„Tootsie“ in Baden
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Witziges Verwechslungsspiel: „Tootsie“ in Baden

Wer sich in der Bühnenfassung von „Tootsie“ auf harmlose Travestie und ein paar Kalauer einstellt, wird an der Bühne Baden angenehm überrascht. David Yazbek (Musik und Songtexte) und Robert Horn (Buch) haben aus der gleichnamigen Filmkomödie eine rasante Musicalmaschine gebaut, die den Theaterbetrieb, verletzte Eitelkeiten und die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen satirisch seziert. Roman Hinzes deutsche Übersetzung findet dafür eine Sprache, die den Witz nicht glättet und zugleich den heutigen Blick auf die Geschichte nie aus den Augen verliert.

Felix Seiler erzählt die Geschichte an der Bühne Baden mit hohem Tempo, sicherem Timing und einem Humor, der nicht auf die bloße Pointe lauert, sondern aus Situationen und Figuren erwächst. Nach „On the Town“ an der Oper Graz und „Wonderful Town“ am Landestheater Linz beweist der deutsche Regisseur in seiner österreichischen Saison erneut ein ausgesprochenes Gespür für amerikanisches Unterhaltungstheater.

Seine Inszenierung lässt die komödiantischen Räder auf Hochtouren laufen, gönnt den Charakteren aber ausreichend Raum, um über ihre Funktion im turbulenten Spiel hinaus sichtbar zu werden. Gerade Michaels Verwandlung ist hier keine Nummer im Damenkostüm, sondern ein Prozess, in dem ein Mann die Folgen seiner eigenen Selbstverständlichkeit erfährt.

Simon Stockinger trägt den Abend mit großer Wandlungsfähigkeit. Als Michael ist er ein Getriebener, dessen Besserwisserei zunächst ebenso komisch wie unerquicklich wirkt. Als Dorothy besitzt er Haltung, Temperament und eine fast einschüchternde Direktheit. Stockinger findet für beide Seiten der Figur unterschiedliche Körperlichkeiten, Stimmfarben und Energien, ohne die Rollen künstlich voneinander zu trennen. So bleibt Dorothy immer auch Michaels Erfindung – und wird doch im Verlauf des Abends zu einer Persönlichkeit, an der ihr Schöpfer sich messen lassen muss.

Clara Mills-Karzel gibt Julie Nichols eine kluge, unangestrengte Eigenständigkeit. Ihre Julie ist keine bloße Projektionsfläche für Michaels Begehren, sondern eine Schauspielerin, die um Anerkennung kämpft und sich nicht kleinmachen lässt. Gerade im Zusammenspiel mit Simon Stockinger entsteht eine Spannung, die das Stück über seine Mechanik der Verwechslungen hinaushebt.

Auch das übrige Ensemble nutzt seine Auftritte mit sichtlicher Spielfreude. Sebastian Brummer macht aus Michaels Mitbewohner Jeff Slater einen trockenen Gegenpol mit treffsicherer Gelassenheit. Missy May stattet Sandy Lester mit quirliger Nervosität und verletzlicher Entschlossenheit aus. Franz Frickel gibt dem Regisseur Ron Carlisle die passende Mischung aus Selbstverliebtheit, Überforderung und kalkulierter Betriebsamkeit.

Clemens Otto Bauer kostet die grenzenlose Selbstüberschätzung des alternden Schauspielstars Max van Horn genüsslich aus, ohne die Figur in bloßer Albernheit versanden zu lassen. Marika Lichter macht als Produzentin Rita Marshall aus wenigen scharf gesetzten Momenten ein Kabinettstück souveräner Autorität, während Martin Berger dem Autor Stan Fields eine herrlich gekränkte Männlichkeit verleiht.

Danny Costellos Choreografie greift Seilers Zugriff ideal auf. Sie treibt die Szenen voran, formt aus Probenchaos, Backstage-Hektik und Bühnenzauber eine bewegliche Einheit und nutzt das Ensemble als Motor des Abends.

Darko Petrovics Bühnenbild bewegt sich überzeugend zwischen Probenraum und großer Showbühne. Die Übergänge machen sichtbar, wie nah Alltag, Eitelkeit und Kunstbetrieb beieinanderliegen – Kulissen werden zu Arbeitsräumen, Arbeitsräume zu Orten der Illusion. Ales Valáseks Kostüme unterstützen die Figurenzeichnung mit viel Sinn für Farbe, Silhouette und den Kontrast zwischen Theaterglanz und privater Unordnung. Nach seiner Arbeit für „Der Schimmelreiter“ in Fulda zeigt der Designer auch in Baden, wie sehr Kleidung auf einer Musicalbühne Charakter, Status und Spielidee mitgestalten kann.

David Yazbeks Musik verlangt Stilwechsel, rhythmische Wendigkeit und ein ausgeprägtes Gespür für Pointen. Unter Victor Petrovs Leitung begegnet das Orchester der Bühne Baden dieser Partitur mit Schwung, Transparenz und dem nötigen Drive für die funkigen, rockigen und broadwaynahen Klangwelten.

So gelingt der Bühne Baden ein ebenso unterhaltsamer wie kluger Abend. „Tootsie“ bleibt eine große Komödie, aus der Felix Seiler und sein hervorragend aufgelegtes Team ein Musical machen, das sein Publikum mitreißt und ihm zugleich einiges zu denken gibt.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert sowie ein Volontariat als Onlineredakteurin absolviert. Die Journalistin liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.