramaturgin Sophie Hein haben den Stoff auf rund 105 Minuten verdichtet und dabei weitgehend auf Dialoge verzichtet. Lua Mariell Barros Heckmanns, William Hauf und Sascha Maria Icks teilen sich ganz hervorragend die Hauptrolle, wechseln einander ab und formen beinahe einen einzigen langen Monolog. In hohem Tempo reihen sich Szenen aneinander: Fließbandarbeit, Berliner Nachtleben, Schauspielschule. Figuren treten kaum als Individuen hervor – wichtiger sind die atmosphärischen Eindrücke, die sich zu einem inneren Erfahrungsraum fügen.
Das Bühnenbild von Nele Schiller unterstützt diese Bewegung. Zwei Tribünen, von denen eine beweglich ist, verschieben die räumliche Beziehung zwischen Publikum und Spielenden immer wieder neu. Ein Vorhang dient als Projektionsfläche für Fotografien und Videobilder. Dabei wird deutlich: Es geht nicht nur um die Geschichte einer Einzelnen, sondern auch um Fragen von Exil, Sprache und Erinnerung, die das Publikum selbst betreffen.
Besonders eindrücklich sind die Momente, in denen die Inszenierung die vierte Wand durchbricht. Das Publikum wird direkt nach Erfahrungen mit Muttersprache und Mehrsprachigkeit gefragt. In diesem Kontext tritt die Sängerin Elif Batman als vermeintliche Zuschauerin auf, bringt ihre eigene Biografie ein und überzeugt dabei gleichermaßen schauspielerisch wie gesanglich.
So wird die zentrale Idee Özdamars sinnlich erfahrbar: dass Sprache selbst zum Ort werden kann, wenn Herkunftsorte durch Gewalt verloren gehen. „Als ich anfing, Bücher zu schreiben, habe ich gar nicht darüber nachgedacht, in welcher Sprache ich schreiben sollte. Ich schrieb auf Deutsch“, heißt es programmatisch. Diese Erkenntnis trägt den Abend.
Text: Dominik Lapp
