„Wonderful Town“ in Linz
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Musikalisch und choreografisch packend: „Wonderful Town“ in Linz

Mit „Wonderful Town“ bringt das Landestheater Linz ein Musical auf die Bühne, das im Schatten seines berühmteren Geschwisters „On the Town“ steht – und doch unverkennbar die Handschrift Leonard Bernsteins trägt. Musik von Bernstein, Gesangstexte von Betty Comden und Adolph Green, dazu ein Buch von Joseph Fields und Jerome Chodorov, in der deutschen Fassung von Roman Hinze: Das ist ein Versprechen von Esprit, Rhythmus und urbanem Witz.

Regisseur Felix Seiler, der sich bereits in Graz mit „On the Town“ profilierte, übernimmt auch hier die Inszenierung und beweist erneut sein Gespür für Musicals. Seine Personenregie ist aufmerksam, detailreich und von einem feinen Blick für zwischenmenschliche Konstellationen geprägt. Er entwickelt stimmige Bilder, setzt klare Akzente und hält das Tempo hoch, wo immer es das Material zulässt. Doch gegen die strukturellen Schwächen des Stücks kommt auch er nicht vollständig an: Die Dialogpassagen geraten unerträglich lang, die Handlung tritt auf der Stelle, und man ertappt sich dabei, von Nummer zu Nummer zu denken.


Umso mehr Gewicht trägt die Choreografie von Danny Costello, die mit Verve, rhythmischer Klarheit und szenischer Energie überzeugt. Hier gewinnt der Abend seine eigentliche Spannung: Die Tanzszenen bündeln, was dem Buch fehlt, und treiben das Geschehen mit Nachdruck voran. Costello gelingt es, den Puls der Stadt – dieses imaginierten New York der Dreißigerjahre – körperlich erfahrbar zu machen und dem Abend jene Dynamik zu verleihen, die die Dialoge oft vermissen lassen.

Das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer entwirft dazu ein Großstadtbild, das unterschiedliche Schauplätze effizient andeutet. Es ist ein funktionales, zugleich atmosphärisch dichtes Setting, das die Rastlosigkeit der Metropole spiegelt. Aleš Valášeks Kostüme fügen sich stimmig ein: zeitgemäß, charakterisierend, ohne aufdringliche Effekte. Michael Grundners Lichtdesign sorgt wie gewohnt für differenzierte Stimmungen und modelliert die Räume mit sicherer Hand.

Musikalisch ist der Abend in besten Händen bei Tom Bitterlich, der das Brucknerorchester Linz mit klarem Zugriff durch die Partitur führt. Bernstein verlangt Präzision ebenso wie Flexibilität, jazzige Leichtigkeit ebenso wie symphonische Wucht – Bitterlich balanciert diese Anforderungen souverän aus. Der Klang bleibt transparent, die rhythmischen Konturen sind scharf gezeichnet, die Übergänge zwischen den Nummern gelingen fließend. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Hier liegt das Fundament, auf dem der Abend trägt.

Im Zentrum stehen die beiden Schwestern Sherwood, die in der Fremde ihr Glück suchen. Sarah Schütz gestaltet Ruth mit überzeugender Bühnenpräsenz und feinem Gespür für die neurotischen Untertöne der Figur. Ihre Szenen gewinnen gerade dort an Kontur, wo das Buch auszufransen droht. Patrizia Unger als Eileen setzt einen helleren, charmant-naiven Gegenpol, der jedoch nicht in bloße Oberflächlichkeit kippt. Gemeinsam tragen sie die Inszenierung durch ihre glaubwürdige Geschwisterdynamik.

Max Niemeyer gibt Robert Baker mit angenehmer Selbstverständlichkeit, während Gernot Romic als Frank Lippencott solide Akzente setzt. Alfred Rauch nutzt die Rolle des Appopolous für markante komische Momente, Joel Parnis als Officer Lonigan bleibt präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Karsten Kenzel als Chick Clark und David Rodriguez-Yanez als Loomis runden das Ensemble mit charaktervollen Auftritten ab.

So entsteht ein Abend, der zwischen zwei Polen oszilliert: auf der einen Seite ein musikalisch und choreografisch packendes Erlebnis, auf der anderen ein erzählerisch zähes Fundament. Seilers Inszenierung arbeitet sichtbar daran, diese Spannung produktiv zu machen, und erreicht dies in vielen Momenten. Doch die eigentliche Stärke von „Wonderful Town“ liegt auch in Linz dort, wo Bernstein spricht – oder besser: singen und tanzen lässt.

Text: Patricia Messmer

kulturfeder.de

Patricia Messmer hat Medien und Musik studiert sowie ein Volontariat als Onlineredakteurin absolviert. Die Journalistin liebt Reisen, Sprache, Musik, Bücher, Filme, Serien und Musicals.