Zwischen Absturz und Aufbruch: „The Little Big Things“ in Amsterdam
Mit „The Little Big Things“ ist dem Theater Carré in Amsterdam eine englischsprachige Produktion gelungen, die eindrucksvoll zeigt, wie modernes Musical aussehen kann. Das 2023 im Londoner West End uraufgeführte Werk basiert auf der Autobiografie des Briten Henry Fraser, der nach einem Badeunfall im Alter von 17 Jahren vom Hals abwärts gelähmt ist. Aus seiner Lebensgeschichte entwickeln Nick Butcher (Musik und Songtexte), Tom Ling (Songtexte) und Joe White (Buch) ein ebenso unterhaltsames wie klug konstruiertes Musical über Identität, Familie und die Frage, wie ein Leben nach einem einschneidenden Ereignis neu beginnt.
Im Mittelpunkt steht Henry Fraser, dessen Leben sich nach einem Kopfsprung ins Meer innerhalb weniger Sekunden vollständig verändert. Während der Jugendliche zunächst gegen seine neue Realität kämpft, findet er Schritt für Schritt einen neuen Blick auf sich selbst und seine Zukunft. Dabei erzählt das Musical nicht nur vom Verlust körperlicher Fähigkeiten, sondern vor allem davon, welche Möglichkeiten trotz aller Einschränkungen bleiben.
Die größte Stärke des Buches liegt in seiner ungewöhnlichen Erzählweise. Der junge Henry vor dem Unfall und der erwachsene Henry danach stehen gleichzeitig auf der Bühne. Beide begegnen sich, diskutieren miteinander, widersprechen sich, kommentieren Situationen oder erleben Momente gemeinsam. Dadurch entstehen Szenen, die gleichzeitig humorvoll, berührend und gedanklich faszinierend sind. Joe White vermeidet jede Form von Betroffenheitsdramaturgie und entwickelt stattdessen einen intelligenten Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der die Geschichte permanent in Bewegung hält.
Ebenso selbstverständlich wie bemerkenswert ist der Umgang mit Inklusion. Menschen mit und ohne Behinderung stehen gemeinsam auf der Bühne, ohne dass dies jemals erklärt oder hervorgehoben werden müsste. Es gehört einfach zur erzählten Welt. Genau dadurch wirkt dieser Ansatz glaubwürdig und konsequent. Inklusion wird nicht thematisiert, sie wird gelebt.
Auch musikalisch überzeugt „The Little Big Things“ auf ganzer Linie. Nick Butcher liefert eine moderne, abwechslungsreiche Partitur, in der praktisch ein Höhepunkt auf den nächsten folgt. Rock, Pop und gefühlvolle Balladen wechseln sich mit hoher Geschwindigkeit ab, ohne beliebig zu wirken. Die Songs treiben mit den wunderbaren Songtexten von Butcher und Tom Ling die Handlung und Figurenentwicklung kontinuierlich voran und bleiben auch unabhängig vom Bühnengeschehen im Ohr. Unter der Leitung von Jasper Slijderink spielt die siebenköpfige Band mit großer Energie und sorgt für einen vollen Klang.
Regisseurin Ola Mafaalani verwandelt die Vorlage in ein wahres Theaterfest. Ihre Inszenierung entwickelt ein enormes Tempo, besitzt viel Witz und findet zugleich immer wieder Momente großer Ruhe. Immer neue Ideen sorgen dafür, dass die rund zweieinhalb Stunden wie im Flug vergehen. Gespielt wird nicht nur auf der Bühne, sondern in sämtliche Richtungen. Immer wieder beziehen die Darstellenden auch das Publikum mit ein, wodurch der gesamte Saal Teil des Geschehens wird. Besonders eindrucksvoll ist der wiederkehrende Einsatz von Wasser, das aus großer Höhe kreisförmig auf die Bühne fällt und gemeinsam mit dem Licht spektakuläre Bilder entstehen lässt. Mafaalani gelingt der seltene Spagat, das Publikum immer wieder laut lachen zu lassen und nur wenige Minuten später zu Tränen zu rühren.

Das Bühnenbild von Ruben Wijnstok trägt entscheidend zu diesem Erlebnis bei. Die Spielfläche befindet sich mitten im Parkett, das Publikum sitzt ringsherum, zusätzlich gibt es Plätze direkt auf dem Bühnenbild. Darunter verbergen sich Räume sowie die Band. Spielt eine Szene dort unten, wird sie per Video auf umlaufende Gaze-Bahnen projiziert, die über der Bühne hängen. So können selbst Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Bühnenplätzen jedes Detail verfolgen. Ein rundes Hubpodium in der Bühnenmitte lässt Henry immer wieder nach oben fahren und verstärkt den Eindruck einer permanent in Bewegung befindlichen Inszenierung.
Auch choreografisch geht die Produktion eigene Wege. Alice Sheppard und Chiara Re integrieren Rollstühle nicht als notwendiges Hilfsmittel, sondern als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Bewegungssprache. Besonders spektakulär gerät eine Sequenz mit einem Rollstuhlfahrer auf einer Halfpipe. Das wirkt weder als Schauwert noch als Symbolik, sondern als organischer Teil des Bühnengeschehens.
Die Kostüme von Zyanya Keizer bleiben angenehm unaufgeregt und orientieren sich konsequent an Figuren und Zeitebenen. Bart van den Heuvels Lichtdesign erzeugt gemeinsam mit den Wassereffekten immer wieder eindrucksvolle Stimmungen und setzt die kreisförmige Bühne wirkungsvoll in Szene.
Auch darstellerisch bewegt sich die Produktion auf hohem Niveau. Ed Larkin, der die Rolle bereits in London verkörpert hat und als erster Rollstuhlfahrer auf einer West-End-Bühne gilt, gestaltet den erwachsenen Henry mit großer Natürlichkeit, trockenem Humor und beeindruckender Bühnenpräsenz. Djavan van de Fliert steht ihm als jugendlicher Henry in nichts nach und bildet mit Larkin ein glaubwürdiges Gegenüber. Beide entwickeln gemeinsam eine außergewöhnliche Dynamik, die das gesamte Stück trägt. Gesanglich überzeugen beide Darsteller ebenfalls.
Joy Wielkens verleiht Mutter Fran Wärme und Entschlossenheit, während Liam Tobin als Vater Andrew zwischen Hilflosigkeit und Fürsorge überzeugt. Vivian Gomez Cardoso setzt als Agnes starke Akzente, Lucia Zemene spielt Katje mit großer Ausstrahlung und bringt dabei auch ihre Beinprothese selbstverständlich in die Rolle ein. Sarah-Jane Wijdenbosch gestaltet Dr. Graham angenehm zurückhaltend. Winny Herbert als Tom Fraser, Jurriaan Bruinier als Will Fraser und Francisco Schuster als Dom Fraser komplettieren ein homogenes Ensemble, in dem jede Figur ihren Platz findet.
„The Little Big Things“ beweist eindrucksvoll, welches Potenzial im zeitgenössischen Musical steckt. Eine intelligente Geschichte, außergewöhnliche Figurenzeichnung, starke Songs und eine hochkreative Inszenierung verbinden sich zu einem Theatererlebnis, das Konventionen hinter sich lässt und neue Perspektiven eröffnet. Diese Amsterdamer Produktion gehört zweifellos zu den spannendsten Musicalinszenierungen, die derzeit in Europa zu sehen sind. Eine deutsche Übersetzung von Daniel Große Boymann soll Ende 2026 vorliegen – dann dürfen sich die Bühnen hierzulande diesem genialen Stoff annehmen.
Text: Dominik Lapp