Das Nebeneinander der Einsamen: „Frau Yamamoto ist noch da“ in Osnabrück
Am Theater Osnabrück entsteht mit dem Schauspiel „Frau Yamamoto ist noch da“ ein eindrücklicher Abend. Die Inszenierung von Alina Fluck vertraut auf das Unspektakuläre, auf Zwischenräume und stille Verschiebungen. Was hier geschieht, geschieht scheinbar nebenbei – und bleibt doch haften.
Die Vorlage von Dea Loher erzählt keine geschlossene Geschichte, sondern entfaltet ein Mosaik aus Begegnungen, Zufällen und verpassten Möglichkeiten. Menschen kreuzen einander, sprechen, schweigen, verschwinden wieder. Die Dramaturgie folgt keiner linearen Entwicklung, sondern reiht Episoden aneinander, Momentaufnahmen eines urbanen Lebensgefüges, das von Nähe träumt und zugleich Distanz produziert. Die Inszenierung nimmt diese Offenheit ernst: Szenen enden abrupt, Übergänge bleiben bewusst unmarkiert, Bedeutungen entstehen erst im Kopf des Publikums.
Das Bühnenbild von Marleen Johow übersetzt diese Struktur in eine ebenso konkrete wie symbolische Architektur. Ein mehrstöckiges Wohnhaus dominiert die Bühne, mit einzelnen Wohnungen, offenen Balkonen und unten rechts dem Restaurant „Sole Mio“.
Dank der Drehbühne lässt sich dieser Kosmos aus allen Perspektiven betrachten: Mal blickt man voyeuristisch in private Innenräume, mal sieht man nur Fassaden, hinter denen Leben vermutet werden muss. Die Figuren existieren sichtbar nebeneinander und bleiben dennoch voneinander getrennt – ein starkes Bild für die soziale Topografie des Stücks. Johows Kostüme, gemeinsam mit Svenja Mangold entwickelt, verorten die Figuren klar im Alltag, ohne sie festzuschreiben.

Atmosphärisch getragen wird der Abend von Video und Musik von Oskar Smollny, die nie illustrieren, sondern Stimmungen öffnen. Klangflächen tauchen auf wie Erinnerungen, Projektionen erweitern Räume, ohne sie zu dominieren. Das Lichtdesign von Julian Rickert modelliert dazu warme Inseln des Zusammenseins, kalte Zonen des Rückzugs.
Besonders eindrücklich wirkt die Choreografie von Miyuki Shimizu in der Fischszene: Körper geraten hier in einen beinahe schwerelosen Rhythmus, Bewegungen wirken gleichzeitig mechanisch und verletzlich. Ohne ein Wort zu verlieren, erzählt diese Passage von Anpassung, Fremdheit und dem Wunsch, im Strom mitzuschwimmen, ohne sich selbst zu verlieren.
Im Zentrum steht Frau Yamamoto, gespielt von Angelika Thomas. Ihre Darstellung verweigert jede demonstrative Exzentrik. Diese Frau spricht wenig, beobachtet viel, scheint eher anwesend als handelnd – und genau dadurch verschiebt sie die Beziehungen der anderen Figuren. Thomas gestaltet sie als ruhenden Pol, dessen Wirkung aus Zurückhaltung entsteht. Ein kurzer Blick, eine minimale Geste genügen, um Szenen zu verändern. Frau Yamamoto wird zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste der anderen, ohne je psychologisch erklärt zu werden.
Als Nino zeigt Michi Wischniowski einen Menschen im permanenten Suchmodus, rastlos und zugleich erschöpft von der eigenen Unentschiedenheit. Seine Figur schwankt zwischen ironischer Selbstbehauptung und unverstellter Verletzlichkeit. Stefan Haschke gibt Erik hingegen eine stille Schwere. Seine Präsenz wirkt wie ein Mensch, der längst ahnt, dass Antworten ausbleiben werden, aber dennoch weiterfragt.

Das Ensemble agiert in ständig wechselnden Rollen: Monika Vivell, Annika Martens, Ronald Funke, Verena Maria Bauer, Hans-Christian Hegewald und William Hauf wechseln Figuren und Haltungen mit sichtbarer Spielfreude. Gerade diese Mehrfachbesetzungen verstärken den Eindruck einer austauschbaren Großstadtgesellschaft: Gesichter kehren wieder, Beziehungen verschieben sich, Identitäten erscheinen weniger stabil, als man glauben möchte.
Die Sprache bleibt dabei reduziert, beinahe beiläufig. Kurze Dialoge, scheinbar banale Alltagsgespräche, bestimmen den Rhythmus. Oft ist entscheidend, was nicht ausgesprochen wird. Die Inszenierung vertraut auf diese Leerstellen und hält sie aus. Niemand erklärt Gefühle, niemand formuliert große Erkenntnisse. Stattdessen entstehen immer mal wieder Momente stiller Komik.
„Frau Yamamoto ist noch da“ erzählt von Menschen im Übergang: Verschiedene Erfahrungen, biografische Brüche und emotionale Erschöpfung prägen die Figuren, ohne sie zu definieren. Alle suchen nach Zugehörigkeit, nach einem Ort oder wenigstens nach einem Gegenüber, das bleibt. Dass diese Suche häufig ins Leere läuft, wird nicht dramatisch zugespitzt, sondern als alltäglicher Zustand gezeigt.
So entsteht ein Theaterabend, der weniger Handlung als Atmosphäre erzeugt. Die Drehbühne bewegt sich unaufhörlich weiter, während Beziehungen stehenbleiben oder sich unmerklich verschieben. Man schaut Menschen beim Leben zu – beim Warten, Hoffen, Vorbeireden. Und am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, dass Anwesenheit allein bereits eine Form von Beziehung sein kann.
Text: Dominik Lapp