„On the Town“ in Graz
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Temporeiche Liebeserklärung an New York: „On the Town“ in Graz

Mit dem Musical „On the Town“ von Leonard Bernstein (Musik) sowie Betty Comden und Adolph Green (Buch und Songtexte) gelingt der Oper Graz eine Produktion, die sich mit ansteckender Spielfreude und bemerkenswerter stilistischer Geschlossenheit in das Repertoire einschreibt. Regisseur Felix Seiler widersteht jeder Versuchung zur Aktualisierung und bleibt der Story wie auch der Zeit der Handlung treu. Genau darin liegt die Stärke dieser Inszenierung: Sie vertraut dem Material, seinem Witz, seiner Energie und seinem humanistischen Kern. Heraus kommt eine unterhaltsame, pointiert erzählte Komödie auf hohem Niveau, die den Esprit der Vierzigerjahre feiert, ohne museal zu wirken.

Danny Costellos Choreografie ist dabei der pulsierende Motor des Abends. Die zahlreichen Tanznummern sind dynamisch, rhythmisch präzise und technisch anspruchsvoll, zugleich stets erzählerisch eingebettet. Hier wird nicht dekorativ getanzt, sondern aus dem Moment heraus, mit federnder Leichtigkeit und sichtbarer Lust an Bewegung. Das Ensemble meistert diese Herausforderungen mit Bravour und verleiht dem Stück jene körperliche Präsenz, die „On the Town“ braucht, um wirklich zu zünden.

Darko Petrovic entwirft dazu ein Bühnenbild, das das New York der Vierzigerjahre mit wenigen, aber wirkungsvollen Mitteln evoziert. Die Stadt erscheint als Sehnsuchtsort, als vibrierender Möglichkeitsraum, in dem sich Träume, Zufälle und Begegnungen überlagern. Sarah Rolkes Kostüme sind zeitgemäß und stilvoll, sie zeichnen die Figuren klar und unterstützen das Spiel mit Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Erwartungen jener Epoche. Michael Grundners Licht setzt atmosphärische Akzente und führt elegant durch die Szenen, während Herwig Baumgartners Videoeinsatz sich stimmig ins Gesamtbild fügt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Im Zentrum des Abends steht jedoch die Musik, die unter der Leitung von Marius Burkert mit bemerkenswerter Detailfreude gestaltet wird. Burkert arbeitet die rhythmische Raffinesse Leonard Bernsteins ebenso heraus wie dessen melodische Großzügigkeit. Das Orchester klingt transparent und zugleich satt, die jazzigen Farben leuchten, ohne je ins Schrille zu kippen. Tempi und Übergänge sind präzise gesetzt, die Balance zwischen Bühne und Graben stimmt bis ins Detail. Man spürt, wie sorgfältig hier an Artikulation, Phrasierung und dynamischer Abstufung gearbeitet wird, sodass die Musik nicht bloß begleitet, sondern das Geschehen trägt und kommentiert.

Der spielfreudige, harmonisch agierende Cast trägt diesen musikalischen und szenischen Ansatz überzeugend mit. Simon Stockinger gibt den Matrosen Gabey als romantischen Träumer, dessen Sehnsucht nach der idealisierten Ivy Smith glaubhaft und berührend bleibt. Dennis Hupka zeichnet Chip als ehrgeizigen, leicht großspurigen Gegenpol, mit komödiantischem Gespür und vokaler Präsenz. Fabian Kaiser überzeugt als Ozzie mit schüchterner Naivität, die warmherzig und charmant wirkt.

Auf der weiblichen Seite setzt Veronika Hörmann als Claire De Loone einen exzentrischen, dominant funkelnden Akzent, der die Balance zwischen Überzeichnung und psychologischer Plausibilität hält. Clara Mills-Karzel stattet Hildy Esterhazy mit Selbstbewusstsein und schlagfertigem Witz aus und sorgt für einige der pointiertesten Momente des Abends. Maria Joachimstaller schließlich verkörpert Ivy Smith als selbstbewusste, ehrgeizige und lebensfrohe junge Frau, die den amerikanischen Traum nicht nur besingt, sondern sichtbar lebt.

„On the Town“ erweist sich an der Oper Graz also als rundum gelungenes Musical: leichtfüßig, präzise gearbeitet und getragen von einem Ensemble, das sichtbar Freude an dieser temporeichen Liebeserklärung an New York hat.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert und ein Volontariat zur Onlineredakteurin absolviert. Sie liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.