Wenn Fremde zu Freunden werden: „Come from Away“ in Osnabrück
Wie reagieren Menschen, wenn plötzlich Tausende Fremde vor ihrer Tür stehen? „Come from Away“ beantwortet diese Frage mit vielen kleinen Geschichten. Irene Sankoff und David Hein haben für ihr Musical in Gander recherchiert, mit den Menschen vor Ort gesprochen und ihre Erlebnisse zu einem Stück verdichtet, das auf tatsächlichen Ereignissen beruht.
Am 11. September 2001 müssen 38 Flugzeuge wegen der Terroranschläge in den USA ihre Routen abbrechen und im kanadischen Gander landen. Aus rund 7.000 unfreiwilligen Gästen und einer kleinen Stadt mit knapp 10.000 Einwohnern entsteht eine Gemeinschaft auf Zeit. Das Musical (Übersetzung: Sabine Ruflair) erzählt davon mit Humor und Menschlichkeit – und der Osnabrücker Inszenierung von Anna-Lena Handt gelingt es exzellent, die besondere Situation erlebbar zu machen.
Denn das Musical-Amateurprojekt (map), das zuletzt „School of Rock“ auf die Bühne gebracht hat, bricht bewusst mit der üblichen Struktur des Stücks. Das Original ist für sechs Frauen und sechs Männer konzipiert, die gemeinsam rund 30 Figuren verkörpern. Im Haus der Jugend Osnabrück stehen dagegen 27 Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne. Fast jede Figur bekommt damit ein eigenes Gesicht und eine eigene Persönlichkeit. Diese ungewöhnliche Besetzung ist ausdrücklich mit den Rechtegebern vereinbart. Sie verändert den Charakter des Abends: Statt eines kleinen Ensembles, das ständig zwischen Rollen und Identitäten wechselt, entsteht eine viel größere Gruppe, deren Zusammenspiel die Gemeinschaft von Gander auf die Bühne überträgt.

Handt inszeniert das Geschehen mit hohem Tempo, ohne die einzelnen Figuren dabei aus dem Blick zu verlieren. Szenen wechseln schnell, Pointen sitzen, bewegte Tableaus gehen ineinander über. Gleichzeitig nimmt sich die Regie ausreichend Zeit für die persönlichen Geschichten. Das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil das Ensemble schauspielerisch durch die Bank überzeugt und auch gesanglich und tänzerisch auf sehr hohem Niveau arbeitet. Hier zeigt sich, wie viel Anna-Lena Handt aus einem Amateurensemble herausholt. Die Figuren bleiben nicht bloße Typen in einer Katastrophengeschichte, sondern entwickeln eigene Beziehungen, Konflikte und Haltungen.
Gespielt wird ohne Pause. Die 102 Minuten entsprechen ziemlich genau der Zeitspanne zwischen dem ersten Einschlag in das World Trade Center und dem Einsturz des zweiten Turms am 11. September 2001. Das ist kein bloßer formaler Kniff. Die durchgehende Aufführung erzeugt einen Sog, der das Publikum unmittelbar in die Ausnahmesituation hineinzieht. Während in New York die Katastrophe ihren Lauf nimmt, sitzen in Gander Menschen aus aller Welt fest und wissen nicht, was geschehen ist, wann sie weiterfliegen können oder ob sie überhaupt sicher sind. Die Inszenierung vermittelt diese Mischung aus Verunsicherung, Hilflosigkeit und allmählicher Annäherung sehr unmittelbar.

Dabei bleibt „Come from Away“ trotz der historischen Dimension erstaunlich leichtfüßig. Komische Situationen stehen neben Momenten großer persönlicher Erschütterung, ohne dass eines das andere verdrängt. Gerade dieser Wechsel gehört zu den Stärken der Aufführung. Das Musical versucht nicht, die Ereignisse mit Pathos zu überhöhen. Es erzählt von Menschen, die improvisieren müssen, helfen, streiten, lachen, sich verlieben und manchmal schlicht nicht wissen, was sie tun sollen.
Dass die Geschichten tatsächlich auf Erlebnissen aus Gander beruhen, verleiht vielen Szenen zusätzliches Gewicht. Das bedeutet aber nicht, dass jede Bühnenfigur eins zu eins einer realen Person entspricht. Sankoff und Hein verdichten mehrere reale Biografien zu einzelnen Figuren. Janice Mosher etwa ist eine Kunstfigur, in der die Erfahrungen der Journalistin Janice Goudie und des Reporters Brian Mosher zusammenfließen. Das Autorenteam macht aus verschiedenen Perspektiven eine dramaturgisch geschlossene Figur. Die einzelnen Situationen und Geschichten bleiben dabei an wahre Erlebnisse angelehnt.

Im Zentrum stehen Menschen wie Beverley Bass, die Pilotin, deren Geschichte mit „Der Himmel geht auf“ eine der großen Solonummern des Musicals erhält. Hannah Taubken singt diesen Song fantastisch und gibt der Figur die notwendige Präsenz. Sie verbindet die historische Situation mit dem persönlichen Blick einer Frau, deren berufliche Welt durch die Ereignisse plötzlich aus den Fugen gerät. Katharina Magiera zeichnet Bonnie Harris als zentrale Helferin aufseiten der Bewohner von Gander. Insbesondere ihre Sorge um die Tiere und ihre musikalischen Momente geben der Figur Gewicht.
Auch Jan Kaltermann als Bürgermeister Claude Elliott findet den richtigen Ton zwischen Verantwortung und Überforderung. Er steht für eine Stadt, die innerhalb weniger Stunden eine Aufgabe bewältigen muss, auf die niemand vorbereitet ist. Anna Liedmeyer und Hannes Nega bilden als Diane Gray und Nick Marson einen der durchgehenden persönlichen Handlungsstränge. Ihre Annäherung gehört zu den Geschichten, die dem großen historischen Geschehen eine private Perspektive geben. Hannah O’Rourkes Angst um ihren Sohn, einen Feuerwehrmann in New York, wird von Joana Köpke eindringlich vermittelt und findet mit „Ich bin hier“ einen weiteren starken musikalischen Moment.
Auch die beiden Kevins, wunderbar gespielt von Marius Borchert und Camp Shelor, tragen einen eigenen Handlungsbogen durch den Abend. Kevin T. ist dabei die aktivere Figur, während „Warte, Welt“ ihre Beziehung musikalisch bündelt. Janice Mosher, überzeugend gespielt von Juna Schefzyk, erlebt die Ereignisse zunächst mit dem Blick einer Journalistin. Im Verlauf des Stücks verliert diese professionelle Distanz zunehmend an Bedeutung, weil sie selbst Teil der Gemeinschaft wird. Elena Heckmann verleiht Beulah Davis vor allem über ihre Beziehung zu Hannah und ihre Begegnung mit Ali (berührend: Omar El-Abrache) eine wichtige Funktion. Sie steht für die Selbstverständlichkeit, mit der die Bewohner von Gander ihre Hilfe anbieten.

Und auch dort, wo einzelne Namen hier nicht genannt werden können, stimmt die Ensembleleistung. Jolina Kreyenschmidt als Stewardess Selina, Sophie Dick als Lisa, Ben Gottuk als Bob, Gesa Neumann als Joey, Josh Krym als Muhumuza, Lennart Segbers als Doug und Jesse Tiggemann als Garth seien stellvertretend für die vielen Mitwirkenden genannt, die mit klaren Figurenzeichnungen dazu beitragen, dass aus der großen Besetzung kein unübersichtlicher Menschenauflauf wird. Jeder bekommt Kontur, und gerade die vielen kleinen Begegnungen machen die Welt des Stücks glaubwürdig.
Mareike Dieluweit verstärkt diesen Eindruck mit einer Choreografie, die umfangreich ausfällt. Die Bewegungen verleihen dem ohnehin hohen Tempo weiteren Drive. Entscheidend ist dabei, dass die Choreografie nicht wie eine aufgesetzte Nummernfolge wirkt. Sie entsteht aus den Situationen heraus, verbindet die Figuren und unterstützt den Spielfluss. Menschen werden zu Gruppen, Gruppen wieder zu Einzelpersonen – und die Bühne bleibt ständig in Bewegung.

Für die sehr hohe gesangliche Qualität dieser Produktion zeichnet Farina Ruhe verantwortlich, während eine achtköpfige Band unter der Leitung von Dennis Brause für die musikalische Qualität sorgt. „Come from Away“ lebt von einem ungewöhnlich vielfältigen musikalischen Fundus, und die Osnabrücker Produktion arbeitet diese Vielfalt überzeugend heraus. Rock, Pop, Folk und irisch geprägte Klänge wechseln einander ab. Die unterschiedlichen musikalischen Farben spiegeln zugleich die Herkunft der Menschen wider, die in Gander stranden. So wird die Musik selbst zum Ausdruck einer internationalen Schicksalsgemeinschaft. Die Band spielt dabei druckvoll und differenziert und trägt erheblich dazu bei, dass die Aufführung auch musikalisch nie an Tempo verliert.
Stella Ruhe findet für die Ausstattung eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Lösung. Das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus Türen und Fenstern. Sie stehen für die geöffneten Türen der Menschen in Gander, die ihre Häuser für Fremde öffnen. Gleichzeitig erweist sich das Konzept als ausgesprochen funktional. Was zunächst wie ein Tür- oder Koffergriff aussieht, wird plötzlich zum Telefonhörer. Türen und Fenster verwandeln sich in Flugzeugbestandteile oder ein Tierheim, mit Stühlen und Tischen entstehen immer neue Schauplätze. Die Ausstattung muss dabei nicht illustrieren, sondern lässt der Fantasie viel Raum. Die Kostüme orientieren sich an der Mode der frühen 2000er-Jahre und verankern die Geschichte auch optisch in ihrer Zeit.
So entsteht ein Musicalabend, der seine Wirkung nicht aus spektakulären Bühneneffekten bezieht, sondern aus der Kraft seines Ensembles. „Come from Away“ erzählt von einer Katastrophe, ohne selbst zur Katastrophenshow zu werden. Es geht um Angst, Fremdheit, Verlust und Unsicherheit – vor allem aber um die Entscheidung, einem anderen Menschen die Tür zu öffnen. Das erlebbar zu machen, ist Anna-Lena Handt und ihrem Team aufs Beste gelungen.
Text: Dominik Lapp