„Die letzten fünf Jahre“ (Foto: Dominik Lapp)
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Kulturelles Kleinod: „Die letzten fünf Jahre“ in Wetzlar

Immer mehr Theater setzen in jüngster Zeit das Musical „Die letzten fünf Jahre“ von Jason Robert Brown auf den Spielplan. Denn mit nur zwei Akteuren, die sich auf der Bühne nicht wirklich nahekommen, ist es die perfekte Produktion in Zeiten von Corona, wo Abstandsregeln auch auf der Bühne eingehalten werden sollen. In Hessen scheint das Werk besonders beliebt zu sein: Nachdem die Bad Hersfelder Festspiele erst kürzlich eine gelungene Neuinszenierung dieses Kammerspiels gezeigt haben, wird das Stück jetzt im Rahmen des Pop-up-Festivals „Rosengärtchen live“ auf der Freilichtbühne Rosengärtchen in Wetzlar gezeigt. Außerdem hat das Staatstheater Darmstadt eine eigene Produktion angekündigt.

In Wetzlar gibt es eine Besonderheit: Die Rollen von Cathy und Jamie spielen Charlotte Heinke und Patrick Stanke, die diese Rollen bereits vor 15 Jahren bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Wuppertal kreierten. Inszeniert wurde das Stück in Wetzlar von Christoph Drewitz, der auch die deutschsprachige Erstaufführung als Regisseur verantwortete. Ein eingespieltes Team also, das dieses wundervolle Stück neu erarbeitet hat und frischer denn je auf die Bühne bringt.

In anderthalb Stunden erlebt das Publikum die Geschichte von Cathy und Jamie. Während Jamie chronologisch erzählt, wie sich das Paar kennen und lieben lernte, heiratete und sich trennte, beginnt Cathy mit der Trennung und arbeitet sich rückblickend durch die gemeinsame Zeit. Nur in einer Szene, bei der Hochzeit, kreuzen sich die Erzählungsstränge der beiden Protagonisten. Um diese Story in Szene zu setzen, benötigt es nicht viel. Vier weiße Kisten beinhalten nicht nur die wenigen Requisiten, sondern dienen auch mal als Tisch oder Bett. Ansonsten setzt Regisseur Christoph Drewitz vor allem auf die natürliche Wirkung der über mehrere Ebenen führenden Freilichtbühne, so dass verschiedene Bühnenbereiche bespielt und entsprechend stimmig ausgeleuchtet werden.

„Die letzten fünf Jahre“ (Foto: Dominik Lapp)

Der Hauptfokus der Inszenierung liegt ganz besonders auf den Charakteren. Charlotte Heinke und Patrick Stanke können sich dabei nicht hinter einer Maske, in aufwändigen Kostümen oder in einem ausladenden Bühnenbild verstecken. Vielmehr müssen sie durch Authentizität überzeugen – und das tun sie sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Charlotte Heinke packt das Publikum schon bei ihrem ersten Auftritt mit dem Song „Ich steh‘ weinend da“: Jamie ist fort und Cathy steht vor den Scherben ihrer Ehe. Heinke rührt in dieser Szene mit ihrer Interpretation zu Tränen. Doch auch die Wandlung von der zutiefst enttäuschten, verletzten und letztlich verlassenen Ehefrau zu der vor Liebe glühenden, nicht ganz so erfolgreichen Schauspielerin gelingt ihr mit Bravour. Mit der großartigen Interpretation von Cathys Auditionsong gelingt Charlotte Heinke der witzigste Moment des Abends.

Ein witziger Moment gelingt allerdings auch Patrick Stanke, wenn Jamie die Geschichte vom Schneider Schmuel erzählt und Stanke dabei die Körperlichkeit und Stimme eines alten Mannes widerspiegelt. Jamies Wandlung vom frisch verknallten Jungen zum gefeierten Nachwuchsautor und seine Frau betrügenden Stinkstiefel schafft Stanke mühelos. Genauso wie bei Charlotte Heinke, ist auch das Schauspiel von Patrick Stanke immer auf den Punkt. Gesanglich sind beide ebenfalls stark, so dass jeder der 14 Songs zum ausdrucksstarken Hörgenuss wird.

Den abwechslungsreichen Score von Jason Robert Brown bringen Sebastian Neugebauer am Piano und Christoph Melzer an der Gitarre exzellent zum Klingen. Mit angenehmen Tempi und Fingerspitzengefühl widmen sich die beiden Musiker den sanftmütigen Balladen genauso wie den Up-Tempo-Nummern und werden eins mit Charlotte Heinke und Patrick Stanke. Die stehenden Ovationen zum Schluss haben sich die vier, aber auch Regisseur Christoph Drewitz, mehr als verdient. Denn das Musical „Die letzten fünf Jahre“ ist ein kulturelles Kleinod im hessischen Corona-Sommer.

Text: Dominik Lapp

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Dominik Lapp

Dominik Lapp ist der Gründer von kulturfeder.de. Als Kultur- und Lokaljournalist schreibt er außerdem für die Neue Osnabrücker Zeitung und andere Medien. Er führte Regie bei den Pop-Oratorien "Die 10 Gebote" und "Luther" sowie bei einer Workshop-Produktion des Musicals "Schimmelreiter". Darüber hinaus schuf er die Musical-Talk-Konzertreihe "Auf ein Wort" und das Streaming-Konzert "In Love with Musical".

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